Eine Patientin litt an Eisenmangel. Ihr Hausarzt beschied ihr: «Kein Wunder, wenn Sie sich vegan ernähren.» Solche Geschichten kennt Barbara Schönthal. «Zugunsten von inkompetenten Belehrungen verzichtete der Hausarzt auf weitere Abklärungen», erzählt sie.

Barbara Schönthal arbeitet bei VegMedizin, einem telemedizinischen Zentrum, das sich auf Vegetarier und Veganer spezialisiert hat. Dort wurde auch die besagte Patientin weiter beraten und untersucht. Die Ursache des Eisenmangels konnte schliesslich gefunden werden. Verantwortlich sei jedoch nicht die vegane Ernährung gewesen, sondern eine gutartige Darmgeschwulst, die chronisch blutete und den Eisenmangel verursachte.

Grundversicherung zahlt

Seit zwei Jahren erhalten Veganer auf diese Weise medizinische Hilfe. Mitbegründer der Online-Praxis für Vegetarier und Veganer ist Alexander Walz, Leiter der Inneren Medizin des Kantonsspitals Obwalden.

Die Beratungen finden teils via moderne Kommunikationsmittel wie verschlüsselte E-Mail oder eine Live-Konferenz statt, teils aber auch übers Telefon oder beim persönlichen Gespräch in einer Praxis. Dabei kann der Dienst auf einen Pool von 12 Ärzten zurückgreifen, beschäftigt Ernährungsberater und pflegt Kontakte zu Spitälern. «Neben den reinen Sprechstunden bieten wir schweizweit apparative Abklärungen wir Ultraschall, Röntgen, aber auch Labordiagnostik an», schreibt Barbara Schönthal der «Nordwestschweiz». Innerhalb von 24 Stunden könne jedes Medikament nach Hause geliefert werden. Die Kosten seien mit der eines Hausarztes vergleichbar. «Unsere Leistungen sind von der Grundversicherung in der Schweiz gedeckt.»

Auf Wunsch der Patienten

Aber braucht es das wirklich – eine Art Arztpraxis nur für Vegetarier und Veganer? Leider ja, meint Schönthal. VegMedizin sei auf Patientenwunsch entstanden, da etliche Patienten schmerzliche Erfahrungen mit «vorurteilsbeladenen» Ärzten gemacht hätten.

«Teils sind Ärzte in Bezug auf die vegane Ernährung nicht immer auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand», weiss auch Valentin Salzgeber, selber Arzt und Vorstandsmitglied bei der Veganen Gesellschaft Schweiz. Der Grund sieht er in der Ausbildung, aber nicht nur: «Wir wurden alle so erzogen, dass wir denken, Ärzte wüssten viel über Ernährung. Das ist aber leider oft überhaupt nicht der Fall.»

Die Vegane Gesellschaft Schweiz setzt aber vor allem darauf, die Hausärzte über die vegane Ernährung zu informieren, sie aufzuklären. «Es kann eigentlich nicht sein, dass wir eine auf Veganer spezialisierte Arztpraxis aufsuchen müssen», meint Salzgeber. Es soll keine Parallelwelt für Veganer entstehen. Sondern, das Thema vegan soll möglichst etwas Alltägliches werden, meint Salzgeber weiter.

Angst vor Anfeindungen

Das wünscht sich auch Barbara Schönthal: «Im Idealfall werden wir irgendwann unnötig.» Darum bietet VegMedizin ausserdem Fortbildungen für Ärztekollegen an und sehe sich nicht als Konkurrenz zu «normalen» Hausärzten. «Wir verfolgen keine kommerziellen Zwecke, sondern allfällige Überschüsse sollen kontinuierlich reinvestiert werden beziehungsweise in Aufklärungsprojekte fliessen.»

Dass veganfreundliche Ärzte noch nicht zufriedenstellend akzeptiert sind, zeigt Folgendes: Nur zwei der zwölf Ärzte sind auf der Website aufgelistet. Schönthal: «Es werden bewusst nur die Schlüsselpersonen vorgestellt, da es immer wieder Anfeindungen gibt.»