Es braut sich etwas zusammen über dem Widderstein. Dunkle Wolken umtanzen den Gipfel, dazu dumpfes Donnergrollen. Dann ein erster Blitz, der uns zur Eile mahnt, als wir vom Hochtannbergpass im Vorarlberg den steilen Weg Richtung Kleinwalsertal hochkraxeln. Auf diesem Weg sind vor über 700  Jahren einst auch die Walser gewandelt, als sich fünf Familien unter dem Anführer Hans Wüstner neues Land suchten.

Regen setzt ein; doch plötzlich reisst die Wolkendecke auf, und das nahende Gewitter verzieht sich wieder. Ob da wohl der heilige Theodul, der Schutzpatron der Walser, gerade seine Hände im Spiel hatte? Schliesslich soll er gemäss Legende selbst den Papst vor der Sünde gerettet und den Teufel übers Ohr gehauen haben. Da dürfte es für ihn ein Klacks sein, uns ohne Blitz und Hagel ans Ziel zu geleiten.

Also gehen wir schnellen Schrittes zur Oberen Gemstelhütte, die eingebettet von Elfer, Zwölfer, Geisshorn und Widderstein liegt. Mathias Fritz empfängt uns vor seiner Hütte in urchigen Lederhosen, eine Flinte in der Hand. Ein Parade-Walser: gross gewachsen, blauäugig und rotblond. Er hat die Waffe nicht für die Jagd gezückt, sondern weil er für eine Reportage posieren soll.

In der warmen Stube der schon im 14. Jahrhundert urkundlich erwähnten Hütte wollen wir uns erst einmal stärken für den Abstieg ins Tal. Die «Brotzeit» für drei Personen mit Wurst- und Fleischwaren, Käse und Schmalz reicht locker für doppelt so viele Leute. Dazu ein «Russ» – Weissbier mit Limo. Dann geht es steil bergab. Da ist zuweilen etwas Trittsicherheit gefordert, auch wenn uns der Weg als gemütlich angepriesen wurde.

Doch nach der Hinteren Gemstelhütte führt der Wanderweg angenehm auf einer kleinen Naturstrasse nach Mittelberg, vorbei an den typischen Walserställen mit ihren Heinzen, die einst fürs Trocknen des Grases aufgestellt wurden. Das Dörfchen ist eine der drei Gemeinden im Tal, in dem 5000 Menschen leben und doppelt so viele Gästebetten für Touristen angeboten werden. Heute gilt die Tourismusdestination als die erfolgreichste im ganzen Alpenraum – nicht zuletzt dank den Walsern.

Jeder Ort hat zwei Postleitzahlen

Als diese bergbäuerlichen Siedler aus dem Oberwallis in die Gegend kamen, war das Tal noch Eigentum des Freiherrn von Rettenberg. Den neuen Bewohnern wurde die Rodung und Ansiedlung in dem zuvor nur zur Jagd genutzten Gebiet gestattet. Als Gegenleistung hatte jede Siedlerfamilie dem Besitzer jährlich einen Laib Käse zu überlassen.

Als das Kleinwalsertal ab dem Jahr 1453 dem Grossherzogtum Österreich zugesprochen wurde, kam es zu seinem Sonderstatus und gilt noch heute als die schönste Sackgasse Österreichs. «Funktionelle Enklave» heisst der sperrige Fachbegriff für diese aussergewöhnliche Lage. Denn aufgrund fehlender Strassenverbindungen zum übrigen Staatsgebiet ist das zum Vorarlberg gehörende Tal noch heute nur über deutsches Gebiet via Oberstdorf erreichbar. Ausser man geht den Weg wie einst die Walser über den Widderstein.

Landwirtschaftliche Produkte wie Vieh oder Käse wurden von den Bewohnern stets nach Bayern ausgeführt und verzollt. Ab 1878 jedoch verschärften die Bayern die Zollbeschränkungen, wodurch die Walser wieder den mühsamen Weg über die Berge nehmen mussten. Erst der vor 127 Jahren abgeschlossene Zollanschlussvertrag machte ihnen das Leben einfacher. Das führte nicht nur zu einem wirtschaftlichen Aufschwung, sondern auch zu ein paar Kuriositäten.

Von Elmar Müller von Kleinwalsertal Tourismus erfahren wir, dass in diesem Tal jahrelang jeder eine deutsche und eine österreichische Telefonnummer hatte. Vor der Einführung des Euro bezahlte man in den Geschäften eher mit Mark als mit Schilling. Die 2006 abgeschafften deutschen Postleitzahlen wurden nach Protesten wieder eingeführt, sodass jeder Ort zwei Postleitzahlen hat. «Noch heute gilt im Tal etwa die deutsche Warenumsatzsteuer, was manchen Vorteil bringt», sagt Müller.

