Die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare «ist nicht möglich», hält die Schweizer Bischofskonferenz fest. Ist das nicht allzu knapp? 

Felix Gmür: Das kann man vielleicht so sehen. Die Bischofskonferenz hat das aber nicht aus heiterem Himmel festgestellt, sondern sie hat damit ein eigenes Dokument aus dem Jahr 2002 aufgenommen, ein sehr offenes und langes Schreiben. Wenn der Papst heute sagt, wer bin ich denn, dass ich Homosexuelle verurteilen könnte, dann geht das schon aus diesem Dokument hervor, einfach in anderen Worten.

Eine Segnung des Paares schliesst dies aber nicht mit ein . . .

Diese Menschen gehören selbstverständlich zur Kirche, selbstverständlich sind sie Christinnen und Christen, selbstverständlich begleiten wir sie in ihrem Leben und in ihrem Anliegen, so gut das eben geht. Das Dokument macht aber auch deutlich, dass die Ehe zwischen Mann und Frau von anderen Partnerschaftsformen zu unterscheiden ist. Deshalb ist die Feier der Eheschliessung einzigartig. Andere Feiern sollten sich nicht daran anlehnen, weil sie sonst leicht vermischt und verwechselt werden. Man spricht ja auch von einer Homo-Ehe.

Ist es nicht ein Widerspruch: Man will Lesben und Schwule nicht diskriminieren, ist aber gegen eine Segnung ihrer Partnerschaft?

Wie gesagt: Unsere Kirche unterscheidet deutlich zwischen der Ehe als Verbindung von Mann und Frau und anderen Partnerschaftsformen. Deswegen sieht sie in der Verbindung von Frau und Frau oder Mann und Mann keine Ehe. Sie ist etwas anderes, etwas eigenes. Insofern kann man nicht von Diskriminierung sprechen. Wenn man diese Andersartigkeit nicht anerkennt, wird alles flach und gleich. Der Papst sagt dann, es ist eine allgemeine Gleichgültigkeit festzustellen.

Man kann zwei gleichgeschlechtliche Menschen segnen, sagt die Kirche – aber ihre Verbindung nicht. Das versteht der Bürger auf der Strasse nicht . . .

Bezugspunkt partnerschaftlicher Verbindungen ist für die biblische und kirchliche Tradition die Ehe zwischen Mann und Frau. Ihre Verbindung ist das Abbild des Bundes von Gott mit seinem Volk, von Christus mit seiner Kirche. Da die gleichgeschlechtliche Verbindung keine Ehe ist und daher nicht als Bund gedeutet wird, segnet man nicht die Verbindung, sondern die zwei gleichgeschlechtlichen Personen auf ihrem gemeinsamen Weg miteinander. Es ist aber wichtig, dass man zuvor mit den Betreffenden spricht und sie fragt, was sie sich genau wünschen.

Und welcher Wunsch ist in Ihren Augen angemessen?

Wünscht ein Paar eine Begleitung von Gott? Das geht. Oder eine Art Hochzeit? Das geht nicht. Es darf keine Pseudo-Ehe sein, das wäre nicht redlich. In der kirchlichen Feier soll man alles vermeiden, was an eine Eheschliessung erinnert: den Austausch von Ringen, das Ja-Wort, das ewige Treueversprechen.

Die Ehe als Abbild des Bundes von Christus mit seiner Kirche. Ist das nicht eine Überhöhung?

Diese Deutung stammt von Paulus. Ihr Sinn ist die Treue und die Liebe, trotz des unüberbrückbaren Unterschieds von Gott und Mensch. Diese Treue Gottes sieht Paulus abgebildet in der Treue von Mann und Frau, die bleibend voneinander unterschieden sind, sich aber gerade deshalb ergänzen können.

Finden Sie die heutige Regelung den Bedürfnissen der Gläubigen angemessen? Oder würden Sie es anders machen, wenn Sie frei wären?

Erstens bin ich frei. Und zweitens finde ich es richtig, dass die Ehe in dem, was sie ist, geschützt wird. Mit anderen Verbindungen hat die Kirche Mühe, weil sie nicht in die herkömmliche Sinndeutung passen. Im Kern geht es bei der Bischofssynode im Oktober dieses Jahres in Rom darum, auch für diese Verbindungen Sinndeutungen zu finden. Dass die Kirche danach sucht, ist ein Fortschritt.

Die Kirche sieht also offenbar Handlungsbedarf?

