Frau Gloor, Sie haben kürzlich wieder einen Augenschein in Ruanda genommen. Ist die Armut – gerade auf dem Land und im Distrikt Muhanga/Gitarama, wo das Hilfswerk Margrit Fuchs vorwiegend tätig ist – nach wie vor gross?

Regula Gloor: Die Armut ist auf den ersten Blick in den Zentren nicht so sichtbar. Erst wenn man auf dem Land ist, sieht man, dass die Leute wirklich gar nichts besitzen ausser den Kleidern, die sie anhaben, einer Hütte mit höchstens einer Matratze am Boden und einem kleinen Stück Land, das bei weitem keine Familie ernähren kann. Dort trifft man häufig unterernährte Kinder, die für ihr Alter sehr klein sind, und – was vielleicht am auffallendsten ist – die man nie lächeln sieht und die einem tieftraurig aus grossen Augen anschauen.

Wovon lebt der Hauptteil der Bevölkerung in diesem Distrikt? Gibt es auch Industrie und Gewerbe?

Der grösste Teil lebt immer noch als Selbstversorger von der Landwirtschaft. Da beim Erben nichts anderes vorhanden ist als ein Feld, wird dieses unter den Kindern aufgeteilt, und meistens kann davon keine Familie mehr ernährt werden. Der einzige Ausweg ist Ausbildung der Kinder und Jugendlichen, um damit eine Basis für ein zukünftiges Auskommen ausserhalb der Landwirtschaft zu erwirtschaften. Ohne Hilfe von aussen können dies die Kinder aber nicht schaffen. Die Schulbildung ist also entscheidend wichtig.

Werden die Aktivitäten des Hilfswerkes auch von den Behörden geschätzt und unterstützt ?

Die Betroffenen sind äusserst dankbar und können es manchmal fast nicht fassen, dass ihr Schicksal jemandem in der fernen Schweiz nicht egal ist und man bereit ist, Geld zu spenden, damit sie eine Chance haben, aus Armut und Hoffnungslosigkeit auszubrechen. Auch von den lokalen Behörden wird unsere Hilfe sehr geschätzt. Sie arbeiten eng mit uns zusammen und unterstützen uns. Sie stellen uns ihre Gemeindelokale z. B. für die Mittagessen der Waisenkinder oder auch für die Versammlungen unserer Kleinkreditnehmer zur Verfügung. Und sie geben uns einen wichtigen Einblick: In Ruanda wird jedermann einer von sechs «Vermögensklassen» zugeteilt, wobei die drei ersten Klassen «bitterste Armut» bis zu «Besitz eines kleinen Ackers» bedeuten. Aufgrund dieser Einteilung können uns die Behörden die effektiv Bedürftigsten melden, für die Schulgelder, für die Mittagstische oder auch für die Viehverteilungen.

Bei der traditionellen Weihnachtssammlung der AZ-Medien können die Leserinnen und Leser ihre Spenden für gezielte Zwecke bestimmen. Da wäre einmal die Betreuung und Unterstützung von Waisenkinder-Haushalten. Wie ist der aktuelle Stand des Projektes?

Wir haben das Projekt angepasst, so dass nicht nur Kinder aus Waisenfamilien vom Mittagstisch profitieren können, sondern auch Kinder, die zwar noch über einen Vater oder eine Mutter verfügen, welche aber nicht für ihre Kinder sorgen können. Diese Kinder sind deshalb unterernährt und/oder verwahrlost. Indem die Mittagstische von «mamans volontaires» betreut werden, von Müttern aus dem Dorf, die sich freiwillig engagieren und deren eigene Kinder zumeist bereits volljährig sind, haben die Mittagstisch-Kinder eine Ansprech- und Vertrauensperson vor Ort. Es wird zudem dafür gesorgt, dass die Kinder neben dem Essen mit Schuhen und Schuluniform versorgt werden. Zudem bezahlen wir die Krankenversicherung. Es ist schön zu sehen, wie die Kinder nach ein paar Monaten Mittagstisch-Betreuung ihr Lachen zurückgewinnen und wieder zu zufriedenen Kindern werden.

Wie bereits erwähnt kommt der Ausbildung der Kinder sehr grosse Bedeutung zu. Bei der Weihnachtssammlung können ja auch Schulgelder gespendet werden.

