Guest: Hallo?

Peer: Hey, schön dass du da bist! Wie kann ich dir helfen?

Guest: Ich hab so was noch nie gemacht, kann ich dir einfach erzählen?

Peer: Ja klar!

Diese Nachricht könnte auf einem der Bildschirme von Valy (19) oder Sofie (18) aufgepoppt sein. Ist sie aber nicht. Zumindest nicht in dieser Form. Alles, was die beiden lesen und was sie antworten, dringt nicht nach draussen. Es bleibt innerhalb einer Gruppe von fünf Menschen im Alter von 17 und 24 Jahren. Sie treffen sich jeden Montagabend in Bern, klappen die Bildschirme der Laptops auf und legen für ein paar Stunden ihre richtigen Namen ab. So heisst Valy nicht Valy, Sofie ist nicht Sofie. Ihre Avatare – digitale Tarnkappen – schützen ihre echten Identitäten. Denn die beiden geben im «Peer-Chat» viel von ihrem echten Ich Preis.

In diesem Online-Chat der Pro Juventute schildern ihnen Gleichaltrige ihre Probleme, ihre Sorgen, ihre Ängste. Anonym – auch sie sind mit falschen Namen eingeloggt. Valy und Sofie lassen sie erzählen, fragen nach und geben Tipps. Es sind Ratschläge, wie sie ähnliche Situationen im eigenen Leben gemeistert haben. Und wie sie mit ihren Schwierigkeiten einen Umgang gefunden haben. Welche das sind, steht auf der Website des Chats. Bei Sofie heisst es etwa: Sie könne zu den Themen Trennung der Eltern, früh viel Verantwortung übernehmen zu müssen oder psychische Probleme beraten. Valys Erlebtes kreist um Mobbing und Liebeskummer, aber auch um Abort, Selbstverletzung und Suizidgedanken.

Nur Familie weiss davon

Mit ihren Steckbriefen machen Valy, Sofie und die anderen «Peers» – wie sie sich nennen – einen ersten Schritt. Zeigen, dass bereits in jungen Jahren der eigene Rucksack schwer wiegen kann. Im anonymen Raum eines Chats scheint dies Hürden rasch abzubauen. So auch an diesem Montagabend: «Das bin ich! Diese Person beschreibt genau meine frühere Situation», ruft Valy und lehnt sich näher zum Bildschirm. «Ui, das ist heftig», murmelt sie, als sie eine weitere Chat-Nachricht liest. Sofie, die neben ihr sitzt, guckt sie an: «Kommst du klar?» Auch Coach Katrin wirft ihr einen langen Blick zu.

Katrin begleitet an diesem Abend die Chat-Gruppe, kann sämtliche Gespräche mitlesen. «Die Coachs helfen, wenn die Jugendlichen bei einer Frage unsicher sind. Entwickelt sich das Gespräch in eine gefährliche Richtung, greifen sie ein», sagt Thomas Brunner von Pro Juventute. Er ist zuständig für die Beratungsangebote, die sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche rund um die Uhr via Telefon, SMS, Chat oder E-Mail ihre Sorgen schildern können. Bislang waren es Erwachsene, die ihnen antworteten. Nun auch Gleichaltrige. Wieso? «Sie teilen Sprache, Lebenswelt, Alter und oft auch Erfahrungen. Das macht es für viele Jugendliche einfacher, den Kontakt aufzunehmen», sagt Brunner.

Guest: O. k., also Folgendes: Seit zwei Wochen streiten sich meine Eltern nur noch, fast jeden Abend schreien sie sich an …

Guest: Ich weiss einfach nicht mehr was machen, ich habe Angst, dass sie sich trennen.

Peer: Oh das kann ich gut verstehen, das klingt mega schwer.

Guest: Hast du so etwas auch schon erlebt?…

Auf dem Pausenplatz ihrer Schule wissen die Schülerinnen und Schüler nichts von Valys oder Sofies Beratungstätigkeiten. Sie haben nur den engsten Familienkreis eingeweiht. Dieser würde sie unterstützen und finde es gut, was sie machten, sagen die beiden. Doch was ist es, das sie antreibt? «Anderen Jugendlichen zu helfen», sagt Sofie. Als sich ihre Eltern getrennt haben, hätte ihr ein solcher Austausch geholfen; mit einer Person im gleichen Alter, die dasselbe schon durchgemacht hat: «Dann muss man sich nicht erklären.»