Man nimmt in der Kirche wahr, dass sich die Menschen auch in anderen Verbindungen treu sein möchten, sie haben sich gern und sie möchten sich unterstützen. Hier ist man mit der Diskussion in der Kirche noch nicht weit. Wichtig ist, dass es eine Diskussion um die verschiedenen Formen des Zusammenlebens gibt. Was sind ihre Werte? Worin zeigt sich in ihnen der christliche Glaube?

Welche Vorstellungen gibt es, um die verschiedenen Formen des Zusammenlebens zu begleiten?

Zum Beispiel gibt es die Idee, für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ein bestimmtes Ritual einzuführen. Das Bistum Essen hat diesen Vorschlag zuhanden der Bischofssynode in Rom eingegeben. Ein solches Ritual würde natürlich dann weltweit gelten. Und was die geschiedenen Wiederverheirateten betrifft: Hier haben einige Bischöfe vor einigen Jahren bereits Vorschläge für Segensfeiern gemacht. Sie haben damit argumentiert, dass die Definition eines solchen Rituals hilft, eine Verwechslung mit der Ehe zu vermeiden. Diese Bischöfe sind bis jetzt aber immer zur Zurückhaltung gemahnt worden.

Was denken Sie über die Einführung eines Rituals für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare?

Zunächst geht es um eine Diskussion. Da werden Argumente ausgetauscht, Gründe dafür und dagegen erörtert. Das begrüsse ich sehr, und das ist ja genau ein Ziel der Bischofssynode in diesem Herbst.

Zurzeit gibt es kein bestimmtes Ritual – und der Pfarrer von Bürglen ist vom zuständigen Bischof von Chur zurückgepfiffen worden. Haben Sie auch schon Seelsorger zurückgepfiffen?

Ich bin weder Polizist noch Detektiv. Wenn mir gemeldet wird, ein Seelsorger habe etwas gemacht, das nicht sein sollte, dann fordert der direkte Vorgesetzte die Betroffenen dazu auf, die Angelegenheit im Gespräch miteinander zu klären. Sollte dies nichts fruchten, geht die Beschwerde auf die nächste Vorgesetztenebene. Je nachdem kann es dann einen Verweis oder eine Ermahnung geben. Möglicherweise geht es dann auch darum, einen Seelsorger vor schweren kirchlichen Verstössen zu schützen, zum Beispiel vor der Simulation eines Sakramentes.

Sie wollen nicht Detektiv spielen: Überlassen Sie den Seelsorgenden damit bewusst einen gewissen Handlungsspielraum?

Ich gebe allen Seelsorgenden im Bistum Basel einen Auftrag. Ich habe keinen Grund, ihnen nicht zu vertrauen. Ich gehe davon aus, dass sie ihren Auftrag in guter Verantwortung erfüllen und im Wissen darum, was gilt oder was eben nicht gilt. Es gibt überall Regeln, nicht nur in der Kirche. Und die braucht es auch, damit das Zusammenleben in einer Gemeinschaft funktioniert. Und dann gibt es einen Interpretationsspielraum, auch beim Umgang der Kirche mit gleichgeschlechtlichen Paaren.

Können Sie das konkretisieren?

Wichtig ist für mich Folgendes: Diese Menschen müssen spüren können, dass sie als Christ und Christin in der Kirche einen Raum haben, in dem sie sich entfalten können. Es ist schlimm, wenn sich Leute in der Kirche nicht mehr zu Hause fühlen. Andererseits muss man aber auch sagen, was in der Kirche keinen Platz hat. Dazu gehört, so zu tun, als ob das Zusammenleben von Menschen jeder Art wie eine Ehe ist.

Wir haben den Eindruck, dass sich die römisch-katholische Kirche schwer damit tut, auf Veränderungen zu reagieren – und Sie?

Weltweit gibt es eine Milliarde Katholiken und 4000 Bischöfe. Die verschiedenen Positionen alle unter einen Hut zu bringen, ist sehr komplex. Schon nur in der Schweiz sehen wir, wie schwierig das ist. Es müssen auch nicht alle immer gleicher Meinung sind. Der Respekt gebietet es hingegen, sich gegenseitig nicht die gute Absicht und den rechten Glauben abzusprechen.

Es ist also auch in Ihren Augen nicht ganz einfach, Veränderungen herbeizuführen?