Dialekt klingt fast wie im Wallis

Sie sind schon ein besonderes Völkchen, diese Walser – erfinderisch, verschmitzt, manchmal auch dickköpfig, aber vor allem stolz auf ihre Herkunft. Die Verwandtschaft mit der Schweiz ist heute noch hörbar, wenn sie untereinander sprechen. Das hört sich fast an wie Walliser Dialekt. «Wir haben wohl eine Lautverschiebung nicht ganz mitbekommen», sagt Stefan Heim, der uns am nächsten Tag auf eine Tour auf den Spuren der Walser mitnimmt. «Neues» heisst zum Beispiel «Nüüs», «können» wird zu «chönna» und «Eis» zu «Iisch».

Gerade besinne man sich wieder vermehrt auf den ursprünglichen Dialekt, freut sich Heim. Der Chronist führt uns zu den ältesten dieser fast schwarzen Walserhäuser im Tal, von denen es noch rund zwei Dutzend gibt, und zeigt, wie sie einst gebaut und immer wieder erweitert wurden – samt Pestloch, Seelenloch und Brüüge.

Letzteres ist ein gedeckter Platz vor der Haustür, der als Treffpunkt gilt, «wenn man die Nachbarn nicht gleich im Haus haben will». Ein wichtiger Platz zum «Umehängere», sagt Heim. Heute würde man dazu «chillen» sagen. Der Chronist, der seit Jahren über seine Vorfahren forscht, hat in seinem Elternhaus ein kleines Museum zusammengetragen. Uralte Dokumente sind dort zu sehen, Trachten, Schuhe oder Krönele, die von unverheirateten Frauen getragen wurden.

Kulinarisches Erbe neu entdeckt

Das Walsertal hat seinen Gästen nicht nurviel Geschichte und eine bezaubernde Bergwelt mit dem Walmendingerhorn, Kanzelwand, Ifen und Gottesacker zu bieten, die sowohl im Sommer wie auch im Winter besuchenswert sind. Auch kulinarisch besinnen sich die Walser auf ihre Wurzeln. Das Tal trägt mit seinen Wild- und Rindspezialitäten die Dachmarke Genuss Region Österreich.

Auf dem Wochenmarkt in Hirschegg präsentieren die lokalen Hersteller ihre Produkte – wie etwa würzigen Bergkäse oder deftige Hirsch- oder Gamswurst. Im Hoflaada von Dagmar Hilbrand in Mittelberg bekommt man nicht nur Milch aus dem Automaten, sondern auch ihren Zwergle-Käse, eine Art Mutschli. Ein Paradies für Wurstliebhaber ist die Räucherkammer von Christian Beck in Riezlern.

Eine Handvoll Küchenchefs hat sich zur «Önsche Walser Chuche» zusammengetan. Sie wollen ihr kulinarisches Erbe mit «regionalen Produkten zeitgemäss, innovativ und authentisch» umsetzen, wie sie schreiben. Einer davon ist Jeremias Riezler von der Walser Stuba in Riezlern. «Ich bin ein reinrassiger Walser», meint der Koch mit der kecken Mütze auf dem Kopf, «deshalb kommt bei mir nur das auf die Karte, was man bei guter Sicht vom Grossen Widderstein aus sieht». Radikal regional nennt er sein Konzept, das aber zwangsläufig auch über die Landesgrenze hinausreicht.

Riezler ist nicht nur ein kreativer Koch, sondern auch ein Hüter alter Walser Rezepte und stets auf der Suche nach alten Küchengeräten und handgeschriebenen Kochbüchern. Uns tischt er eine Walser Bettlersuppe auf mit zweierlei Chnöpfle, Zwiebel und Bergkäse. «Die hat man früher aus dem Salzwasser für die Chnöpfle-Herstellung gekocht», weiss er.

Herrlich schmeckt auch das gesottene Fleisch von der alten Walser Kuh «Tulpe» mit Mangold-Salat und Erdäpfeln von Andi Haller aus Walser Permakultur, ein Konzept, das auf die Schaffung von dauerhaft funktionierenden nachhaltigen und naturnahen Kreisläufen zielt.

Und weil Jeremias Riezler seine Küche eindrücklich zu verkaufen weiss, serviert er aus dem «Bobba-Waga» seine hauseigenen Glacen mit aussergewöhnlichen Aromen wie Waldmeister-Aprikose, Majoran-Preiselbeere oder Rosmarin-Stachelbeere.

Wieso die Region so beliebt und erfolgreich sei, wollen wir von Jeremias Riezler wissen. Seine Antwort wird begleitet mit einem schelmischen Schmunzeln: «Wir Walser sind eben in erster Linie einfach Walser, und erst dann irgendwann Österreicher.»

Die Reise wurde von Österreich Werbung ermöglicht.