Der entspannend dahindudelnde Jazz täuscht. Gleich kommt es im Gotthardtunnel zu einem Unfall.

Ein Autofahrer nickt ein und gerät auf die Gegenfahrbahn. Da nicht auf den pannestreifen ausgewichen werden kann, bildet sich sofort ein Stau.

Die Szene stammt aus einem Computerspiel zur Sanierung des Gotthardtunnels, über die das Schweizervolk am 28. Februar abstimmt.

Entwickelt hat es das Zürcher Start-up OpinionGames. Die Massenkarambolage, die der Spieler irgendwann nicht mehr verhindern kann, soll die Argumente für eine zweite Gotthardröhre verbildlichen: Diese bietet mehr Sicherheit und verhindert Stau.

Doch im Spiel wird die Gegenseite ebenso repräsentiert: Wird die zweite Röhre gebaut, torpediert das den Lastwagenverlad auf die Schiene und führt zu zusätzlichem Verkehr.

«Wir haben grossen Wert darauf gelegt, dass die Argumente beider Seiten gleichermassen gewichtet sind», erklärt Benjamin Lemcke der Gründer von OpinionGames.

Das Spiel, das als Browser-Game und App für iOS und Android erscheint, soll insbesondere junge Menschen ansprechen, die Abstimmungen bisher fernblieben.

Für Lemcke ist klar, dass Informationen auch in Spielen transportiert werden können. In einem gewissen Sinn sogar besser als in anderen Medien.

«Der Spieler kann Dinge ausprobieren. So lassen sich Zusammenhänge viel direkter begreifen als in Bild, Ton oder Text», ist Lemcke überzeugt.

Cloud Chaser

Den Nahostkonflikt lösen

Dass sich mit Games Politik machen lässt, haben in der Schweiz die Konservativen zuerst entdeckt.

Seit Jahren veröffentlicht die SVP Browser-Games, um ihre Statements spielerisch zu unterstreichen.

Im jüngsten Vertreter wehrt man mit dem Wachhund Willy Paragrafen ab, welche die EU-Beamten auf die Schweiz werfen. Bei einem älteren Spiel musste man mit Geissbock Zottel die schwarzen Schafe aus dem Land kicken.

Doch auch die Gegenseite machte schon mit Spielen mobil. Während des Abstimmungskampfes zu Masseneinwanderungsinitiative lancierte der Wirtschaftsverband Economiesuisse ein Game, in dem Wilhelm Tell gegen SVP-Symbole kämpfen musste.

Diese Spiele haben eines gemeinsam: Sie ergreifen Partei für eine Seite – sind also alle auf ihre Art propagandistisch. Davon distanziert sich OpinionGames. Sie wollen dazu beitragen, dass sich die Stimmbürger ausgewogen informieren können. Die Abstimmung über die Gotthardsanierung ist das erste Spiel des Start-ups; zu künftigen Abstimmungsvorlagen sollen weitere folgen. «Die grösste Schwierigkeit in der Entwicklung unserer Spiele liegt darin, dass sich nicht zu allen Argumenten gleich gut eine funktionierende Spielmechanik entwickeln lässt», erklärt Lemcke.

Papers, Please

Argumentation mit Games – für den amerikanischen Wissenschafter und Spieleentwickler Ian Bogost sind Games eine neue Form der Rhetorik, da sie Menschen von der Richtigkeit einer Ansicht überzeugen können. «Spiele machen komplizierte Sachverhalte verstehbar und verschiedene Perspektiven erlebbar», sagt René Bauer, Dozent für Game Design an der Zürcher Hochschule der Künste.

So versucht beispielsweise das Handy-Spiel «Cloud Chasers» vom Schweizer Studio Blindflug, die Reise von Flüchtlingen erlebbar zu machen. Mit den beiden verschiedenen Perspektiven des Nahostkonflikts setzen sich etwa «Peacemaker» und «Global Conflicts: Palestine» auseinander. Ersteres ist ein rundenbasiertes Strategiespiel, bei dem man sich entweder in die Rolle des israelischen Premierministers oder in jene des Palästinenserchefs versetzt. Das Ziel: den Nahostkonflikt friedlich lösen. Bald merkt der Spieler aber, dass hier so viele unterschiedliche Interessen und Abhängigkeitsverhältnisse vorhanden sind, dass auch ein liberaler und kompromissbereiter Politiker rasch an seine Grenzen stösst.

Bürokratie als Spiel

Im Abenteuerspiel «Global Conflicts: Palestine» reist der Spieler als Journalist nach Jerusalem und Abu Dis. Er spricht mit Israelis und Palästinensern und entscheidet dann, ob er einen Artikel für die neutrale «Global News» schreiben oder in der «Palestine Today» respektive der «Israeli News» eine subjektive Ansicht vertreten will. In den verschiedenen Perspektiven wird so die gesamte Komplexität des Nahostkonflikts sichtbar.

Ganz und gar politisch ist auch das Spiel «Papers, Please», wenngleich es in einem fiktiven Szenario angesiedelt ist.

Als Beamter im Ostblockstaat Arstotzka muss man Pässe kontrollieren. Dabei wird die Absurdität eines diktatorischen und verbürokratisierten Staates ins Regelsystem des Spiels überführt.

Global Conflicts Palestine

Man muss Menschen abweisen, weil sie ein Visum haben, das heute nicht mehr gültig ist, gestern aber ausgereicht hätte. Warum, weiss man nicht. Man führt nur aus. Und im Zweifelsfall lehnt man ab.

Denn macht man einen Fehler und lässt jemanden ins Land, der keine korrekten Papiere hat, wird man gebüsst. Dabei ist der Lohn schon so knapp; und dann hat man zu Hause auch noch ein krankes Kind, das stirbt, wenn man keine Medikamente kaufen kann.

Aus Liebe zu seiner Familie beginnt man gegen die Menschlichkeit zu handeln. Doch noch verstörender als das ist die Tatsache, dass man immer mehr in seiner Tätigkeit als Zollbeamter aufgeht. Wenn man exakt und fehlerfrei arbeitet, wird man belohnt, was ein befriedigendes Gefühl auslöst.

So weit reicht das Spiel zur Gotthardsanierung von OpinionGames nicht – will und muss es auch nicht.

Es ist ein Informationsspiel, das einem die wichtigsten Argumente spielerisch vor Augen führt. Dennoch mag man dem Spiel einen tieferen Sinn abgewinnen. Es lässt sich nämlich nicht gewinnen – egal, ob man sich für die Pro- oder die Kontra-Seite entscheidet.

Und so ist es doch oft auch mit der Politik. Die Wahrheit liegt – ganz im Sinne der Dialektik – irgendwo zwischen den Ansichten beider Seiten.