Frau Hagmann, wie sexuell aktiv sind Schweizerinnen und Schweizer im Alter?

Dr. med. Gertraude Hagmann: Studien zur Sexualität im Alter sind rar. Bekannt sind mir Zahlen aus Deutschland. Diese besagen, dass von den 50- bis 60-Jährigen, die in einer Beziehung leben, noch rund 80 bis 90% regelmässig Sex haben, bei den über 80-Jährigen sind es fast ein Viertel. Allerdings halte ich nicht viel von Zahlen und Studien. Es gibt den Anschein einer vermeintlichen Normalität.

Und die gibt es nicht?

Nein. Jeder Mensch ist anders, hat eine andere Geschichte. Für den einen hat Intimität einen sehr hohen Stellenwert, für den anderen ist es nicht so wichtig. Es gibt weder richtig noch falsch, sondern nur den eigenen Weg. Leider ist es aber so, dass insbesondere die Medien ein Bild davon malen, wie es in den Schlafzimmern zu- und hergehen soll. Dadurch entsteht ein hoher Leistungsdruck.

Ein Druck, der die Lust nimmt?

Definitiv: Ich hatte mal eine Frau in der Praxis, die keinen Orgasmus bekommen konnte. Der Grund – wie wir in den gemeinsamen Gesprächen herausfanden – war, dass ihre Gedanken permanent darum kreisten, ob sie denn auch gut aussehe. Als sie diesen Gedanken loslassen konnte, kam der sexuelle Höhepunkt ganz automatisch. Beim Sex darf es um Achtsamkeit gehen. Um das Im-Moment-Sein – miteinander. Um das Fühlen, Riechen, Spüren des anderen.

Für die meisten ist der Orgasmus das Ziel beim Sex. Zu Recht?

Der Orgasmus ist nicht alles und sollte beim Liebemachen nicht nur im Fokus stehen. Zärtlichkeit und Nähe sind genauso relevant. Diese Aspekte werden mit zunehmendem Alter umso wichtiger. Die sexuellen Phasen verändern sich im Älterwerden: Die Libido ist nicht mehr so wie in jungen Jahren. Beim Mann dauert es länger, bis der Penis steif ist, die Steifheit nimmt ab und die Erektionsdauer ist kürzer. Bei der Frau ist die Scheide nicht mehr so feucht bzw. es braucht mehr Zeit, bis sie durch die Erregung feucht genug ist.

Neben der Libido verändert sich auch der Körper.

Die Haut ist weniger straff, Haut und Schleimhäute werden trockener, wir bekommen Falten, nehmen eventuell etwas zu – das ist ganz normal und sollte akzeptiert werden. Es braucht ein gesundes Selbstwertgefühl. Denn: Wenn ich mich annehme, wie ich bin, kann ich eher zulassen, von anderen geliebt und begehrt zu werden.

Herausforderungen, die sich meistern lassen?

Primär sehe ich nicht die Intimität im Alter, sondern das Aufrechterhalten einer langjährigen lebendigen Beziehung als die grosse Herausforderung. Ein Berufskollege sagte einst dazu: «Eine Beziehung wird von alleine immer schlechter.» Eine Beziehung muss gepflegt werden. Doch bei älteren Paaren kommt es schnell zu einer «Verdinglichung». Heisst: Die Partnerin oder der Partner wird als antiquiertes Möbelstück gesehen, das man gerne abzustauben vergisst. Die Achtsamkeit füreinander nimmt ab, wenn sie nicht bewusst gepflegt wird.

Was hilft dagegen?

Es sind keine spektakulären Aktionen gefragt. Vielmehr braucht es Zuwendung und gemeinsame Zeit: Zärtlichkeiten im Alltag austauschen; gemeinsame Mahlzeiten einnehmen; miteinander sprechen; einander zuhören; zusammen einem Hobby nachgehen. Langjährigen Ehepartnern rate ich zum Beispiel, sich einen Abend pro Woche frei- zunehmen, um etwas zusammen zu unternehmen, wobei immer abwechslungsweise ein Partner für die Organisation zuständig ist. Geht es den Paaren im Alltag wieder besser, dann profitiert auch die Intimität davon.

Inwiefern?

Wenn es im Bett nicht mehr läuft, ist die fehlende Kommunikation darüber oft die Ursache. Das ist auch die Hauptaufgabe von uns Sexualtherapeuten: Den Klientinnen und Klienten einen Raum bieten, wo mehr ausgesprochen werden kann. Indem ich nachfrage, unterstützte ich die auf der Strecke gebliebene Kommunikation über Intimität. Ein Beispiel: Ein Paar kam in meine Praxis. Die Frau meinte: «Ich habe keine Lust mehr.» Dann gilt es nachzufragen: «Worauf denn nicht?» So kam heraus, dass ihr die Geste des Mannes zuwider war, mit der er anzeigte, dass er Lust auf Sex hätte. Umgekehrt gilt es auch zu fragen: «Worauf hast du Lust?» Offene Gespräche sind für ein erfülltes Intimleben ganz wichtig – nicht nur im Alter.