Anders geht es gar nicht, uns zieht es einfach dorthin: nach draussen. Wir essen im Garten, teilen das Badetuch nach einem Sprung ins Wasser mit Freunden, schlendern abends mit einer Glace durch die Gassen und lassen uns von der Schönheit des Sternenhimmels berauschen. Auch wenn der Sommer zurzeit eine Pause einlegt, könnte er besser nicht sein. Im Gegensatz zum letzten Jahr, als der Sommer wortwörtlich ins Wasser fiel, geniessen auch die Daheimgebliebenen einen Hauch von Italianità. Eine kurze Hose, ein leichtes T-Shirt und eine Sonnenbrille auf dem Kopf – schon fühlt man sich wie an der Meeresküste der Toskana. Tiefkühlregale leer geräumt Über den heissen Sommer freuen sich nicht nur diejenigen, die Ferien auf Balkonien verbringen, sondern auch die Unternehmen. Starker Franken hin oder her: Die warmen Temperaturen heizen die Verkäufe an. Die Tiefkühlregale der Schweizer Grossverteiler etwa wurden regelrecht leergeräumt: Coop verdoppelte die Umsätze von Wasserglace gegenüber dem Vorjahr, das Migros-Tochterunternehmen Midor erzielte im Juni gar den besten Monatsumsatz seit zehn Jahren. Zudem konnte Midor Anfang Juli rund zweieinhalbmal so viel Glace ausliefern wie geplant. An Hitzetagen steigt aber nicht nur unsere Lust auf Glace, sondern auch auf ein erfrischendes Getränk. Kein Grillplausch ohne Bier und Süssgetränke, kein Badi-Besuch ohne Eistee: Von Anfang Juni bis Mitte August hat Coop über zehn Prozent mehr dieser Durstlöscher verkauft als in der Vorjahresperiode. Beim Mineralwasser schnellte der Absatz mengenmässig gar über 20 Prozent in die Höhe. Hitze hilft Gastronomie Nach der Badi gehts in die Bar oder ins Restaurant. Allerdings kam es häufig vor, dass auf der Gartenterrasse kein Platz mehr frei war. Und vor dem Eingang ein Schild mit der Aufschrift «Heute nur mit Reservierung» stand. So sehr das den einzelnen Gast ärgern mag, für das Gastgewerbe ist es ein Hoffnungsschimmer in einer schwierigen Situation. Durch Schweizer, die im Ausland auswärts essen gehen, verliert die Branche pro Jahr rund vier Milliarden Franken. Der starke Franken hat die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ausländischen Konkurrenten zusätzlich verschlechtert.«Die Geschäftslage hat sich in den letzten drei Monaten etwas verbessert», sagt Remo Fehlmann, Direktor des Branchenverbands Gastro Suisse. Das schöne Sommerwetter sei dabei ein entscheidender Faktor gewesen. Zudem habe es den Nachfragerückgang zumindest verlangsamen können. In der gleichen Situation befinden sich die Schweizer Freibäder: Schwimmen unter freiem Himmel war im Regensommer 2014 ganz und gar nicht gefragt. Völlig anders sieht es heuer aus. Das Freibad Schachen in Aarau etwa hatte bereits Ende Juli mit rund 97 000 Eintritten fast die Saisonbilanz 2014 erreicht. Auch im Freibad Solothurn und im Gartenbad St. Jakob in Basel ist man zufrieden: «Mit Frühschwimmen, Kursangeboten und einer gepflegten Anlage konnten wir diesen Sommer das Potenzial voll ausschöpfen», sagt Rolf Moser, Leiter Bäder und Kunsteisbahnen beim Erziehungsdepartement des Kantons Basel-Stadt. Run auf Ventilatoren Zu einem Badi-Besuch gehört die richtige Ausrüstung: Der Schweizer Wäschehersteller Calida zum Beispiel hat die Verkäufe von Bade- und Strandmode im Vergleich zum Vorjahr steigern können. Mit der Frühjahr- und Sommersaison sei man «sehr zufrieden», heisst es bei Calida. Und wer keine Zeit hatte, um sich im Wasser abzukühlen, griff zu einem Kühlgerät – sofern noch eines in den Regalen stand: Weil die Hitzewelle fast ganz Europa zur selben Zeit erfasste, ist der europäische Markt praktisch ausverkauft. So hat die Migros rund viermal so viele Ventilatoren verkauft wie im letzten Jahr, beim Coop-Tochterunternehmen Interdiscount gingen doppelt so viele über die Ladentheke.Der starke Franken hat in diesen Monaten für zahlreiche Hiobsbotschaften gesorgt. Dank dem schönen Sommer liegt aber nicht nur Schatten über der Schweizer Wirtschaft.

