Jerusalem liegt auf 2500 Meter über Meer im bergigen Hochland Äthiopiens, 700 Kilometer von der Hauptstadt Addis Abeba entfernt. In seinen Gassen lauert kein schwelender Konflikt. In seinen Kirchen herrscht liturgische Einigkeit. Und Trump hat wohl noch nie von dem Ort gehört.

Das ist kein fantastisches Hirngespinst, sondern bloss eine Frage der Perspektive. Und wenn man im mit schweren Vorhängen abgedunkelten Büro von Aba Yared sitzt und dem schwarz gewandeten Bischof in die Augen blickt, kommt kein Zweifel auf, dass dieser kleine Ort im Norden Äthiopiens die wahre «Stadt des Friedens» (so die Bedeutung des Namens «Jerusalem») ist.

Der 45-jährige Geistliche war noch nie im «anderen Jerusalem», wie er es nennt. Auf dem Tisch vor ihm liegt sein Smartphone, in der Hand hält er ein Holzkreuz. «Es bleibt mein Traum, einmal nach Israel zu pilgern. Aber eigentlich bin ich sehr stolz, hier sein zu dürfen», sagt Aba Yared. Auf den Landkarten ist der Ort, an dem der orthodoxe Bischof lebt, als Lalibela eingetragen: ein Dorf mit knapp 10 000 Einwohnern, einem grossen Markt und einem der eindrücklichsten Bauwerke der Menschheitsgeschichte. Hier, im abgelegenen Bergland Äthiopiens, stehen die elf monolithischen Felsenkirchen von Lalibela.

Engel und 40 000 Arbeiter

Der Legende nach soll sie der gleichnamige Kaiser, der das Reich von 1167 bis 1207 regiert hatte, in nur 23 Jahren mithilfe von Engeln aus dem Boden gehauen haben. Den Auftrag dazu, sagt Aba Yared, habe Lalibela direkt von Gott erhalten. «Damit die Pilger keine weite Reise auf sich nehmen mussten und hier in ihrer Heimat ein eigenes Jerusalem erhalten würden.»

Es ist nicht nur Lalibelas Übername «irdisches Jerusalem», der an die Heilige Stadt erinnert. Auch die Bauwerke und Landschaftszüge sind an das Vorbild im Orient angelehnt. Wie im israelisch-palästinensischen Jerusalem gibt es auch in Lalibela eine Grabeskirche (die Bet Golgotha), und wie im Epizentrum des Nahostkonflikts ragt auch hier ein «Ölberg» in den Himmel.

Am Fusse dieses äthiopischen Ölbergs liegen die als Weltkulturerbe geschützten Felsenkirchen. Wissenschaftler glauben, dass ihre Erbauung eher hundert statt nur 23 Jahre gedauert hat und dass anstelle der Engel wohl gegen 40 000 Arbeiter Hand an den harten Felsen angelegt hatten. Doch wie dem auch sei: Die Felsenkirchen von Lalibela sind ein wahres Wunder der Bauwerkskunst. Zehn von ihnen sind mit unterirdischen, in den roten Basaltfels gehauenen Gängen verbunden. Weiss gekleidete Gläubige huschen in den engen Felsengassen hin und her, küssen an den Eingängen der Kirchen die dargebotenen Kreuze und stehen staunend im Inneren der Sakralräume. «Die äthiopischen Christen glauben, dass eine Wallfahrt nach Lalibela genauso viel Wert hat für das Seelenheil wie eine Pilgerreise nach Jerusalem», erzählt unser Guide Fitsum, als wir die felsigen Stufen zur Welterlöserkirche hinabsteigen.

Heiliges Wasser in felsiger Tiefe

Vor dem Eingang ziehen wir unsere Schuhe aus und betreten den Kirchenraum. Da, wo jetzt das luftige Nichts unter den Wölbungen im Neonlicht schimmert, da war einmal felsige Masse, weggemeisselt und fortgehämmert von blosser Hand. Jede Wendung, jede Säule, jedes Detail am Altar ist das Resultat genau durchdachter Schläge. In diesem steinernen Gotteshaus zu stehen, diesen tief in der Erde errichteten Raum zu betreten, ist einzigartig.

Vor der grössten monolithischen Kirche der Welt ziehen wir unsere Schuhe wieder an. Fitsum deutet auf eine verschlossene Tür in der Felswand. «Sie steht symbolisch für Bethlehem», sagt er. Nicht verschlossen ist der Felsengang hinüber zur Marienkirche, der wahrscheinlich ältesten der elf Felsenkirchen. An Feiertagen werden in den Wasserbecken vor ihren Toren Kinder getauft. Und am kommenden Samstag (6.1.), wenn Äthiopien das Weihnachtsfest begeht, werden Christen von weit her hierhin pilgern und sich mit dem heiligen Wasser beträufeln.

Wir lassen das bleiben und steigen aus der Tiefe hoch ans Tageslicht. Ein paar Studenten sitzen am Rand der felsigen Versenkung um ihren Lehrer herum und rezitieren Bibelverse. In ein paar Jahren werden sie selber zu Priestern geweiht und die schwierige Aufgabe haben, den Glauben in einem der ältesten christlichen Länder der Welt gegen die modernen Einflüsse zu verteidigen. So hat das Aba Yared in seinem Büro formuliert. Der Glaube, sagte er, sei flüchtig geworden.

Rund einen Kilometer von Aba Yareds orthodoxer Schaltzentrale entfernt liegt die wohl eindrücklichste der 38 000 Kirchen Äthiopiens: die Georgskirche. Auch Nichtgläubige ergreift der Anblick der 13 Meter hohen, zur Gänze von Fels umschlossenen Kirche. Der kreuzförmige Bau wurde im 12. Jahrhundert förmlich aus dem Fels geschält. Und so hart und grob die Arbeit gewesen sein muss: Jedes Detail passt perfekt.

Der ausgehöhlte Monolith ist einer der heiligsten Orte Afrikas. Er ist das spirituelle Zentrum des «irdischen Jerusalems». Und anders als manche der Heiligtümer im anderen, im vermeintlich «richtigen» Jerusalem, steht er allen Gläubigen offen: egal, woher sie kommen, egal, woran sie glauben oder zweifeln.