1962 hat sich am Mount Everest Dubioses abgespielt: Vier wilde junge Bergsteiger versuchten mit einer waghalsigen und illegalen Expedition, von der tibetischen Seite her den höchsten Berg der Welt zu erklimmen: drei Amerikaner und der 24-jährige Schweizer Hans-Peter Duttle. Der Gipfelerfolg blieb ihnen verwehrt. Wie durch ein Wunder überlebten sie alle. Jetzt, 56 Jahre später, folgt der ungeschönte Blick auf diese Jugendsünde und ein besonderes Leben. «Ich war damals nicht nur am Everest, sondern persönlich auch schon Jahre vorher nah am Abgrund», sagt Duttle heute. «Auf der Suche nach dem Leben und gleichzeitig auf der Flucht davor – und vor mir selber.»

Er wurde als Sohn eines Schweizer Diplomaten 1938 in Beirut geboren. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde sein Vater im Rang eines Konsuls nach Bern zurückberufen und nach dem Ende des Krieges in den Diplomatendienst nach Bolivien beordert. Mutter und Kinder folgten dem Familienhaupt. In La Paz war der 8-jährige Hans-Peter wieder ein Diplomatenkind – behütet und materiell verwöhnt und doch mit Anforderungen bepackt. Mit 13 für Gymnasium und Studium alleine in Basel zurückgelassen, fand er ausserhalb des goldenen Käfigs keinen Boden unter den Füssen. Keine Studienrichtung gab Halt – kein Hobby Befriedigung und Lebensfreude. Verunsichert und verzweifelt wurde er Bergsteiger. Es war der Anfang einer Lebens-Reise, die Hans-Peter Duttle später noch in die kanadische Arktis, nach Peru, Bolivien, und schliesslich zu sich selber geführt hat. Zu seinen beiden Töchtern hat er wieder Kontakt. 80-jährig ist der Reisende bei sich selber angekommen. Und in Gümligen BE. Vor allem wegen seiner jetzigen Lebenspartnerin. Unser Autor hat den alten Bergsteiger gebeten, von damals zu erzählen.

«Es war Zufall, und ich hatte das bürgerliche Leben satt. Ich war 1962 als «abverheiter» Student orientierungslos. Auf der Suche nach einem übergeordneten Sinn in meinem Leben und um in den Bergen Ruhe und Klarheit zu finden, bin ich nach Zermatt gereist. Ich war kein schlechter Alpinist – schwierige Klettereien und Viertausender hatte ich gut bewältigt. Aber ich hatte eine gewaltige Sehnsucht in mir: Nachdem ich alle verfügbare Literatur über den Himalaja, die Everest-Region und Tibet gelesen hatte, meldete sich bei mir die Hoffnung nach spiritueller Erfahrung – vielleicht sogar im Kloster Rongbuk, an der Nordseite des Everest.

In Zermatt fand mich aber zuerst der Zufall. In der Jugendherberge traf ich die amerikanischen Bergsteiger Woodrow Wilson Sayre, Norman Hansen und Roger Hart. Sie waren auf der Suche nach einem vierten Mann, um ein waghalsiges Projekt und Experiment in die Tat umzusetzen. Ihre Vision: illegal von der tibetischen Seite her auf den Mount Everest. Ja oder Nein: Ich musste mich sofort entscheiden. Expeditionsstart: morgen!

Ich hatte nichts zu verlieren.

Die Chance, endlich fortzukommen und eine Veränderung in meinem Leben zu erzwingen, machte mir den Entscheid leicht. Ich war bereit, auf Teufel komm raus gemeinsam mit drei verrückten Amerikanern eine letzte Chance zu nutzen und meinen Weg zu finden. Ein letzter Ausbruchversuch. Waghalsig zwar – aber faszinierend wie sonst nichts in meinem damaligen Leben. Nichts in der Schweiz hat mich zurückgehalten. Wir wurden uns schnell einig und tags darauf fuhren die anderen bereits ab.

Ein Gang ins Leere

Meine Vorbereitungen waren rudimentär: Vom Schuldienst abgemeldet, mit Bergschuhen und Pulli im Rucksack, flog ich sofort via Indien nach Kathmandu. Die Amerikaner waren bereits gestartet. Zusammen mit zwei Trägern habe ich mich – unbedarft und schlecht ausgerüstet und nur mit einem Touristen-Visum versehen – auf den langen und einsamen Weg von Kathmandu ins Khumbu gemacht. Dank einem Gewaltmarsch gelang es mir, die anderen einzuholen. Wild entschlossen haben wir unser Ziel anvisiert. Meine drei Partner besassen zur Irreleitung der Behörden eine Bewilligung für den Gyachung Kang an der Grenze zu Tibet.

Die «unmögliche Expedition» mit Ziel Mount Everest nahm ihren Lauf. Und ich war endlich weg! Offiziell zwar nur für kurz in Nepal, aber entschlossen, die Behörden zu narren. Ich war ja irgendwie auch in meinem Leben immer noch nicht angekommen.

