«Wir waren selbst überrascht – aber ihre Gehirne zeigten deutliche Hinweise, dass da Viren am Werk waren.» Man spürt die Betroffenheit im Publikum, als Joel Dudley auf dem diesjährigen «Alzheimer’s Disease Research Summit» in Maryland von den Ergebnissen seiner Studie berichtet. Denn der US-amerikanische Genetiker hat zusammen mit anderen Forschern die genetischen Sequenzen der Gehirne von 600 Verstorbenen ausgewertet – und dabei in den Gewebeproben von Alzheimer-Patienten eindeutig und in einem überdurchschnittlichen Ausmass die Erbgutspuren viralen Lebens gefunden. Wie etwa vom Humanen Herpesvirus HHV-6, das bei Babys für Drei-Tage-Fieber sorgt. Und eben auch vom Herpes-Simplex-Virus, das Lippen in juckende Krustenlandschaften verwandelt. «Die Gehirne von Alzheimer-Patienten waren teilweise doppelt so stark belastet wie die von gesunden Kontrollpersonen», so Dudley.

Die Viruslast zeigte sich dabei umso grösser, je weiter die Demenz fortgeschritten war. Was ein deutlicher Hinweis darauf ist, dass der Mikroorganismus und die Erkrankung zusammenhängen. «Ich glaube zwar nicht, dass Viren die Alzheimer-Demenz auslösen», betont Dudley. «Aber sie spielen sicherlich eine Schlüsselrolle, was den Verlauf der Erkrankung angeht.»

Es ist noch nicht lange her, dass man belächelt wurde, wenn man Keime und die weltweit grassierende Demenz miteinander in Verbindung brachte. Doch vor rund einem Jahr veröffentlichten 31 international renommierte Alzheimer-Experten ein Statement, in dem sie beklagten, dass man sich in der Entwicklung von Therapien zu sehr auf die Amyloid-Plaques und Tau-Proteine im Gehirn fokussieren würde. Diese Ablagerungen seien zwar typisch, doch man müsse auch untersuchen, welche Faktoren ihre Entstehung begünstigen würden. «Und dazu zählen unbestreitbar Infektionen», so das Experten-Gremium.

Neben Herpes-Viren scheinen vor allem Chlamydien und Spirochäten – beide gehören zu den Bakterien – die Entstehung von Alzheimer zu begünstigen. Ihnen gelingt es in besonderem Masse, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden, die mit zunehmendem Alter des Menschen immer durchlässiger wird. Im Gehirngewebe werden die Keime dann, wie Forscher der Amerikanischen Harvard University im Labor nachgewiesen haben, in einer klebrigen Proteinmasse eingeschlossen. Was einerseits die Infektion beseitigt, andererseits aber auch Protein-Bakterien-Klumpen, eben die Amyloid-Plaques, entstehen lässt. Eigentlich sollte das Gehirn sie wieder auflösen können, doch vielen Menschen fehlen die physiologischen Voraussetzungen dazu – und dann lasten die Plaques wie giftige Betonklötze auf den Hirnneuronen und die Alzheimer-Erkrankung nimmt ihren Lauf.

Was aber nicht heisst, dass jeder, der schon mal Herpes-Bläschen auf den Lippen hatte, befürchten muss, sein Leben in Demenz abzuschliessen. «Wir wissen mittlerweile, dass Menschen mit dem sogenannten ApoE2-Gen die Plaques in ihrem Gehirn gut auflösen können und ein geringes Alzheimer-Risiko haben», betont Harvard-Forscher Rudolph Tanzi. Und einige der unter Verdacht stehenden Keime lassen sich auch vorbeugend ausschalten, und das mit relativ einfachen Mitteln. So betont Judith Miklossy, dass sich die wendelförmigen Spirochäten besonders gerne in ungepflegten Mündern aufhielten. «Mit einer aufmerksamen Zahn- und Oralhygiene», so die Forscherin, «trägt man also auch zur Alzheimer-Prävention bei.»