50 ist eine magische Zahl. Wir werden noch nicht 100, haben aber doch das Gefühl, mit 50 «etwas Halbes» absolviert zu haben. Natürlich kommt das auch vom Gerede über die «Midlife Crisis» her, die im westlichen Europa beim Manne mit exakt 49,1 Jahren am härtesten zuschlagen soll. (Frauen sind früher damit fertig.) Das hat «die Forschung» festgestellt. Man hat jede Menge Leute abgefragt, wie es denn stehe um ihre «Lebenszufriedenheit» (nach dem Glück zu fragen, verbieten allerlei terminologische Probleme, weil gar nicht so klar ist, was damit gemeint ist). Und siehe da: Männer kurz vor 50 neigen dazu, hier am wenigsten Punkte zu vergeben. In fortgerückterem Alter werden sie dann punktemässig wieder grosszügiger.

Erklären kann man das gut. Denn rund um die 50 kreuzen sich zwei Linien, die das Leben durchziehen: die von aussen und die von innen. Von aussen drängt das Bewältigen der Karriere und der Aufzucht des Nachwuchses und der ökonomischen Etablierung und dergleichen; und von innen locken die Träume und Visionen und Utopien, die unerreicht geblieben sind. Mit beiden scheint der durchschnittliche Westeuropäer um die 50 endlich einigermassen zurechtgekommen zu sein.

Die Krümmung als Aufgabe

Und so verheisst uns denn «die Forschung», dass es ab 50 nur noch aufwärtsgehen und sich die Kurve des Glücks also wieder in die andere Richtung krümmen muss. Auch die Ratgeberliteratur nimmt dankbar auf, was «die Forschung» verheisst. (Man erspart sich dort in der Regel die Angabe der Quellen, deshalb die Anführungszeichen.) Leider folgt dann in der Ratgeberliteratur gleich die Mahnung, es müsse dann schon vorher alles Mögliche vorgekehrt werden, damit die Krümmung auch positiv wird. Und das verdirbt einem die Freude. Umso mehr, als – wie in der Ratgeberliteratur unausweichlich – alles abhängig ist vom «positiven Denken». Natürlich ist das Leben schöner, wenn man sich die Sorgen erst dann macht, wenn es wirklich so weit ist. Aber der archetypische Ratgeberliterat (und das sind eigentlich alle) ist der festen Überzeugung, dass das Glück erstens etwas ist, was man erwerben muss; und dass zweitens die Realität so beschaffen ist, dass solcher Aktionismus auch wirklich funktioniert – oder konkreter: dass sich die Realität der eigenen Glücksvorstellung, wenn sie denn intensiv genug verfolgt wird, beugt.

Unnötig zu sagen, dass derlei in den Bereich des Wahns gehört. Wenn auch des vielleicht unverzichtbaren.

Hallo, hier ist die Realität

Natürlich ist das «U» der Kurve empirisch bestätigt. Aber es ist auch ein «X». Denn es beruht auf unberücksichtigten Bedingungen. Die wichtigste ist der gegenwärtige und wohl auch zukünftige Zustand der Gesellschaft und ihrer Wirtschaft. «Sozialhilfe bei den Über-50-Jährigen nimmt zu», ist zu lesen. Die haben es im Arbeitsmarkt zunehmend schwerer. Die Zeit der «Lebenskarrieren» ist vorbei. Es kann und wird sein, dass mit 50 noch überhaupt nichts erreicht ist. Dass eher Angst und Sorge um die Zukunft überhandnehmen. Wohl zunehmend eher Regelfall denn Ausnahme.

Es überrascht niemanden, dass sich Frauen zwischen 40 und 50 und Männer zwischen 50 und 60 am häufigsten scheiden lassen. Zwei Beispiele aus der «hohen Literatur» als Warnung: Goethe (in «Wilhelm Meisters Wanderjahren») berichtet vom «Mann mit fünfzig». Geplant ist, dass sich Sohn und Nichte kriegen, damit der Besitz beisammenbleibt. Jetzt fühlt die Nichte zum Älteren eine Neigung. Und der Sohn? Kein Problem, der hat sich in «eine Witwe» verguckt. Der Major (50) sieht offenes Meer und bekommt sogar von einem Freund einen «kosmetischen Kammerdiener» ausgeliehen. Zum Glück wendet sich alles noch: Der Sohn wird von der Witwe abgewiesen, kriegt die Krise, kommt aber beim Schlittschuhlaufen der Nichte näher. Der Major beobachtet das und – wie es Goethe, der alte Hexenmeister will – kriegt er dann weiter hinten doch noch die Witwe.

Der Protagonist in «Der Tod in Venedig» von Thomas Mann hat auch die 50 hinter sich, als er sich in einen Jüngling verguckt. Thomas Mann bietet alles auf, was die griechische oder andere Mythologien hergeben, damit alles schicklich-geniessbar bleibt. Aber auch hier endet es in kosmetischen Operationen, die zuerst lächerlich sind, dann aber tragisch werden, wenn der Held stirbt.