Die Schweiz, so mediterran wie die Toskana

Anders geht es gar nicht, uns zieht es einfach dorthin: nach draussen. Wir essen im Garten, teilen das Badetuch nach einem Sprung ins Wasser mit Freunden, schlendern abends mit einer Glace durch die Gassen und lassen uns von der Schönheit des Sternenhimmels berauschen. Auch wenn der Sommer zurzeit eine Pause einlegt, könnte er besser nicht sein. Im Gegensatz zum letzten Jahr, als der Sommer wortwörtlich ins Wasser fiel, geniessen auch die Daheimgebliebenen einen Hauch von Italianità. Eine kurze Hose, ein leichtes T-Shirt und eine Sonnenbrille auf dem Kopf – schon fühlt man sich wie an der Meeresküste der Toskana. Tiefkühlregale leer geräumt Über den heissen Sommer freuen sich nicht nur diejenigen, die Ferien auf Balkonien verbringen, sondern auch die Unternehmen. Starker Franken hin oder her: Die warmen Temperaturen heizen die Verkäufe an. Die Tiefkühlregale der Schweizer Grossverteiler etwa wurden regelrecht leergeräumt: Coop verdoppelte die Umsätze von Wasserglace gegenüber dem Vorjahr, das Migros-Tochterunternehmen Midor erzielte im Juni gar den besten Monatsumsatz seit zehn Jahren. Zudem konnte Midor Anfang Juli rund zweieinhalbmal so viel Glace ausliefern wie geplant. An Hitzetagen steigt aber nicht nur unsere Lust auf Glace, sondern auch auf ein erfrischendes Getränk. Kein Grillplausch ohne Bier und Süssgetränke, kein Badi-Besuch ohne Eistee: Von Anfang Juni bis Mitte August hat Coop über zehn Prozent mehr dieser Durstlöscher verkauft als in der Vorjahresperiode. Beim Mineralwasser schnellte der Absatz mengenmässig gar über 20 Prozent in die Höhe. Hitze hilft Gastronomie Nach der Badi gehts in die Bar oder ins Restaurant. Allerdings kam es häufig vor, dass auf der Gartenterrasse kein Platz mehr frei war. Und vor dem Eingang ein Schild mit der Aufschrift «Heute nur mit Reservierung» stand. So sehr das den einzelnen Gast ärgern mag, für das Gastgewerbe ist es ein Hoffnungsschimmer in einer schwierigen Situation. Durch Schweizer, die im Ausland auswärts essen gehen, verliert die Branche pro Jahr rund vier Milliarden Franken. Der starke Franken hat die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ausländischen Konkurrenten zusätzlich verschlechtert.«Die Geschäftslage hat sich in den letzten drei Monaten etwas verbessert», sagt Remo Fehlmann, Direktor des Branchenverbands Gastro Suisse. Das schöne Sommerwetter sei dabei ein entscheidender Faktor gewesen. Zudem habe es den Nachfragerückgang zumindest verlangsamen können. In der gleichen Situation befinden sich die Schweizer Freibäder: Schwimmen unter freiem Himmel war im Regensommer 2014 ganz und gar nicht gefragt. Völlig anders sieht es heuer aus. Das Freibad Schachen in Aarau etwa hatte bereits Ende Juli mit rund 97 000 Eintritten fast die Saisonbilanz 2014 erreicht. Auch im Freibad Solothurn und im Gartenbad St. Jakob in Basel ist man zufrieden: «Mit Frühschwimmen, Kursangeboten und einer gepflegten Anlage konnten wir diesen Sommer das Potenzial voll ausschöpfen», sagt Rolf Moser, Leiter Bäder und Kunsteisbahnen beim Erziehungsdepartement des Kantons Basel-Stadt. Run auf Ventilatoren Zu einem Badi-Besuch gehört die richtige Ausrüstung: Der Schweizer Wäschehersteller Calida zum Beispiel hat die Verkäufe von Bade- und Strandmode im Vergleich zum Vorjahr steigern können. Mit der Frühjahr- und Sommersaison sei man «sehr zufrieden», heisst es bei Calida. Und wer keine Zeit hatte, um sich im Wasser abzukühlen, griff zu einem Kühlgerät – sofern noch eines in den Regalen stand: Weil die Hitzewelle fast ganz Europa zur selben Zeit erfasste, ist der europäische Markt praktisch ausverkauft. So hat die Migros rund viermal so viele Ventilatoren verkauft wie im letzten Jahr, beim Coop-Tochterunternehmen Interdiscount gingen doppelt so viele über die Ladentheke.Der starke Franken hat in diesen Monaten für zahlreiche Hiobsbotschaften gesorgt. Dank dem schönen Sommer liegt aber nicht nur Schatten über der Schweizer Wirtschaft.

