Wie gemütlich war doch der vergangene Winter, der uns auf allen Kanälen die dänische Hygge-Philosophie ans Herz legte: knisterndes Kaminfeuer, selbst gebackener Kuchen, wärmende Wollsocken und viele liebe Freunde um uns herum. Da mochte es draussen in der Welt noch so unwirtlich zu- und hergehen, in den eigenen vier Wänden war alles im grünen Bereich.

Aber ein Trend ist eben auch vergänglich. Deshalb steht schon der nächste vor der Tür. Und die Bücherflut über Hygge in den Buchhandlungen ist am Verebben. Lagom heisst der neue Trend, kommt ebenfalls aus dem Norden und ist sozusagen die schwedische Formel zum Glück.

Noch nie gehört? Das muss Sie nicht weiter beunruhigen. Wer der schwedischen Sprache nicht mächtig ist, hat das Wort wohl kaum je gehört. Es ist auch nicht so, dass die Schweden ein Trara um Lagom machen würden. Es huscht ihnen eher mal so locker über die Lippen – fast wie unser «passt schon» oder «okay».

Dabei hat es das Wörtchen durchaus in sich. Kurz und prägnant, aber ungeheuer bedeutsam ist es nämlich für Schweden. So bedeutsam, dass man sagt, es fange die schwedische Identität sozusagen in der Nussschale auf.

Übersetzt werden kann Lagom (ausgesprochen wird das a übrigens wie ein kurzes o, und das o wie ein u, also «Logum») ungefähr mit «angemessen, gerade richtig». Im Englischen oder im Deutschen brauchen wir dazu Umschreibungen wie: nicht zu gross und nicht zu klein, nicht zu kalt und nicht zu warm oder nicht zu langsam und nicht zu schnell.

«Wir haben ein ganz eigenes, einzelnes Wort dafür, und das sicher deshalb, weil wir es einfach gut finden, wenn jemand oder etwas lagom ist», meinte Åke Daun in einem Interview gegenüber Radio Schweden. Der in diesem Sommer verstorbene Wissenschafter gilt als bekanntester Forscher in Sachen schwedische Mentalität und schrieb das viel beachtete Buch «Svensk mentalitet». «Wir mögen nun mal das Massvolle und bringen das auf diese Weise zum Ausdruck.»

Der Ausdruck soll übrigens auf die Wikinger zurückgehen und den Vorgang eines herumgehenden Trinkhorns oder Bechers bezeichnen, der genau so viel enthält, dass jeder in der Runde einmal und gleich viel davon trinken konnte.

Laut Sprachwissenschaft geht das Wort zurück auf «laget om» – sinngemäss für «einmal für die ganze Mannschaft» und wurde zu «lagom» verkürzt.

«Lagom, das ist Schweden, so wie Schweden lagom ist», brachte es Åke Daun auf den Punkt. Das Wort ist also mehr als ein Wort. Es beinhaltet eine Lebensphilosophie, eine Grundhaltung. Die gebürtige Nigerianerin Lola A. Åkerström, die in Schweden lebt, beschreibt in ihrem Buch «In der Mitte liegt das Glück» Lagom als schwedischen Lebensstil, der sich aus Bewusstsein, massvollem, gesundem Leben und Nachhaltigkeit zusammensetzt. «Nicht durchschnittlich, nicht mittelmässig. Nein, genau im richtigen Mass.» Diese Lebenseinstellung sei «ein Statement gegen jegliche Form von Exzess, Übertreibung, unnötiges Aufsehen und Angeberei».

Die Suche nach dem inneren Frieden

Diese Prinzipien passen perfekt in unsere Zeit, in der sich immer mehr Menschen in ihrem Alltag nach Minimalismus, Achtsamkeit und Ausgewogenheit sehnen, so sieht es die Badener Trendforscherin Joan Billing. Erste Vorboten sah Billing bereits in der weltweiten Bewegung des «Normcore», der sich vor ein paar Jahren ins Gespräch brachte.

Der Hybrid aus «Normal» und «Hardcore» steht für eine unscheinbare, vollkommen langweilige «Normalo-Generation». Schon Anfang 2013 erklärte Li Edelkoort, eine der wichtigsten Trendforscherinnen unserer Zeit, das Thema «Bland – fade oder langweilig» zum Trend einer neuen Generation, die vom Internet absorbiert wurde und nicht mehr anders als alle anderen sein will. Diese Generation sei höflich, angepasst und unauffällig, will in der Masse aufgehen und so das Individuum schützen. «Auch Lagom gehört zu einer dieser Trendbewegungen», sagt Joan Billing.