Naiv im Leben, naiv am Berg

Unsere Ausrüstung war mehr als spartanisch: zwei Zweierzelte, Windjacken und Berghosen, wasserdichte Militärstiefel, Handschuhe, Trockenproviant und gefriergetrocknetes Fleisch. Dazu Seile, Pickel, schwere Luftmatratzen die man mit dem Mund aufblasen musste, ungeeignete Schlafsäcke und Gaskocher. Wenn ich heute daran denke, kriege ich Hühnerhaut.

Bis zum Fuss des Nup La hatten wir noch einige Träger. Von dort weg waren wir allein. Überschwer waren die Rucksäcke – äusserst mühsam war der Aufstieg. Wir mussten den tausend Meter hohen Eisfall zum Nup La erkämpfen – er war Eingangstor nach Tibet – der Schlüssel zum «verbotenen Land». Aber die Möglichkeit, am höchsten Berg der Welt vielleicht noch Spuren meiner beiden (verschollenen) Vorbilder George Mallory und Andrew Irvine zu finden, sie gab mir ungeahnte Kräfte.

Im klassischen Expeditionsstil kämpften wir uns weiter. Manchmal beglückt durch die euphorisierende Wirkung des Vorwärtskommen-am-Berg, manchmal bedrückt und wie in Trance, besetzt durch ein übergeordnetes und wohl unmögliches Ziel. Wir wollten unser Projekt zu Ende führen, koste es, was es wolle. Erst nach einer weiteren Woche erreichten wir den Nup La. Dann richteten wir die Hochlager ein, schufteten unser Material von Lager zu Lager und stapften mutterseelenallein über die tibetischen Gletscher und Moränen.

Wir waren uns des Risikos bewusst, und sind es – ohne je darüber zu diskutieren – eingegangen. Immer die Angst im Nacken, von den Chinesen entdeckt zu werden. Die möglichen Folgen waren nicht auszudenken ... wir haben sie erfolgreich verdrängt.

Es kam, wie es kommen musste

Nach etwas mehr als drei Wochen und einem anstrengenden Aufstieg erreichten wir den Nordsattel. Wir waren so gut wie überhaupt möglich akklimatisiert. Dann ein erster Rückschlag: Knapp unter dem Nordsattel auf 7000 m beim nächtlichen Materialtransport stürzten Sayre und Hart in die Tiefe. Wir gaben sie auf. Aber wie durch ein Wunder stiessen beide tags darauf wieder zu uns, nach einer Nacht in einer Gletscherspalte. Sayre hatte innere Verletzungen, gebrochene Rippen und eine Gehirnerschütterung. Aber er wollte weitermachen, aufs Ganze gehen.

Mit dem Mut der Verzweiflung verdrängten wir die Gedanken des Scheiterns. Die Idee, notfalls bei den Chinesen Hilfe für den Verletzten zu holen, wurde abgelehnt. Nach der Besetzung Tibets durch die Chinesen hätte uns wohl ein böses Ende erwartet. Der Entschluss wurde von neuem bestätigt: «Wir gehen hoch, Punkt». Wir forderten damit das Schicksal erneut heraus.

Der zweite Unfall

Sayre stürzte ein zweites Mal ab. Er rutschte auf rund 7700 m die vereiste Felswand hinunter direkt am Zelt vorbei. Dort konnte er sich auf wundersame Weise festhalten. Noch einmal war uns das Glück hold. Wir hatten eine kleine Taschenapotheke und versorgten Sayre, so gut es ging. Seine Schürfwunden begannen schnell zu eitern und uns wurde klar, dass das Projekt gescheitert war. Wir hatten keine Wahl mehr. Wir mussten zurück über die Grenze hinunter nach Nepal. Zusammen mit unserem verletzten Bergkameraden, der trotz Halluzinationen und Infektionen zwar noch langsam gehen, aber nichts tragen konnte.

Ich habe seinen Rucksack getragen und meine eigene Ausrüstung zurückgelassen. Ein Entscheid, der mich noch einmal nah an den Abgrund führte. Kalte Nächte ohne Schlafsack und Matte – auf dem blanken Eis. Ich erinnere mich nicht gerne daran. Der Rückmarsch wurde zu einer endlosen Quälerei. Am Schluss hatten wir kein Seil mehr – nur noch einen einzigen Pickel und das Essen wurde knapp. Wir waren nah am Abgrund. Sayre wurde immer schwächer und einsetzender Schneefall forderte von uns das Letzte. In grosser Not erreichten wir schliesslich auf nepalesischem Boden besiedeltes Gebiet, wo wir von Sherpas und Mönchen wie Rückkehrer aus dem Geisterland empfangen und aufgepäppelt wurden.

Einige Tage später wurden die drei Amerikaner per Helikopter ausgeflogen und nach Amerika evakuiert. Die Rettung machte weltweit Schlagzeilen, auch in Nepal. Nach dem langen Rückmarsch wurde ich in Kathmandu aufgefordert, mich bei den Behörden zu melden – und sofort des Landes verwiesen. Mit einem Frachtschiff bin ich schliesslich nach Europa zurückgeschippert. Ohne wirklich Lust auf meine Heimat zu haben.

