Velo- und Autofahrer staunen jeweils nicht schlecht, wenn sie in der Schützen, rund 100 Meter südlich der Kriegsbrücke in Erstfeld, eine kleine Drahtseilbahn mit einem Mann die Reuss überqueren sehen. Es ist das einzige Bähnlein im Reusstal und wird vom 81-jährigen Eigentümer Alois Frei immer noch regelmässig benutzt.

Das nostalgische Fortbewegungsmittel geht auf Freis Urgrossvater, Johann Zgraggen, zurück. Der bewirtschaftete seinerzeit ungefähr 3 Hektaren Land im Leitschachgebiet in Erstfeld. «Um auf die andere Seite der Reuss zu kommen, musste er immer den riesigen Umweg über die Reussbrücke in Erstfeld nehmen», erzählt Frei. «Deshalb kam ihm die Idee, ein Bähnlein über die Reuss zu bauen.»

Mit der Drahtseilbahn schneller beim Vieh

1881 erhielt Zgraggen die Bewilligung des Regierungsrates, im Schützen eine Drahtseilanlage über die Reuss in den Wilerschachen zu erstellen. Das erste Tragseil stammte aus dem Erstfeldertal. Dort war im Jahr 1877 eine 7 Kilometer lange Seilbahn erstellt worden, um das Eis aus dem Schlossberg- und Spannortgletscher ins Tal zu transportieren. Nach dem Konkurs der Firma konnte Zgraggen ein Stück des Stahlseiles kaufen und für seine Drahtseilbahn verwenden.

Alois Frei benutzt die nostalgische Drahtseilbahn auch im hohen Alter noch regelmässig.

Alois Frei benutzt die nostalgische Drahtseilbahn auch im hohen Alter noch regelmässig.

«Mit der Seilbahn waren der Urgrossvater und danach auch mein Vater viel schneller im Gaden und beim Vieh», erinnert sich Frei. Ende 1964 hat sein Vater den Betrieb aufgegeben und das Land verpachtet. Eigentlich hätte Frei heute die Gelegenheit, über die nördlich gelegene Kriegsbrücke auf die andere Seite zu gelangen. Eigentlich. «Für mich ist das Bähnli immer noch die schnellste Verbindung», sagt der 81-Jährige. «Deshalb benutze ich weiterhin gerne dieses mir lieb gewordene Transportmittel.» Ausserdem schaue er noch häufig zu seinen Obstbäumen ennet der Reuss – ein weiterer Grund, regelmässig die Drahtseilbahn zu nutzen.

Bahn fährt praktisch von alleine

Die ist bis heute eine sehr einfache Konstruktion geblieben. Sie besteht aus einer Transportkiste, die mit einer Handkurbel am Laufrad in Bewegung gesetzt werden kann. Durch das Gewicht des Passagiers und der Bahn hängt das Seil bis zur Mitte ein wenig durch. Weshalb es bis dort praktisch von alleine fährt. Erst für den zweiten Teil braucht es ein wenig Muskelkraft, um mit der Handkurbel die Bahn in den kleinen Unterstand zu fahren. Viel verändert hat sich in den letzten Jahren nicht, einzig das Seil mussten die Eigentümer vor Jahren aus Sicherheitsgründen durch ein vollverschlossenes und verzinktes Tragseil ersetzen.

Mit der Bahn über die Reuss sind in Erstfeld viele Erinnerungen verbunden. In den 1960er-Jahren gab es im Schützen südlich von Erstfeld noch zwei Einkaufs­läden: den Kolonialwarenladen von «Fryjosis», 100 Meter weiter südlich den Konsum und daneben einen Coiffeursalon. «Wenn wir am Heuen im Leitschach waren, sind wir immer wieder mit dem Bähnlein über die Reuss gefahren und konnten dort unsere Einkäufe tätigen», erinnert sich etwa Franz Zgraggen.

Einer, der das aussergewöhnliche Transportmittel ebenfalls häufig benutzt hat, war Paul Gwerder vom Leitschach. «Unsere Mutter schickte mich fast wöchentlich einmal in die Schützen, um dort Lebensmittel und Getränke einzukaufen, welche sie mir auf einen Zettel aufgeschrieben hatte», erinnert sich der Erstfelder. «Da es damals noch kein Telefon gab, habe ich bei der ‹Endstation› des Drahtseilbähnleins mit einem Stecken auf ein Blech geschlagen. Dies wurde von der anderen Seite gehört, sodass ich entweder von der Ladenbesitzerin oder deren Tochter mit dem Bähnlein abgeholt wurde – und dies erst noch gratis», so Gwerder.

Im Winter über den Holzsteg ohne Geländer

Im Winter konnte die Bevölkerung vom Wilerschachen und Leitschach jeweils auf die Abkürzung über die Reuss verzichten. In der kalten Jahreszeit hatte die Bürgergemeinde nämlich immer einen Steg beim Steinbruch über die Reuss erstellt und im Frühjahr, wenn die Reuss wieder mehr Wasser führte, wieder abgebaut.

«Auch diese Verbindung war nichts für schwache Nerven», erinnert sich Gwerder. Der Grund: Beim rund 1 Meter breiten Holzsteg gab es kein Geländer, und so sei es für die Velofahrer schon sicherer gewesen, ihr Gefährt über den Steg zu stossen statt zu fahren. «Und einmal, da war ich neun Jahre alt», erinnert sich Gwerder, «bin ich auf den Knien über den Holzsteg gekrochen, da ich sonst vom Föhn wohl in die Reuss geblasen worden wäre.» Auch deshalb haben wohl so manche Erstfelder die Drahtseilbahn lieb gewonnen.