Das Bedürfnis, Gleichaltrigen zur Seite zu stehen, scheinen viele krisengeschüttelte Jugendliche zu teilen. Fast wöchentlich bewerben sich junge Menschen, um beim «Peer-Chat» mitzuwirken. Deshalb bildet Pro Juventute jetzt neue Gruppen aus, die weitere Abende abdecken werden. Mitte Oktober chatten fünf Jugendliche jeweils am Dienstag von Zürich aus. Im Frühling folgen Gruppen in der Romandie und im Tessin.

Unterschiedliche Themen

Dabei werden sie immer wieder mit ihrer eigenen Geschichte konfrontiert sein und auf diese zurückgeworfen. Ist das nicht schmerzhaft – oder gar zu schmerzhaft? «Die jungen Berater dürfen nicht mehr in einer stark belastenden Situation oder in Konflikten stecken», sagt Brunner. «Ihre Erfahrungen müssen reflektiert sein, sonst lehnen wir ihre Teilnahme ab.» Indem die Jugendlichen chatten, sei bereits durch die Schriftlichkeit eine gewisse Distanz eingebaut. Eine Telefonberatung würde er hingegen ablehnen, hält Brunner fest. Zu nah, zu intensiv wären dann die Kontakte. Eine wichtige Stütze für die Peers sei zudem die Gruppe, die jeweils gemeinsam die Chatschicht durchführt, sagt Brunner. Und dann sei da noch der Coach und bei Bedarf eine Supervision. «Wir können nicht ausschliessen, dass unsere Jugendlichen in einer konkreten Beratung an ihre Grenzen stossen. Es gibt aber ein Sicherheitsnetz», hält Brunner fest.

Und wie schätzen dies Valy und Sofie ein? Die beiden blicken sich an. Meistens kämen sie klar. Nur manchmal, erzählt Valy, beschäftige sie das Erzählte noch länger. Etwa, als ein Mädchen ihr schrieb, wie sie die Verantwortung für ihre Mutter übernommen habe, als diese krank war. «Wie bei mir», sagt die 19-Jährige. Und Sofie erzählt, wie nervös sie wurde, als sie in einem Chat von Suizidgedanken las. «Wir wollen auf keinen Fall etwas Falsches schreiben. Deshalb haben wir damals jeden Satz mit dem Coach abgesprochen», sagt sie. Solch anspruchsvolle Chats kommen vor. Immer wieder. Häufig würden Jugendliche ihnen aber auch schreiben, wenn sie unglücklich verliebt sind. Oder nachfragen, wie sie ihren Schwarm ansprechen sollen. Sofie flüstert Valy etwas ins Ohr, die beiden kichern. Ein paar unbeschwerte Sekunden sind sie nur Teenager. Etwas, was man bei ihrer überlegten Art zu antworten leicht vergessen könnte. Rasch nimmt Sofie den Faden wieder auf: «Die Themen sind stark durchmischt. Das ist gut. Niemand darf denken, seine Sorgen seien zu wenig wichtig. Wir sind für alle da.»

Peer: Ja, meine Eltern hatten auch ganz schwere Zeiten und haben sich dann auch getrennt.

Guest: Verdammt, ich habe echt auch das Gefühl, dass meine es nicht mehr lange aushalten zusammen.

Peer: Es kann schon sein, dass sich deine Eltern trennen, da will ich ehrlich sein, und das war auch für mich eine schwere Zeit. Aber mit der Zeit wurde es besser, und das Verhältnis meiner Eltern hat sich nach der Trennung verbessert, jetzt ist alles viel entspannter.

Guest: Was hat dir denn damals geholfen? Wie hast du das überlebt?

Peer: Ich habe mir damals Hilfe bei meinen Freunden gesucht. Viele von ihnen haben auch getrennte Eltern …

Ein Chat kann zehn Minuten dauern, aber auch zwei Stunden, erzählt Valy. Seit fünf Monaten gibt es das Projekt. Seitdem haben knapp 150 Jugendliche Rat bei den Gleichaltrigen gesucht. Wie sich die Geschichten ihrer Chat-Partner weiterentwickeln, wissen die Peers meistens nicht. Der Chat ende oftmals mit einem «Merci vielmals, das hat gut getan», sagt Valy. «Dann weiss ich, weshalb ich es mache.»

Die Peer-Chats finden jeweils am Montag zwischen 19 und 22 Uhr statt. Anmeldung und weitere Informationen unter: www.147.ch/de/peerchat