Die Kirche ist nicht schlecht damit gefahren, dass sie nicht auf jeden Zug aufgesprungen ist. Es braucht Zeit, gesellschaftliche Entwicklungen zu verfolgen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir gerade auch in unserer schnelllebigen Zeit ein Thema möglichst rasch abhaken wollen. Vorschnell wird ein bestimmtes Verhalten für gut oder schlecht befunden, etwas ist erlaubt oder eben nicht erlaubt. Das entspricht nicht der Dynamik des Lebens. Menschliche Entwicklungen brauchen Zeit.

Könnte man mit einer regionalen Organisation der Weltkirche nicht besser auf die gesellschaftlichen Bedürfnisse eingehen?

In der globalisierten Welt verwischen sich mehr und mehr die Unterschiede zwischen den Gesellschaften. Heute gibt es in jeder Gesellschaft auf allen Kontinenten sehr unterschiedliche Strömungen, auch innerhalb der Kirche. Die Herausforderung für die Kirche ist, die allgemeinen Leitplanken so zu bestimmen, dass sie für die heutige Zeit dem Evangelium und der reichen kirchlichen Überlieferung entsprechen.

Seit dem Vorfall von Bürglen haben sich vor allem die konservativen Stimmen zu Wort gemeldet. Auch Sie haben bis jetzt geschwiegen – weshalb?

Die Geschichte war seit Anfang Februar ein Hype. Die meisten Medien interessieren sich dann nicht für den Sachverhalt, sondern spielen die Aussagen einzelner Exponenten gegeneinander aus. Deshalb ist es manchmal besser, eine Zeit lang zu schweigen. Es gibt Personen in der Kirche, die Angst haben vor Veränderungen. Sie haben auch Mühe mit Veränderungen, die bereits geschehen sind, und sie finden, dass alles so bleiben soll, wie es ist. Und es gibt andere, die finden, wir sollen die Veränderungen nicht nur erleiden und erdulden, sondern diese Veränderungen prägen und aktiv mitgestalten. Die Kirche lebt ja schon immer mit Veränderungen, denn die Herausforderung von Jesu Wort und die Dynamik des Heiligen Geistes treibt sie dazu an.

Welche Hoffnungen setzen Sie auf Papst Franziskus?

Ich schätze an Papst Franziskus, dass er Raum gibt für Gespräche. Nur das führt weiter. Und das fordert uns heraus. Die Offenheit im Umgang mit unterschiedlichen Meinungen verunsichert auch einige. Wir sind uns das noch wenig gewohnt.

Der Papst prägt also eine neue Diskussionskultur?

Ja. Papst Franziskus möchte das ganze Volk Gottes einbeziehen. Es gab zwar schon immer Diskussionsforen innerhalb der Kirche, aber jetzt werden diese Diskussionen noch breiter und auch öffentlich geführt.

Eine Veränderung wünschen sich viele Christinnen und Christen auch beim Verhältnis der christlichen Konfessionen untereinander. Wo stehen wir mit der Ökumene?

Es gibt vermehrt ein Bewusstsein von dem gemeinsamen Glauben an Christus, also vom Christsein. Zum Beispiel haben die jüngsten Christenverfolgungen, so traurig sie sind, dieses Bewusstsein geschärft. Sie werden ja nicht verfolgt, weil sie katholisch oder protestantisch oder orthodox sind, sondern nur, weil sie Christen sind. Solche Verfolgungen gibt es leider an verschiedenen Orten im Nahen und Fernen Osten und auch in Asien oder Afrika. Der Papst, der eine gute Art hat, Sachverhalte auf einen einfachen Nenner zu bringen, spricht von einer «Ökumene der Märtyrer». «Martyria» bedeutet Zeugnis. Die Märtyrer bezeugen, dass Christsein über die Grenzen der Konfessionen hinausgeht.

. . . in der Schweiz haben wir aber keine Christenverfolgung . . .

In der Schweiz können wir gemeinsam Zeugnis geben und hinstehen und sagen: Ich bin Christ. Im Alltag als Christin und Christ zu leben, ist eine ständige Herausforderung. Dazu gibt es viele Plattformen. So singen wir zum Beispiel beim Kirchenmusikfestival «cantars» über die Konfessionen hinweg gemeinsam zur Ehre Gottes und zur Freude der Menschen. Darüber hinaus müssen die christlichen Konfessionen gerade bei politisch relevanten Themen noch besser mit einer Stimme sprechen. Zum Beispiel dann, wenn es um den Umgang mit Migranten und Flüchtlingen geht, um die Fortpflanzungsmedizin oder auch die Beihilfe zum Suizid.