Eigentlich war nicht schwer, was den Probanden an der University of Wisconsin abverlangt wurde. Sie sollten einfach nur in einem geschlossenen Raum sitzen, und am Ende würde man ihnen die Teilnahmegebühr auszahlen. Auf dem Tisch stand ein Gerät, mit dem sie sich selbst einen ungefährlichen, aber unangenehmen Stromschlag verpassen konnten. «Doch warum sollte man das tun, wenn man schon durch das blosse Absitzen der Zeit Geld bekommen würde?», fragte sich Studienleiter Timothy Wilson. Und er hielt dies zunächst nur für eine rhetorische Frage. Tatsächlich aber verabreichten sich zwei Drittel der Männer gleich mehrere Elektroschocks, ihr Durchschnittswert lag bei etwas mehr als sieben Schlägen pro Viertelstunde Beschäftigungslosigkeit. «Darunter waren keine Masochisten», so Wilson, «denn die hatten wir durch ein Vor-Experiment ausgeschlossen.» Bei den Frauen war die Quote etwas niedriger, aber immer noch unerwartet hoch.

Die Probanden wählten also lieber Elektroschocks anstelle von Nichtstun und Erlebnislosigkeit. Und damit stehen sie nicht allein. Denn wer hält es noch aus, wenn der Fernseher, das Radio oder das Internet ausfällt, wenn keine Ablenkung und niemand da ist für die Konversation? In Umfragen zeigte sich, dass viele Menschen vor Langeweile ähnlich viel Angst verspüren wie vor einem Krebsgeschwür.

Wie entschieden unsere Erlebnisgesellschaft die Leere meidet, zeigt sich auch darin, dass in der Schweiz ein Viertel der über 65-Jährigen eine Patientenverfügung unterschrieben hat. Sie haben also festgelegt, dass die lebenserhaltenden Massnahmen abzuschalten sind, sofern der Patient nur noch regungslos im Bett liegt. Die Angst vor diesem Zustand der absoluten Untätigkeit ist so gross, dass man lieber tot sein will.

Pause vom Denken

Doch es lohnt sich, diese Sichtweise zu korrigieren: Denn Leere kann auch ein positiver Zustand für uns sein – und das liegt daran, dass unser Gehirn nicht nur ein Denkorgan ist. «Es ist auch ein Organ, das gerne gedankenlos ist», erklärt Neurobiologe Niels Birbaumer von der Universität Tübingen. So entdeckten Forscher, dass unser Gehirn immer wieder in den sogenannten «Twighlight»-Status umschaltet: Die Neuronen feuern im niederfrequenten Wellenbereich und im Zwischenhirn schliesst der Thalamus seine Pforten, sodass weniger Reize in den oberen Hirnregionen ankommen. Das geschieht beispielsweise, wenn wir aus dem Wachzustand in den Schlaf dämmern oder in der Hängematte dösen, was wir bekanntermassen als sehr angenehm empfinden.

Angst vor Leere haben wir also nur dann, wenn wir sie als Erlebnis- und Reizlosigkeit und damit als Bedrohung sehen. Doch sofern wir sie bereitwillig in unser Gehirn einziehen lassen, empfinden wir sie als angenehm. Was allerdings auch wieder eine Frage aufwirft. Denn eigentlich hat ja Leere nichts Konkretes zu bieten, was wir als angenehm empfinden könnten. Was kann sie uns also Positives geben?

Aus hirnphysiologischer Sicht lautet eine Antwort, dass sie unsere Defense-Systeme in den tieferen Hirnregionen zur Ruhe kommen lässt. Deren Aufgabe besteht darin, möglichst frühzeitig Gefahren aufzuspüren, weswegen sie überlebensnotwendig sind.

Das kann aber auch zum Nachteil werden, wie Birbaumer erläutert: «Wir wähnen dann überall Gefahren, und das bedeutet in unserer hektischen und komplexen Welt, dass unsere Gedanken permanent mit Gefahrenabwehr beschäftigt sind.» Die Defense-Systeme sind mehr oder weniger im Dauereinsatz, was an den Kräften zehrt und – wie Psychosomatiker immer wieder betonen – vielen Krankheiten den Weg bereitet. Die Leere kann hier eine Pause schaffen und für Entlastung sorgen. Durch sie verlieren die Dinge an Bedeutung und damit auch an Problematik, sodass es keine Veranlassung mehr gibt, die Defense-Systeme zu aktivieren.

Der Sinn der «Sinn-Losigkeit»

Doch Leere kann auch neue Reize schaffen. Denn sofern sich unter der Schädeldecke ein sanft wogender Ozean niederfrequenter Wellen ausbildet, können aus ihm leichter hochfrequente Inseln der Achtsamkeit herausragen. Als man Versuchspersonen in eine Isolierzelle steckte, in der neben dem Hören, Sehen, Tasten und Schmecken auch – mittels einer Salzlake, in der man wie in Schwerelosigkeit schwebt – der propriozeptive Sinn für den eigenen Körper heruntergefahren wurde, fühlten sie sich danach nicht nur so wohl, dass sie die Zelle gar nicht mehr verlassen wollten. Vielen von ihnen waren in diesem Zustand der «Sinn-Losigkeit» auch neue, kreative Ideen gekommen. Als hätte ihr Gehirn eine Art «Reset» erlebt.

Diese produktive, angenehme Leere lässt sich, wie man in den Tübinger Neurobiologie-Labors ermittelte, auch durch Zen-Meditation erreichen sowie durch Musik, Tanz, Sex und Religion. Auch Sportler berichten davon, dass sie beim Bergsteigen, Rudern oder Marathon in einen «Leere-Flow» geraten, während andere Menschen dafür nur das Bügeln brauchen. «Hauptsache, das Gehirn wird dabei von einem langsamen Rhythmus erfasst», so Birbaumer.

Und dazu gehört, dass man sich vorbehaltlos der Leere hingibt. Wer halbherzig meditiert wird keine Leere schaffen können. Experimente, in denen über Hirnscans mit Locked-in-Patienten kommuniziert wurde, haben gezeigt, dass diese Menschen eine höhere Lebensqualität als Querschnittgelähmte haben, weil sie mit ihrem Schicksal und ihrem Verlust abgeschlossen haben. «Positive Leere gibt es nur», warnt Birbaumer, «wenn wir uns ihr kompromisslos und vertrauensvoll hingeben und nicht betrauern, was wir durch sie verlieren. Anders funktioniert sie nicht».

*Jörg Zittlau ist freier Mitarbeiter dieser Zeitung und hat zusammen mit Niels Birbaumer das Buch «Denken wird überschätzt. Warum unser Gehirn die Leere liebt» geschrieben. Erschienen im Ullstein Verlag, 28.90 Fr.