Schön und gut, die Schweiz hatte ihren mediterranen Rausch: Das Leben verlagerte sich von den Wohnungen auf die Balkone, von den Häusern auf die Strasse. Wem aber nicht die tropischen Nächte den Schlaf raubten, den störten Strassenlärm – oder derjenige der paffenden und trinkfreudigen Nachbarn auf ihrem Balkon. Nur: Wer konnte schon ausschlafen? Auch in den frühen Morgenstunden fühlte es sich – zumindest im Flachland – an, als wäre der Backofen Schweiz noch eingeschaltet.Übernächtigte Mitarbeiter sind das eine. Doch der heisse Sommer spiegelt sich sogar in der Sterbestatistik: direkt bei den Hitzetoten, indirekt bei den Badetoten. Das Sterben im Wasser Etwa 300 Todesfälle allein im Juli lassen sich direkt auf die Hitzewelle zurückführen. Für eine Gesamtbilanz des Sommers 2015 ist es noch zu früh. Klar ist: Hitzetage können insbesondere bei älteren und bereits geschwächten Menschen zu Kreislaufproblemen führen. Im Hitzesommer 2003 konnten fast 1000 Todesfälle den hohen Temperaturen zugeordnet werden. Das heisse Wetter trieb uns in Scharen ans Wasser. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass in heissen Sommern mehr Menschen ertrinken als in durchschnittlichen. Dieses Jahr ist es besonders frappant: Die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft SLRG zählt bereits 40 Ertrunkene. Es fällt auf: Zu den Opfern gehören vor allem Männer. Jüngere Männer zum Teil – bei manchen von ihnen waren wohl Alkohol oder Drogen im Spiel. Auffallend auch: 17 Opfer gehören zur Gruppe der Asylsuchenden, Migranten und Touristen. Die Rettungsschwimmer-Organisation hat deshalb ihre Verhaltensregeln in weitere Sprachen übersetzt; darunter Tigrinya (für die Eritreer), arabisch (etwa für die Syrer), somalisch, serbokroatisch und englisch. In Fremdsprachen übersetzte Verhaltensregeln sowie weitere Sensibilisierungsmassnahmen sollen verhindern, dass die Ertrunkenen-Statistik weiter in die Höhe schnellt. Zum Vergleich: Im Hitzesommer 2003 ertranken in der Schweiz 89 Menschen. Der Durchschnitt lag in den letzten Jahren bei ungefähr 50, wobei im letzten, verregneten und kühlen Sommer mit 27 Menschen deutlich weniger ums Leben kamen. Niedrige Wasserpegel Landwirte nehmen sogar das Wort Dürre in den Mund. Was die Weinbauern eher freut – sie können auf einen guten Jahrgang hoffen – bedeutet für die Schweizer Gemüsebauern Ernteausfälle. Mit Folgen für die Konsumenten: Die Gemüsepreise, etwa von Broccoli, Blumenkohl und Tomaten, stiegen in den letzten Wochen zum Teil beträchtlich. Gerade im Juli lagen die Niederschläge unter dem Durchschnitt, wobei Gewitterregen nur regional Abhilfe schufen. Im gesamten Jurabogen von Genf bis Basel konnte im Juli sogar die höchste Sonnenscheindauer seit Messbeginn im Jahr 1959 registriert werden. Wasserknappheit war die Folge. Sinnbildlich dafür stehen jene durstigen Kühe, die von der Schweizer Flugwaffe kurzerhand mit stibitztem Wasser aus einem französischen See versorgt werden mussten. Steinschlag und Felsstürze Der Hitzesommer 2003 bleibt zwar unübertroffen, doch der Sommer 2015 ist auf gutem Weg, als zweitwärmster seit Beginn der Messung im Jahr 1864 in die Geschichte einzugehen. Mit dramatischen Folgen auf das Hochgebirge: Dort werden die ohnehin arg in Mitleidenschaft gezogenen Gletscher immer dünner. Gemäss Messungen des Bundesamts für Umwelt verloren der Grosse Aletschgletscher und der Rhonegletscher im Wallis allein pro Tag bis zu acht Zentimeter an Dicke. Im Hitzesommer 2003 büssten die Gletscher bis zu fünf Prozent ihrer Massen ein. In diesem Jahr sind es bisher rund zwei Prozent. Der auftauende Permafrost und der Rückzug der Gletscher haben gerade im Hochgebirge zu einer gefährlichen Situation geführt. Erst diese Woche warnte der Schweizer Alpen-Club SAC Wanderer und Berggänger vor Felsstürzen und Steinschlag. Spätestens hier hat die Sorge ums Klima den mediterranen Rausch verdrängt.