Diese Spenden haben eine sehr grosse Bedeutung. Es gibt immer noch sehr viele Kinder, die dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind, damit sie eine Chance für die Zukunft haben. In den ersten Jahren ist der Schulbesuch zwar unentgeltlich, aber Schuhe, Schuluniform und Schulmaterial wie Hefte und Stifte müssen von den Schülern, respektive ihren Eltern bezahlt werden. Bereits diese Anforderungen führen zu sehr vielen Schulabbrüchen oder die Kinder bleiben von Anfang an der Schule fern. Für weiterführende Schulen, die etwa unserer Sekundarschule oder dem Gymnasium entsprechen, muss Schulgeld bezahlt werden, welches für die arme Bevölkerung unerschwinglich ist. Da 53 Prozent der Bevölkerung im Bezirk Muhanga/Gitarama als arm gelten, zeigt dies die Grösse des Problems.

Nach dem Schulbesuch gibt es für die Jugendlichen wenig Möglichkeiten, eine Lehrstelle zu finden und einen handwerklichen Beruf zu erlernen.

Wir bieten Ausbildungen im Bereich Schneiderei, Kochen und Hauswirtschaft, Schreinerei und einfache Autoreparaturen an. Unsere Lehrlinge und Lehrtöchter haben gute Chancen, sich damit dereinst ein bescheidenes Einkommen zu verschaffen. Sie bekommen vielleicht eine Stelle in einem Hotel oder machen sich als Schneiderin oder Schreiner selbstständig. Wir möchten diesen Bereich gerne ausbauen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass man eine Ausbildung anbieten muss, die auf die Bedürfnisse und den Ausbildungsstand vor Ort abgestimmt ist. Mit Berufslehren, wie wir sie in der Schweiz kennen, hat das allerdings nur wenig zu tun.

Eine weitere Spendenmöglichkeit im Rahmen der Weihnachts-Sammelaktion sind Viehbestellungen für notleidende Familien.

Wie mir die Bürgermeisterin versichert hat, ist der Bedarf immer noch gross, wobei vor allem Kühe sehr geschätzt werden, da sie neben Milch für die Familien Dünger für die Felder liefern. Wir verteilen seit etwas mehr als einem Jahr eingekreuzte Kühe, die sehr viel mehr Milch und Dünger liefern, aber auch entsprechend teurer sind. Ich war anfangs sehr skeptisch, ob es klappen wird, dass jeweils drei Begünstigte gemeinsam eine Kuh halten. Ich habe nun aber gesehen, dass dies sehr gut funktioniert. Alle Mitbesitzer fühlen sich für die Kühe verantwortlich. Das ganze Dorf hilft mit beim Bau des Gemeinschaftsstalles und kontrolliert, dass nur die Bedürftigsten eine Kuh erhalten und dass die Kühe gut gehalten werden.

Bei der Sammelaktion besteht sodann die Möglichkeit, die weiteren Aktivitäten des Hilfswerkes Margrit Fuchs zu unterstützen. Für welche Projekte werden diese Gelder vordringlich verwendet ?

Damit werden sowohl langjährige Projekte unterstützt als auch einmalige Hilfegesuche, die an uns herangetragen werden. Bei den langjährigen Projekten sind es die Betreuung und Rückführung von Strassenkindern in ihre Familien, die Unterstützung der Mütterstation und von mittellosen Spitalpatienten mit Nahrungsmitteln, die Gewährung von Kleinkrediten als Basis zur beruflichen Selbstständigkeit sowie die Projekte zur beruflichen Ausbildung. Bei den einmaligen Hilfegesuchen geht es z. B. um einen Rollstuhl oder eine Prothese für ein behindertes Kind, ein eingestürztes Dach eines Waisenhaushaltes, oder auch die Übernahme der Krankenversicherung für eine mittellose Grossfamilie. Wir sind auch für diese Spenden äusserst dankbar, sie ermöglichen uns, in Notsituationen spontan helfen zu können.

Fliessen alle Spenden vollumfänglich in Ihre Projekte in Ruanda?

Das ist so. Die einzigen Kosten in der Schweiz sind die Auslagen für die Stiftungsaufsicht, und diese Kosten decken wir aus einer andern Quelle.

Sie sind eine Verwandte der Hilfswerksgründerin Margrit Fuchs und engagieren sich, unterstützt vom ebenfalls ehrenamtlich tätigen Schweizer Stiftungsrat, stark für das Hilfswerk. Was gibt Ihnen die Kraft für dieses Engagement?

Man merkt erst bei Aufenthalten in einem Land wie Ruanda, wie viel Glück wir haben, in einem Land wie der Schweiz geboren worden zu sein und welche Möglichkeiten uns offen stehen. Dank der Unterstützung der sehr treuen Spenderinnen und Spender kann unser Hilfswerk sehr viel vor Ort bewirken und das Leben von Tausenden von Menschen, insbesondere auch von vielen Kindern, in eine positive und hoffnungsvolle Zukunft lenken. Und es stimmt, was Margrit Fuchs immer gesagt hat: «Helfen dürfen macht glücklich.»