Auf der Suche nach innerem Frieden und Harmonie gehe die neue digitale Generation Y einen ganz eigenen Weg. «Entschleunigung ist ihr Mantra, als Gegenbewegung zu Sofortness. Ihr elementares Bedürfnis heisst Work-Life-Balance. Geprägt durch die Chancen und Gefahren der Globalisierung und Digitalisierung, hinterfragt sie starre Hierarchien und untersucht Althergebrachtes.» Im Zentrum steht mehr Zeit für sich, Freunde und Familie. «Sie legt grossen Wert auf Nachhaltigkeit, Transparenz und Sinnhaftigkeit. Werte, die auch Lagom beinhaltet.»

Kultur der Fairness

Man kann nun denken, dass die Philosophie von Lagom nach einem rundum balancierten Leben nicht wirklich ein neues Phänomen sei. Schon die Griechen, aber auch fernöstliche Philosophien suchten schliesslich das Glück der Mitte. Und doch scheint das Wörtchen den Nerv der Zeit zu treffen. Plötzlich ist alles lagom. Kürzlich flatterte eine Ankündigung über die Pflegeprodukte-Linie Barnängen aus Schweden in die Mailbox, die nun auch in der Schweiz angeboten wird. Natürlich ist sie lagom.

In Korea gibt es eine Beauty-Marke namens Lagom. Selbst das schwedische Möbelhaus Ikea will sich eine Scheibe dieses Trends abschneiden und hat das Projekt «Live Lagom» ins Leben gerufen. Und bereits gibt es ein Magazin namens «Lagom». Es erscheint auf Englisch (in der Westschweiz am Kiosk erhältlich) und wird von einem Team in Bristol zweimal jährlich herausgegeben.

Wie kommt man aber zu einem Leben im richtigen Mass, wenn man Lagom nicht schon mit der Muttermilch aufgesaugt hat? Das versuchen mehrere Bücher zu erklären. Fakt ist, dass Lagom eben nicht nur eine innere Haltung ist, sondern praktisch alle möglichen Lebensbereiche umfasst. Zudem ist Lagom wie ein Verwandlungskünstler und verändert sich je nach Situation. «Unter bestimmten Umständen kann es lagom sein, emotional zu reagieren – oder aber gleichgültig. Lagom kann Qualität oder Quantität bestimmen, positiv oder negativ gedeutet werden. Es kann auch Realitätssinn, Logik und gesunden Menschenverstand kennzeichnen», schreibt Lola A. Åkerström.

Das zieht sich durch sämtliche Lebensbereiche – vom Essen über die Mode und Design bis hin zu Job und Finanzen. «Dabei geht es nicht um tatsächliche Perfektion, sondern um die optimale Lösung und eine harmonische Wellenlänge.»

Letztlich steht vor allem eines im Fokus: Achtsamkeit und Rücksichtnahme gegenüber der Umwelt und der Gesellschaft. «Lagom hat eine Kultur der Fairness und des Vertrauens geschaffen», betont der schwedische Unternehmensberater und Ökonom Kjell A. Nordström. «Es zügelt Konsumismus und Selbstsucht, und es sorgt dafür, dass das ganze Team – ob nun eine Schule, eine Firma oder eben auch ein ganzes Land – gerecht an allem beteiligt wird.» Tugenden, die sich in jedem Lebensbereich umsetzen lassen.

Die Schweden haben es nicht nur in Sachen Mode und Design tatsächlich drauf. Das Nordische fasziniert und beeindruckt mit seiner Reduktion aufs Wesentliche und Zeitlose. Es sei deshalb nicht verwunderlich, dass der «New Nordic Raw» einer der angesagtesten Trends in Architektur und Design und in der Gastronomie sei, betont Trendforscherin Joan Billing.

Vielleicht sollten wir uns eine Scheibe «lagom» abschneiden. Schliesslich sollen die Menschen am glücklichsten in Skandinavien sein. Das hat nicht allein mit der unbegrenzten Natur zu tun, sondern eben auch damit, dass sie zufrieden sind mit dem, was sie haben. Wie sagte Oscar Wilde? «Do everything in moderation, even moderation.»