Wenn Annina Arter mit ihrem Freund, dem Fotografen Till Forrer, auf einen Berg wandert, will er meistens eine spektakuläre Aussicht geniessen. «Das interessiert mich weniger», sagt sie. Lieber betrachtet sie einen mit Moos bewachsenen Stein, eine Blume oder einen Käfer. Solche Details inspirieren die Textildesignerin zu ihren kunstvollen Tapeten. Und der Wald, immer wieder der Wald. Dabei lebt das Naturkind nun in der Stadt, an Zürichs Ausgehmeile, der Langstrasse.

Arter gehört zu den Besten ihres Fachs. Sie studierte in Luzern Textildesign, arbeitete sechs Jahre bei Stoffkrösus Jakob Schlaepfer in St. Gallen. Der ornamentale, überbordende Stil von Schlaepfer entsprach ihr. Vor einem Jahr hat sie den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Sie entwirft für Architekten und Innenarchitekten, für das angesagte Modelabel Vêtements mit Sitz in Zürich und für viele Private.

Annina Arter erlebt oft, dass die Leute hin und weg sind, wenn sie ihren auffällig gemusterten Wandschmuck sehen. Den meisten fehle dann aber doch der Mut zur Farbe. «Am Ende wollen sie weisse Wände.» Die Schweiz sei kein Tapetenland wie England, die grosse Masse stehe auf karge Ästhetik und nordischen Purismus. «Und: Viele assoziieren Tapeten noch immer mit dem 1970er-Jahre-Muff in Orange-Braun.» Dabei genüge es oft, so Arter, eine kleine Wand im Eingangsbereich zu tapezieren, um eine Stimmung zu erzeugen. «Das kann den Raum öffnen, ihm Tiefe verleihen.»

Rund 1000 Franken kostet es schnell mal, wenn man sich ein Stück Wand von ihr verschönern lässt. Dabei lohne es sich, nicht selber zu tapezieren, sondern die handwerkliche Arbeit einem Profi zu überlassen.

Kristen Stewart trug eines ihrer Muster

Auch ihre eigene Altbauwohnung hat Arter mit Tapeten gestaltet. Im Eingangsbereich wuchert an der Wand ein Zauberwald im Dämmerlicht. Vanilleranken und Wicken spriessen neben weissen Riesenerdbeeren. Afrikanische Masken und Äffchen spähen hinter Palmen hervor, Vögel und Schmetterlinge flattern im fahlen Mondlicht. «Das ist meine bestverkaufte Tapete. Viele fühlen sich davon angesprochen.» Fast drei Monate collagierte sie am Digitaldruck auf Polyester, skizzierte, bearbeitete Illustrationen auf Photoshop, tüftelte an technischen Finessen. «Der Arbeitstitel hiess ‹Twilight›», sagt Arter. Der romantische Teenie-Vampirfilm mit atemberaubenden Waldaufnahmen habe sie dazu inspiriert. Zudem hege sie, obschon nicht sonderlich interessiert an Hollywood-Klatsch, eine Sympathie für Hauptdarstellerin Kristen Stewart. «An einer Gala trug die Schauspielerin einen Paillettenrock von Chanel, dessen Muster ich bei Schlaepfer entworfen hatte», fügt die Textildesignerin hinzu, mit einem Lächeln zwischen Freude und Schüchternheit.

Sie ist ungeschminkt, das braune Haar zu einem lockeren Dutt hochgesteckt. Die 31-Jährige trägt ein sonnenblumengelbes Kleid mit afrikanischem Muster, goldene Kreolen, Birkenstocksandalen. Auf ihrem Küchenbalkon zum Hinterhof hin ist nichts zu hören vom Autohupen und der Musik der Zürcher Langstrasse. Ein riesiger weisser Porzellan-Windhund bewacht Töpfe voller Basilikum, Peterli und Salbei. «Den habe ich aus St. Gallen mitgebracht», sagt Arter, die Blumen, Kitsch und Märchenhaftes nicht nur auf ihren Tapeten lustvoll arrangiert. Im Gang ihrer Wohnung blüht ein frischer Strauss Löwenmäulchen vom Markt vor dem Ölporträt einer üppigen Dame im Rüschenkleid.

Arter hat mehrere Förderpreise gewonnen, im kommenden Frühjahr zieht sie für drei Monate in eine Atelierwohnung in Rom. Bei ihrer Arbeit orientiert sie sich nicht so sehr an Trends. Zwar sieht sie sich hin und wieder die Modeschauen auf den Laufstegen an und nimmt die Ansagen der bedeutenden Trendforscherin Li Edelkort zur Kenntnis. Aber letztlich richtet sie sich nach ihrem eigenen inneren Kompass. «Mich interessiert der Wald.» Das Motiv findet sich in unzähligen ihrer Dessins wieder, von naturalistisch bis abstrakt. Als Kind baute die Tochter einer Waldspielgruppenleiterin Zwergenhütten zwischen Baumwurzeln. «Das hat mich geprägt.» Schon damals zeichnete sie gern Muster und Blumen. «Es war immer klar, dass ich einen kreativen Beruf ergreife.»

Eine Schuhschachtel voller Blautöne

Im Atelier pinnt Arter auch keine MoodBoards an die Wand – jene Tafeln, an denen Designer Fotos, Grafiken, Skizzen, Notizen oder verschiedene Materialien befestigen, um eine Stimmung zu beschreiben. «Ich bin mehr eine Sammlerin.» Sie hat etwa eine Schuhschachtel, in der sie Blautöne aufbewahrt – Schnipsel aus Zeitschriften, Scherben, Fotos – schmökert in Bildbänden der Maler Matisse oder Georgia O’Keeffe. Und sie besitzt eine Kinderbuchsammlung, liebt die Feen- und Blumenbilder von Ernst Kreidolf und die Mumins, nilpferdartige Trollwesen einer finnischen Illustratorin. Gerade hat sie ein Kinderzimmer mit einer Tapete gestaltet, ein Wald mit Monsterchen und exotischen Früchten, entstanden nach einer inspirierenden Sri-Lanka-Reise.

Aber Arter macht nicht nur Tapeten. Für einen Bekannten schuf sie kürzlich einen Duschvorhang. Und mit ihrem ehemaligen Chef Martin Leuthold gestaltete sie bunte Fenster für ein Kinderspital in Chur. Demnächst beginnt sie eine Teilzeitanstellung bei der Firma Christian Fischbacher, wo sie luxuriöse Bettwäsche entwirft. Mit gemischten Gefühlen: Der Zeitdruck mache ihr im Beruf am meisten zu schaffen, sagt Arter.

Zum Ausgleich frönt sie ihrer Liebe zu den Pflanzen, indem sie sich in Wädenswil zur botanischen Zeichnerin ausbilden lässt. Wochenlang zeichnet sie minutiös Baumnussblätter, Malven und Ingwer, die sie mit Farbstiften schraffiert. Sie ist fasziniert davon, die Sinnlichkeit eines Materials auf Papier zu bannen: den Glanz einer Blüte, ein vertrocknetes Blatt oder einen haarigen Pflanzenstängel. «Das erfordert Konzentration, viel Zeit und Hingabe. Das ist gegen den Zeitgeist, aber ich mache es für mich.» Für andere Hobbys bleibt Annina Arter kaum Zeit, aber sie gönnt sich jeden Tag einen erfrischenden Sprung in die Limmat.