Kennen Sie den? «Mami, Mami, gibts heute wieder Vanille-Pudding mit roter Grütze?» «Nein, Opas Wunde hat aufgehört zu eitern.» Iiiiiiih, abscheulich! Eiter löst – wie Fäulnis und Verwesung – weltweit Ekel aus. Weil all dies uns an unsere Sterblichkeit erinnert, glaubt Paul Rozin, emeritierter Professor der Universität von Pennsylvania (USA) und Pionier der Ekelforschung.

Ekel habe eine praktische Funktion, sagt hingegen Valerie Curtis, Professorin an der London School of Hygiene and Tropical Medicine: «Ekel schützt uns.» Vor verdorbenen Speisen, giftigen Substanzen, krankmachenden Keimen. Erbrochenes, Leichen, Eiter – was uns krank machen kann, empfinden wir meist als eklig, so Curtis. «Wenn uns etwas anwidert, weichen wir automatisch davor zurück. So verhindert Ekel, dass wir mit Keimen in Kontakt kommen.»

Eine Studie der Universität von Toronto in Kanada zeigt, dass auch die Ekelgrimasse dazu dient, uns zu schützen – sie schirmt die Sinnesorgane ab: Die Augen werden zusammengekniffen, die Nasenlöcher verkleinert, sodass möglichst wenig von der ekelerregenden Substanz in uns eindringt.

Ekel schützt uns vor Infektionen

Übelkeit und Brechreiz, Schweissausbrüche, sinkenden Blutdruck bis hin zur Ohnmacht: Ekel kann starke körperliche Reaktionen auslösen. Gemeinhin gilt Ekel als Affekt, nicht als Instinkt, da er nicht angeboren ist, sondern durch Sozialisation erworben wird. Dem widerspricht Valerie Curtis: «Ekel erlernen wir nicht erst im Laufe des Lebens. Ekel hat sich im Laufe der Evolution entwickelt und ist fest in unseren Genen verankert.»

Gemäss ihren Untersuchungen lösen verdorbene Lebensmittel, Kadaver, Kot und Eiter über die Kulturen hinweg die grössten Ekelgefühle aus. «Diese Sekrete des Körpers sind auch die Gefährlichsten», sagt Curtis. So enthält ein Gramm Kot Milliarden von Mikroben; mehr als zwei Millionen Menschen sterben jedes Jahr weltweit an Durchfall. «Die Ansteckung durch Exkremente hat schlimmere Folgen als viele Kriege.» Laut Curtis hat sich der Ekel also evolutionär entwickelt, damit wir den Kontakt mit Krankheitserregern meiden.

«Die Empfindung Ekel ist dem Menschen nicht angeboren», widerspricht Winfried Menninghaus, Professor für Literaturwissenschaften und Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main. «Die Ekelschranke ist Teil des Erwachsenwerdens», sagt er. Tatsächlich scheinen Kleinkinder Ekelgefühle nicht zu kennen: Sie spielen mit ihrem Kot und nehmen Käfer und Würmer in den Mund. Wenn Mami dann schimpft und aufgeregt mit ihrem Finger im Mund des Kleinen herumstochert, prägt sich das scheinbar schreckliche Ereignis natürlich ein im heranwachsenden Hirn – und das Kind wird mehr und mehr Dinge als ekelhaft taxieren.

Dass Ekel antrainiert ist, dafür spricht auch die Tatsache, dass im selben Kulturkreis manche Menschen Ratten, Spinnen und Schlangen als Haustiere schätzen, während andere sich davor grausen.

Wovor sich der Mensch ekelt

Als Beleg dafür, dass Ekel erlernt wird, zitieren manche Wissenschafter eine Metastudie über 50 «Wolfskinder», die ausserhalb einer menschlichen Gemeinschaft aufgewachsen sind: Sie alle hatten zwar Nahrungspräferenzen und -aversionen, aber keines zeigte Ekelreaktionen.

Innerhalb einer Kultur verschieben sich im Laufe der Zeit die Ekelgrenzen. So war es im Mittelalter in der Schweiz üblich, sich in die Hand zu schnäuzen und bei Tisch zu spucken (so wie es heute noch in China gang und gäbe ist). Auch der Umgang mit Fäkalien war entspannter als heute: Man sass in Reih und Glied auf dem Donnerbalken, schwatzte und spasste miteinander und ass mitunter eine Kleinigkeit. Heute finden wir das eklig. Gleiches gilt für das Essen mit Händen, das früher Usus war (so wie in Indien heute noch).

Ekel kann uns vor Ansteckung schützen. Er kann aber auch krankhafte Züge annehmen. Extreme Ekel-Empfindlichkeit wird in der Psychologie als Idiosynkrasie bezeichnet. Bei der Krankheit Chorea Huntington («Veitstanz») dagegen empfinden Betroffene überhaupt keinen Ekel und können auch den entsprechenden Gesichtsausdruck nicht deuten.

In der Geschichte wurde das starke Gefühl auch instrumentalisiert, etwa um Ressentiments gegen bestimmte Menschengruppen zu schüren. So bezeichneten die Nationalsozialisten Juden als Ratten. Und im Vorfeld des Völkermords in Ruanda verunglimpften Hutu die Tutsi als Kakerlaken. «Menschen als ekelhaft abzustempeln, ist eine mächtige Waffe in der Propaganda», sagt denn auch Valerie Curtis.

Die meisten und widersprüchlichsten Ekelgefühle hängen mit unserer Ernährung zusammen. Da sind mitunter schizophrene Züge zu beobachten. So sind wir bereit, für Hummer oder Austern viel Geld zu bezahlen, vor frittierten Heuschrecken und gegrillten Käfern hingegen ekeln wir uns. Das war nicht immer so: Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam hierzulande Maikäfer-Suppe auf den Tisch.

Tierische Nahrung «entekelt»

Heute können wir es uns leisten, uns vor Insekten zu ekeln, weil uns durch die Massenzucht von Schweinen, Rindern und Hühnern genügend Proteine zur Verfügung stehen. Dabei sind Insekten Grundnahrungsmittel von weit über zwei Milliarden Menschen in Afrika, Südamerika und Asien. Seit der Revision der Lebensmittelverordnung in 2017 dürfen auch bei uns essbare Insekten gehandelt werden, wenn auch nur drei Arten (Heuschrecke, Grille und Mehlwurm). Zahlreiche Menschen in der Schweiz haben seither Insekten gegessen – und den anfänglichen Ekel mit dem ersten Bissen überwunden. Dabei geholfen hat sicherlich, dass die Insekten zumeist in Form von Burgern, Falafel oder Mehl daherkommen und nicht als Insekten erkenntlich sind.

Bei uns wird tierische Nahrung seit langem systematisch «entekelt»: Was wir heute vom Tier verzehren, sieht kaum noch aus wie ein Tier. Köpfe, Zunge, Hirn und Hoden sind längst verschwunden aus den Theken und Kochbüchern. Vielleicht weil sie uns an unsere eigene sterbliche Hülle erinnern. Hat Paul Rozin also doch recht mit seiner Theorie?