Eigentlich ist es schön - aber es war zu erwarten. Nicht zu schön, um wahr zu sein. Aber etwas in der Art.

Ein ehemaliger Profi-Fussballer outet sich - und alle finden positive Worte. Dass ihm Mut und Respekt gezollt wird, ist voll in Ordnung.

Homosexualität ist weder abnorm noch naturwidrig, noch teuflisch - und heute auch nicht mehr sittenwidrig. Die sogenannte sexuelle Orientierung ist endlich zur Privatsache geworden.

Das war lange anders und es ist noch nicht lange her, dass es in unseren Gesellschaften so ist.

Und flächendeckend hat es sich sicher auch noch nicht ins Bewusstsein eingenistet. Im Unterbewusstsein ist es ohnehin noch präsent. Dieses Unwohlsein - sagen wir mal neutral - mit der Homosexualität.

Schwul bezeichnet Ambivalenz

«Schwul» ist ein Abgrenzungswort, ja eine Abgrenzungsmaschine geblieben. An ihm und seiner Bedeutung und Verwendung lässt sich gut ablesen, wie wir uns immer noch schwertun.

Wir sagen, etwas sei «schwul», auch wenn wir überhaupt nicht im sexuellen Kontext sprechen.

Um im Fussballerjargon zu bleiben: Ein «schwuler» Pass ist so etwas nicht richtig zu Nehmendes, nicht fadengrad, einfach nicht eindeutig. «Schwul» bezeichnet Ambivalenz, Un-Eindeutigkeit, etwas, was nicht recht eingeordnet werden kann, was nicht fassbar ist.

«Schwulität» ist eine semantische Zirkelbewegung. Das heisst, das Wort bezieht seine Bedeutung aus einem Umstand, der offiziell nicht mehr besteht.

(Quelle: Youtube.com)

Hitzelsperger über sein Coming-Out

«Schwule» werden nicht mehr geächtet. Trotzdem bedeutet «schwul» immer noch: «nicht ganz richtig». Und deshalb wirkt es immer noch auf uns ein - auch ausserhalb des Sprachgebrauchs.

«Erst in den letzten Jahren dämmerte mir, dass ich lieber mit einem Mann zusammenleben möchte», sagte der 31-jährige Thomas Hitzlsperger in einem Interview mit der Wochenzeitung «Zeit».

«Ich äussere mich zu meiner Homosexualität, weil ich die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen möchte», sagte der Münchner.

Homosexualität ist im Profisport Tabu

Homosexualität ist im Profisport, besonders im Profi-Fussball, ein Tabu. Immer noch. Dass sich Prominente outen, ist nicht mehr so ungewöhnlich. Aber Fussballer?

Ist der Fussball, im Vergleich mit anderen Sportarten, ein archaisches Relikt, ein Reservat von politisch und auch anderweitig völlig inkorrekten Denk- und Verhaltensweisen? Ja und nein.

Der Fussball, besonders der Profi-Fussball, ist eine Welt für sich. Da gelten in der Tat noch andere Gesetze als ausserhalb.

Eine Kabine in einer Mannschaftssportart ist sowieso ein Biotop besonderer Art. Das dürfte übrigens auch für die Umziehräume von Damen-Mannschaften gelten. Und nein, weil es gute Gründe gibt, das Thema unten zu halten.

Dies, weil Homosexualität auch «Liebe» bedeutet. Und Emotionen sind in Sozialverbänden, die unter Stress funktionieren müssen, schwer zu kontrollieren.

Dies ist nachvollziehbar. Denn «Liebe» ist anspruchsvoll. Sie fordert, dass ihr mehr als das Übliche eingeräumt werden soll. Einen anderen Menschen zu lieben oder zu begehren, setzt jede Menge anderer Erwartungen an ihn völlig ausser Kraft.

«Entspannung» heisst das Zauberwort. Unsere Gesellschaft hat sich geöffnet, ist toleranter geworden, weil sie nicht mehr dauernd unter Stress steht. Wir können es lockerer nehmen; was wir als «Stress» empfinden, sind Luxusprobleme.

Hungersnot oder Krieg sind nicht in Sicht. Für den (Profi-)Sport gilt das nicht. Da erwarten wir, als Zuschauer, Mitspieler, Manager, dass der Sportler «alles» gibt.

Dass wir auf diesen abgegrenzten Arealen zwischen zwei Toren oder in einem Seilviereck noch einen «richtigen» Kampf kriegen.

Ein bisschen Exterritorialität und Archaik. Natürlich immer unter Kontrolle und nach Regeln. Zivilisiert trotz allem. Aber nicht entspannt.

Parallelen zu ziehen zwischen Sport und Krieg ist abgedroschen, klar. Wer den Sport einen Krieg nennt, war nie im Krieg. Aber gewisse Spuren sind nicht endgültig auszuräumen.

Der israelische Kriegstheoretiker Martin van Creveld schrieb einmal, dass das Kampfritual nicht richtig funktionieren könne, wenn Frauen auf der anderen Seite stünden.

Damit meinte er nicht, dass Frauen nicht kriegstüchtig sein könnten. Sondern dass sie die Männer bei ihrem Ausleben ihres Kampftriebs - bei dem van Creveld den Lusteffekt nicht primär dort ortete, dass man töten wollte, sondern dass man sein Leben aufs Spiel setze - «stören».

Kampfeswut ist für Männer angesichts von Frauen offenbar kein mögliches Verhalten.

Es dürften auch hier die Emotionen sein, die disparat wirken. Der deutsche Dramatiker Heinrich von Kleist handelte das Szenario in seinem Stück «Penthesilea» ab. Als sich Achilleus und die Amazonenkönigin begegnen, «funkt» es.

In der Kriegssituation - man befindet sich im Trojanischen Krieg - wird das völlig dysfunktional. Die Sache gerät ausser Kontrolle. Am Schluss sind beide tot.

Profi-Fussball ist durchaus eine emotionale Sache. Auch für die auf dem Rasen. Aber weil Emotionen nicht gleich Emotionen sind, ist das Tabu noch hochwirksam.

Es hat in diesem Sinn nichts mit Toleranz zu tun. Anders als bei den Debatten um die lesbischen Tennisspielerinnen in den 60er-, 70er-Jahren.

Dass Martina Navratilova ihr Hündchen in die Kabine mitnahm, störte niemanden. Aber die Tennismuttis hatten Angst, die Vorzeigesportlerin würde ihre Töchter «verderben».