«Die gehören nicht hierhin», sagt Beate Schierscher und reisst energisch zwei, drei fremde Pflanzenhalme aus einer quadratmetergrossen Parzelle. Auf dieser soll nämlich nur eine ganz bestimmte Weizensorte gedeihen. Die Agronomin Schierscher steht inmitten eines etwa fünfzig Hektar grossen Felds, auf dem Weizen, Dinkel, Hafer, Roggen, Gerste und Mais wachsen.

Auch Triticale – eine Kreuzung aus Weizen und Roggen – sowie die besonders alte Sommerweizensorte Kamut wachsen hier. Fein säuberlich getrennt spriesst jede Sorte nur auf dem ihr zugehörigen Plätzchen. Keine darf sich versehentlich mit einer anderen kreuzen, sonst verliert sie ihre genetische Einzigartigkeit.

Das weitläufige Getreidefeld gehört zur Schweizer Saatgutbank, die in Changins in der Nähe des Genfersees auf dem Gelände der Forschungsinstitution Agroscope liegt. Das Herzstück dieser grünen Bibliothek ist allerdings nicht das Feld, sondern ein düsterer Lagerraum. Beate Schierscher öffnet die schwere Stahltüre zum frostigen, vier Grad kalten Archiv.

Auf Regalen in grauen Kisten lagern hier die Samen verschiedener Nutzpflanzen. Die Vielfalt ist eindrücklich: Alleine über 5000 Weizen- und gut 2000 Dinkelsorten – alles in allem 10 000 verschiedene Sorten – werden hier aufbewahrt.

Aufwendige Handarbeit

Damit aus den Samen immer wieder Pflanzen spriessen können, säen Schierscher und ihr dreiköpfiges Team jede einzelne Sorte etwa alle zehn Jahre aus und tauschen die eingelagerten Samen mit frischen aus. Dazu zupfen sie die Körner von den Getreidehalmen ab und trocknen diese zwei Wochen lang bei rund achtzehn Grad. Danach verpacken sie die Samen in Papierbriefchen zu je fünfzig Gramm.

Bevor diese ins Archiv wandern, notieren sich die Nutzpflanzenspezialisten zu jeder Sorte eine Liste von Merkmalen. Etwa wann die Ähren austreiben oder wie hoch die Getreidehalme wachsen. «Eine Riesenarbeit ist das», sagt Schierscher. Zumal sie und ihre Kollegen dieses Prozedere jährlich an rund tausend Sorten durchführen.

Doch warum ist es überhaupt so wichtig, jede einzelne dieser Pflanzen so aufwendig aufzubewahren und zu schützen? «Wir sorgen dafür, dass möglichst viele Nutzpflanzen auch zukünftigen Generationen zur Verfügung stehen», erklärt Schierscher. Und dafür sei eine hohe genetische Vielfalt besonders wichtig. So sorgen unterschiedliche Varianten einer Art dafür, dass ein neuer Schädling, eine neue Krankheit oder auch Klimaveränderungen eine Getreideart nicht komplett auslöschen würden.

Luzerner Sorte rettet US-Ernten

Und tatsächlich retteten alte Samen aus der Schweiz bereits einmal ganze Ernten. Zwar nicht bei uns, aber in den USA. Dort ist Schwarzrost – eine Pilzkrankheit – besonders gefürchtet und verursacht immer wieder grosse Missernten. Doch in den 1940er-Jahren gelang es, den Fiesling von den Feldern Minnesotas und Norddakotas zurückzudrängen. Der Grund: Pflanzenbiologen schafften es damals, eine neue, resistente Sorte zu züchten.

Dafür benutzten sie die Samen einer alten Gerstensorte, die aus der Nähe des Sempachersees im Kanton Luzern stammt und immun gegen den Pilz ist. Seither sind diese Felder von Schwarzrost verschont geblieben. Untersuchungen aus dem Jahr 2008 haben ausserdem gezeigt, dass in der Schweizer Saatgutbank etliche alte Gerstensorten lagern, die nicht nur gegen Schwarzrost, sondern auch gegen andere schlimme Getreidekrankheiten wie Fusariosen oder die Netzfleckenkrankheit Resistenzen aufweisen.

Noch aus einem weiteren Grund stellt die grüne Bibliothek einen wertvollen Schatz dar: «Er bewahrt einen Teil unseres Kulturerbes», sagt Schierscher. Denn über Jahrtausende baute jeder Schweizer Bauer seine eigenen Sorten an, sodass eine unglaubliche Artenvielfalt entstand: vom kältefesten «Ribelmais» im Rheintal über trockenresistenten Weizen aus dem Wallis bis zur geschmacksintensiven Tomatensorte «Berner Rose». Diese Nahrungspflanzen waren perfekt an lokale Verhältnisse angepasst.

Trotzdem schützten sie nicht immer gegen den ältesten Feind des Menschen: Hunger. Ertragsarme Jahre in der Schweiz und weltweit waren immer wieder ein Problem. Deshalb starteten Pflanzenbiologen Anfang des 20. Jahrhunderts rund um den Globus Züchtungsprogramme und kreierten Sorten, die weitaus grössere Erträge lieferten als die alten. Schnell verbreiteten sich diese Supersamen auf der ganzen Welt.

Der Haken daran: Die Vielfalt brach dramatisch ein. Gemäss der UNO verschwanden seither über 90 Prozent der Nutzpflanzensorten von den Feldern. Etwa zur selben Zeit, im Jahr 1898, gründeten Forschende der Eidgenössischen Anstalt für landwirtschaftliche Versuche die Schweizer Saatgutbank und begannen, lokale Sorten von Weizen und Gersten zu archivieren.

18 Grad unter null

Beate Schierscher zieht im Samenarchiv eine Kiste hervor und findet das richtige Papiersäckchen. Darauf steht «Rouge de Gruyère». Es ist die älteste Sorte der Sammlung, ein Weizen aus dem Jahr 1900. Die Forschenden ergatterten ihn in einem Feld nahe bei Bulle im Kanton Freiburg.

Dass Getreidesorten über so viele Jahre lang nicht verloren gehen, ist nicht selbstverständlich. Zum Beispiel fegte im Jahr 2006 ein Taifun über eine philippinische Insel, worauf Wasser und Schlammmassen die dortige Saatgutbank fast vollständig verwüsteten. So etwas soll der Schweizer Saatgutbank nicht passieren. Damit die Samen im Lagerraum von Changins nicht etwa durch Unwetter, Stromausfälle oder Brände vernichtet werden, existiert seit 1993 eine zusätzliche, eiserne Reserve im Keller von Agroscope.

Bevor Beate Schierscher in diesen Tresor eintritt, schlüpft sie in eine dicke Daunenjacke, zieht die Kapuze über den Kopf und Fausthandschuhe über die Hände. Denn die Temperatur dort drinnen beträgt eiskalte 18 Grad unter null. Bei dieser Kälte bleiben die Körner in luftdichten Aluminiumsäckchen jahrzehntelang intakt. Doch zur Sicherheit tauscht Schierscher auch dieses Jahr wieder rund fünfhundert alte Samenpäckchen mit der diesjährigen Sommerernte aus: Frische und keimkräftige Körner, die den einzigartigen Schweizer Kulturschatz aufrechterhalten sollen.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch die Gebert Rüf Stiftung