Die Schweiz, so brütend heiss wie ein Backofen

Schön und gut, die Schweiz hatte ihren mediterranen Rausch: Das Leben verlagerte sich von den Wohnungen auf die Balkone, von den Häusern auf die Strasse. Wem aber nicht die tropischen Nächte den Schlaf raubten, den störten Strassenlärm – oder derjenige der paffenden und trinkfreudigen Nachbarn auf ihrem Balkon. Nur: Wer konnte schon ausschlafen? Auch in den frühen Morgenstunden fühlte es sich – zumindest im Flachland – an, als wäre der Backofen Schweiz noch eingeschaltet.Übernächtigte Mitarbeiter sind das eine. Doch der heisse Sommer spiegelt sich sogar in der Sterbestatistik: direkt bei den Hitzetoten, indirekt bei den Badetoten. Das Sterben im Wasser Etwa 300 Todesfälle allein im Juli lassen sich direkt auf die Hitzewelle zurückführen. Für eine Gesamtbilanz des Sommers 2015 ist es noch zu früh. Klar ist: Hitzetage können insbesondere bei älteren und bereits geschwächten Menschen zu Kreislaufproblemen führen. Im Hitzesommer 2003 konnten fast 1000 Todesfälle den hohen Temperaturen zugeordnet werden. Das heisse Wetter trieb uns in Scharen ans Wasser. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass in heissen Sommern mehr Menschen ertrinken als in durchschnittlichen. Dieses Jahr ist es besonders frappant: Die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft SLRG zählt bereits 40 Ertrunkene. Es fällt auf: Zu den Opfern gehören vor allem Männer. Jüngere Männer zum Teil – bei manchen von ihnen waren wohl Alkohol oder Drogen im Spiel. Auffallend auch: 17 Opfer gehören zur Gruppe der Asylsuchenden, Migranten und Touristen. Die Rettungsschwimmer-Organisation hat deshalb ihre Verhaltensregeln in weitere Sprachen übersetzt; darunter Tigrinya (für die Eritreer), arabisch (etwa für die Syrer), somalisch, serbokroatisch und englisch. In Fremdsprachen übersetzte Verhaltensregeln sowie weitere Sensibilisierungsmassnahmen sollen verhindern, dass die Ertrunkenen-Statistik weiter in die Höhe schnellt. Zum Vergleich: Im Hitzesommer 2003 ertranken in der Schweiz 89 Menschen. Der Durchschnitt lag in den letzten Jahren bei ungefähr 50, wobei im letzten, verregneten und kühlen Sommer mit 27 Menschen deutlich weniger ums Leben kamen. Niedrige Wasserpegel Landwirte nehmen sogar das Wort Dürre in den Mund. Was die Weinbauern eher freut – sie können auf einen guten Jahrgang hoffen – bedeutet für die Schweizer Gemüsebauern Ernteausfälle. Mit Folgen für die Konsumenten: Die Gemüsepreise, etwa von Broccoli, Blumenkohl und Tomaten, stiegen in den letzten Wochen zum Teil beträchtlich. Gerade im Juli lagen die Niederschläge unter dem Durchschnitt, wobei Gewitterregen nur regional Abhilfe schufen. Im gesamten Jurabogen von Genf bis Basel konnte im Juli sogar die höchste Sonnenscheindauer seit Messbeginn im Jahr 1959 registriert werden. Wasserknappheit war die Folge. Sinnbildlich dafür stehen jene durstigen Kühe, die von der Schweizer Flugwaffe kurzerhand mit stibitztem Wasser aus einem französischen See versorgt werden mussten. Steinschlag und Felsstürze Der Hitzesommer 2003 bleibt zwar unübertroffen, doch der Sommer 2015 ist auf gutem Weg, als zweitwärmster seit Beginn der Messung im Jahr 1864 in die Geschichte einzugehen. Mit dramatischen Folgen auf das Hochgebirge: Dort werden die ohnehin arg in Mitleidenschaft gezogenen Gletscher immer dünner. Gemäss Messungen des Bundesamts für Umwelt verloren der Grosse Aletschgletscher und der Rhonegletscher im Wallis allein pro Tag bis zu acht Zentimeter an Dicke. Im Hitzesommer 2003 büssten die Gletscher bis zu fünf Prozent ihrer Massen ein. In diesem Jahr sind es bisher rund zwei Prozent. Der auftauende Permafrost und der Rückzug der Gletscher haben gerade im Hochgebirge zu einer gefährlichen Situation geführt. Erst diese Woche warnte der Schweizer Alpen-Club SAC Wanderer und Berggänger vor Felsstürzen und Steinschlag. Spätestens hier hat die Sorge ums Klima den mediterranen Rausch verdrängt.