Für Männer ist es oft schwierig, in ihrem Umfeld über Probleme unter der Gürtellinie zu sprechen. Den Besuch beim Urologen verschweigt man lieber, als ihn den Arbeitskollegen unter die Nase zu reiben. Einerseits verständlich. Andererseits – warum eigentlich? Es ist Zeit, mit einigen Mythen aufzuräumen! Lukas Hefermehl, Facharzt für Urologie am Kantonsspital Baden, über Mythen und Lendenlegenden. Was ist da dran?

Mythos 1: Bei der Urologie geht es nur um die Geschlechtsorgane des Mannes.

Zum Glück ist mein Beruf um einiges interessanter. Die Urologie befasst sich hauptsächlich mit der Niere, dem Harnleiter, der Harnblase und der Harnröhre – bei beiden Geschlechtern. Beim Mann kommen die Geschlechtsorgane und die Prostata dazu. Diese Organe können eine Vielzahl von Problemen verursachen, zum Beispiel Tumore, Infekte oder Steine. Als chirurgische Disziplin ist meine Aufgabe neben der Diagnostik unter anderem auch die operative Therapie dieser Probleme.

Mythos 2: Beim Urologen ist eine «Untersuchung mit dem Finger» garantiert.

Sie sprechen die sogenannte digitalrektale Untersuchung an. Sie ist für gewisse Fragen, etwa bei Prostataproblemen, immer noch eine wichtige Untersuchungsmethode – sie muss aber bei weitem nicht bei jedem Patienten durchgeführt werden. Zudem ist die Untersuchung für die allermeisten Patienten höchstens etwas unangenehm, in der Regel aber überhaupt nicht schlimm. Also definitiv kein Grund, nicht zum Urologen zu gehen.

Mythos 3: Handystrahlen machen unfruchtbar.

«Bisher konnte keine Studie einen direkten Zusammenhang von Handystrahlen und Unfruchtbarkeit nachweisen. Tatsächlich konnte aber festgestellt werden, dass die Spermienqualität in den letzten Jahren zunehmend schlechter geworden ist. Als Ursachen vermutet man unter anderem Chemikalien, die wir über die Nahrung aufnehmen, also Pestizide, Hormone oder Schwermetalle. Auch wenn der Zusammenhang mit Handystrahlung aktuell nicht bewiesen ist, finde ich es wichtig, dass das Thema weiterhin seriös untersucht wird und dass man Grenzwerte definiert.

Mythos 4: Fahrradfahren macht impotent.

Fahrradfahren in normalem Umfang hat keinen negativen Einfluss auf die Potenz. Bewiesen sind vielmehr folgende Faktoren, die zu Impotenz führen: Bewegungsmangel, Übergewicht oder erhöhte Blutfettwerte – alles Dinge, die regelmässiges Fahrradfahren verhindern könnte. Bei intensivem Velofahren klagen Männer aber nicht selten über ein Taubheitsgefühl im Genitalbereich, das nach dem Fahren gleich wieder verschwindet. Ob dieses Phänomen einen negativen Einfluss auf die Erek- tionsfähigkeit haben kann, ist ebenfalls nicht bewiesen. Ich empfehle jedoch in dieser Situation eine individuelle Anpassung des Fahrradsattels.

Mythos 5: Wechseljahre – geht das nur Frauen etwas an?

Stimmt nicht. Der Hormonhaushalt der Sexualhormone ist zwar bei Frauen und Männern sehr verschieden. Es gibt aber auch beim Mann mit zunehmendem Alter Veränderungen, die man durchaus als Wechseljahre bezeichnen kann. Dabei kommt es kontinuierlich zu einem langsamen Abfall des Testosterons, was bedeutende Auswirkungen auf den Körper und nicht zuletzt auf die Psyche haben kann. Insbesondere kann es zu einer Abnahme der Muskelmasse und einer Zunahme des Körperfettanteils kommen. Auch vermehrte Müdigkeit und sexuelle Lustlosigkeit sind Anzeichen dieser körperlichen Veränderung beim Mann ab einem gewissen Alter.»

Mythos 6: Ach was, ich bin ein Mann, ich «kann» immer!

«Die typische männliche Selbstüberschätzung! Tatsächlich ist die uneingeschränkt abrufbare Erektionsfähigkeit ein Mythos, der sich in unserer Gesellschaft hartnäckig hält. Männer können sich damit stark unter Druck setzen und so ein bereits vorhandenes Potenzproblem noch verstärken. Sexualität ist etwas Persönliches und Individuelles – ein kontinuierlicher Prozess, der sich im Laufe der Zeit verändern kann und darf. Zudem gibt es viele Faktoren, die sich auf die Libido auswirken können, wie Müdigkeit, Stress oder die Jahreszeit. Wichtig ist, dass sich Paare über sexuelle Bedürfnisse unterhalten und Probleme ansprechen. Aus meinen Sprechstunden weiss ich, dass Frauen oft verständnisvoll reagieren, sobald sich Männer öffnen und über Potenzprobleme sprechen.

Mythos 7: Bei Erektionsproblemen löst die «blaue Pille» sämtliche Probleme.

Das trifft in vielen Fällen zu. Tatsächlich war es vor genau 20 Jahren eine kleine Revolution, als die blaue Pille auf den Markt kam. Vorher gab es nichts Vergleichbares. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Medikamenten aus dieser Substanzklasse, welche in den meisten Fällen erfolgreich eingesetzt werden. Allerdings gibt es in manchen Fällen auch Nebenwirkungen, die von Kopfschmerzen, Schwindel oder Sehstörungen bis hin zu unangenehmen Dauererektionen reichen können.

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