Noch vor zwanzig Jahren wusste kaum jemand, was Faszien sind. Heute kennt den Begriff jeder, der sich auch nur entfernt mit dem Thema Bewegung und Gesundheit beschäftigt. Kein Fitnesstraining, keine Pilates- oder Yogastunde, in denen nicht irgendwann betont wird, wie wichtig es sei, die Faszien zu trainieren. Mindestens genauso bekannt: die festen Schaumstoffrollen, mit denen man die Faszien zusätzlich bearbeiten kann.

Faszien gab es schon immer, nur dass man sie früher einfach Bindegewebe nannte. Binde-Gewebe deshalb, weil diese silbrig weisse dünne Haut Muskeln, Knochen, Gelenke, Organe, Blutgefässe und Nerven umhüllt und auf diese Weise alle Bestandteile des Körpers miteinander verbindet. Dabei wirkt sie stabilisierend und beeinflusst auf diese Weise Haltung und Form unseres Körpers und damit unser ganzes Erscheinungsbild.

Hype um das Bindegewebe

Solange das alles war, was man über die Faszien wusste, waren sie kein Thema. Der heutige Hype um sie kam vor ungefähr zehn Jahren ins Rollen, als Forscher herausfanden, dass das bis dato missachtete Bindegewebe jede Menge Nervenendigungen und Rezeptoren besitzt und deshalb wie ein zusätzliches, ein inneres Sinnesorgan fungiert. Heute weiss man, wie sensibel die Faszien für alle Vorgänge in unserem Organismus sind. Sie sammeln und senden Informationen über Lage und Bewegungen des Körpers, über Störungen von Organfunktionen sowie über Schmerzen.

Gleichzeitig reagieren sie selbst äusserst schmerzempfindlich, vor allem wenn sie trocken und spröde werden, wie es mit zunehmendem Alter geschieht, aber auch bei Bewegungsmangel. Dann verändern die Faszien ihre Struktur. Sie verlieren an Geschmeidigkeit, beeinträchtigen das bis dahin reibungslose Nebeneinander von Geweben und verkleben – wodurch sie möglicherweise zur Entwicklung chronischer Schmerzen betragen, zum Beispiel im Rücken- und Nackenbereich. Man weiss, dass – dank einer sogenannten Reflexsteuerung – die Muskeln funktionierende Faszien brauchen, um sich richtig entspannen zu können.

Wer nun rätselt, wie er seine Faszien am besten in Höchstform bringt, kann beruhigt sein: Nichts ist unkomplizierter als Faszientraining. Praktisch jede sportliche Betätigung geht mit Faszientraining einher. Man kann gar nicht Sport treiben, ohne dabei auch seine Faszien zu fordern. Dr. Michael Gengenbacher, Chefarzt des Zentrums Rheuma Rücken Schmerz im Bethesda Spital Basel: «Faszientraining, das ist in erster Linie Dehnen, Springen, Wippen, Arme- und Beine schwingen. Irgendetwas davon ist bei den meisten Sportarten oder zumindest beim Aufwärmen mit dabei.»

Für Elastizität und einen guten Stoffwechsel

Wer trotzdem einzelne Körperregionen speziell bearbeiten will, kann eine sogenannte Black Roll zu Hilfe nehmen. Die feste Schaumstoffrolle ist inzwischen nicht mehr unbedingt «black» und ausserdem in verschiedenen Härtegraden – die weichsten für die Anfänger – erhältlich. Die Selbstmassage mit solchen stabilen Rollen lockert und löst nicht nur Verspannungen und Verklebungen, sondern fördert über eine Anregung des lokalen Stoffwechsels auch die Elastizität. «Aber bitte nicht übertreiben!», warnt Dr. Michael Gengenbacher, «zwei- bis dreimal pro Woche fünf bis zehn Minuten, das genügt.» Da Faszientraining auch die Muskeln beanspruche, sei nach starker körperlicher Aktivität eine mindestens einstündige Pause nötig, um die Muskulatur nicht zu überreizen. Ausserdem, so Dr. Gengenbacher, solle man besser nicht jeden Tag dieselbe Stelle über die Rolle schieben, sondern immer abwechseln und zwischen Trainings derselben Körperpartien mindestens 36 Stunden verstreichen lassen.

Was man jedoch nicht machen sollte: Sporttreiben durch Faszientraining zu ersetzen. Dr. Gengenbacher: «Sich nur auf die Faszien zu konzentrieren und sich ansonsten kaum zu bewegen, bringt nichts. Der Körper braucht beides, damit wir uns wohlfühlen.»