Noch immer hatte ich keinen Boden unter den Füssen. Ich wusste nicht, wer ich bin und was ich wollte.

Der Preis war hoch

Wieder zu Hause, wurde ich alles andere als freundlich empfangen. Ich wurde vor allem in Bergsteigerkreisen kritisiert, ausgegrenzt und gemieden. Freundschaften zerbrachen. Ich konnte auf kein Verständnis für unseren Trip hoffen. Meine Mutter war damals mein einziger Halt. Unsere Expedition wurde immer mehr bewusst verschwiegen und meine Person als «Nestbeschmutzer» ausgegrenzt.

Auch der SAC, bei dem ich Mitglied bin, sparte in einem Bericht nicht mit vernichtender Ablehnung. Eine harte Erfahrung mehr. Noch heute spüre ich ab und zu Kritik an meinem damaligen Tun. Das ist mit ein Grund, weshalb ich dieses Erlebnis später nie mehr angesprochen habe. Wegen unserer Grenzverletzung wurde der Everest nach unserer Rückkehr für einige Jahre für Ausländer gesperrt. Für die Chinesen waren wir wohl «Spione». Wir waren als Schuldige gebrandmarkt. Und ich blieb perspektiven- und haltlos. Meine Zeit als Bergsteiger war vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte.

Ein Bild aber hat meine Seele berührt. Ich habe es jahrelang mit mir herumgetragen: der Blick durch den Feldstecher auf eine eigenartige Oase – das Kloster Rongbuk. Dieses Bild hat meine Fantasie und Sehnsucht geweckt. Damals war für mich klar: Diesen Ort möchte ich einmal im Leben aufsuchen.

1998 schliesslich wurde der Traum wahr! Rongbuk aber war nicht mehr das «Ende der Welt». Heute bringen Helikopter Alpinisten, Trecker und Tagestouristen hinauf ins Everest-Basislager. Das Kloster eignet sich noch als Kulisse für Touristenfotos. Eine mystische Stimmung ist nicht mehr aufgekommen. Und ich habe im Gespräch mit jungen Tibetern gemerkt, dass sie sich oft nur schwer im Spannungsfeld zwischen eigener Tradition, westlichem Tourismus und chinesischen Machtansprüchen zurechtfinden. Ich habe Verständnis für das moderne Bergsteigen, es freut mich aber auch, dass die einfache und spontane, damit vielleicht auch «ehrliche Art» der Bergsteigerei, die bewusst auf das Maximum an Ausrüstung verzichtet, mindestens als Möglichkeit wieder etwas wert ist. Und ich muss nichts beschönigen: Unser Projekt war verrückt.»

Zum Buch: «Der steinige Weg auf der Suche nach dem Glück»

Ein Ratgeber zum Glücklich-Sein ist das das Buch «Mein steiniger Weg auf der Suche nach dem Glück» nicht. Eher ein Logbuch einer lebenslangen Expedition auf der Suche nach sich selbst und Seelenfrieden. Hans-Peter Duttle hat lange nicht gewusst, was er will, umso besser aber, was er nicht will. Auf der Suche ist viel in Brüche gegangen. Am Ziel angekommen ist er erst im fortgeschrittenen Alter. Eine Erlösung für ihn genauso wie für die Leser seiner Biografie.

Schöngeschrieben werden die 80 Lebensjahre des Wahl-Gümligers nicht. Heldengeschichten über Alpinisten gibt es genug. Doch dies ist eine lesenswerte Lektüre über ein Leben nah am Abgrund und über eine Existenz, die sich viele Jahre an keinem Ort auf dieser Welt willkommen und aufgehoben fühlen und deshalb nie richtig entspannen konnte.

Das Leben als Odyssee und Kampf gegen sich selber, so liest sich das Buch über einen (freiwilligen) Aussenseiter und Suchenden. Der eigenen Wahrheit verpflichtet, kämpft sich Eigenbrötler Duttle in seinem Buch mit hehren Zielen durch den Lebensdschungel. Eingedeckt mit so vielen Fragen und Hoffnungen, dass es für mehrere Leben reichen würde.

Das Scheitern wird Programm, und es bedarf einer grossen Portion Lebenserfahrung und «Altersmilde», damit Duttle schliesslich die Anforderungen ans Leben auf ein realistisches Mass reduzieren kann.

Duttle nimmt uns mit auf seine Everest-Expedition, zu den Inuit in die Arktis, nach Südamerika, ins Schweizer Militär der Nachkriegszeit und in die Enge gutbürgerlicher Verhältnisse, die, mit Anforderungen und Regeln gespickt, einem Käfig gleichkommen. Jetzt, wo der Lebensabend ein anderes Licht auf die Geschehnisse wirft, hinterlässt Duttle in seinem Vermächtnis zuweilen auch Fragen, die man selber allzu gern von sich wegschiebt. Das Glück ist nicht zu finden, nur der Weg dahin – das gilt es erst zu akzeptieren. Ein Buch, das sich wohltuend von gescheiten Erklärungsversuchen über «Bergberührungen» abhebt.