Ein Buch, viele Blätter und mehrere leere Kugelschreiber-Kanülen liegen auf dem Bibliothekstisch. Mark (Namen aller Studenten geändert), der Betriebsökonomie-Student der Fachhochschule Nordwestschweiz, sitzt vor seinem Wirtschaftsbuch und scheint in Trance zu sein. Er schaut nicht einmal auf, als ich hereinkomme. Ich nähere mich, sehe Dutzende vollgeschriebene Blätter und frage, ob das alles von heute sei. «Ja, ich lerne seit fünf Stunden», antwortet Mark. «Heute ist ein produktiver Tag.» Doch diese Produktivität kommt nicht von ungefähr, sondern von der chemischen Substanz, mit der er sein Gehirn pusht. Was früher Kaffee und Koffein war, ist heute Ritalin.

Fünf Prüfungen in einer Woche. Zwei Referate und eine Hausarbeit. Der Leistungsdruck scheint so hoch wie noch nie zu sein und Studien zeigen: Immer mehr Studenten sind überfordert. Sie können die meist knappen Zeitfenster nicht mehr einhalten und greifen deshalb zu Hilfsmitteln. Experten reden hierbei von Hirndoping. Denn eigentlich ist Ritalin ein Arzneistoff, der für die Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) eingesetzt wird. Kindern wird Ritalin beispielsweise verschrieben, wenn sie in der Schule allzu leicht abzulenken sind oder nicht stillsitzen können. Der Arzneistoff wirkt beruhigend – dank ihm lassen sich Informationen besser aufnehmen und es fällt leichter, aufmerksam zu sein.

«Der Druck ist unfassbar hoch und der Lernaufwand einfach zu gross», erklärt Peter. Der 25-Jährige studiert Betriebsökonomie an der Berner Fachhochschule. Die Hochschulen würden einem alles abverlangen. «‹Weniger ist mehr› gilt hier nicht. Immer mehr wissen, mehr machen, herausstechen – das ist das, was zählt», kritisiert Peter. Er selbst greife nicht nur zu Ritalin, auch Koffeintabletten seien in der Prüfungsphase Alltag. Zum Wachbleiben. Das Zurückgreifen auf chemische Hilfsmittel sei an der Fachhochschule aber nicht selten. Für gewöhnlich würden Studenten Lerngruppen bilden und die Tabletten mit ihren Kommilitonen konsumieren.

Keine Zeit für Schlaf

«Wir leben in einer Generation, in der Abhilfe da ist – wieso sollte ich also nicht darauf zurückgreifen?», fragt Mark. In seinem Umfeld sei es sehr beliebt, mit Hilfsmitteln zu lernen. Die Aussichten auf eine bessere Auffassung, längere Konzentrationsphasen und mehr Motivation klingen verlockend. Doch was macht das mit unserem Gehirn? «Die Wirkung von Ritalin ist umstritten, es wurde zu wenig geforscht», sagt die Medizinethikerin Ruth Baumann-Hölzle von der Stiftung Dialog Ethik. «Eine Nacht ausreichend schlafen und ein Liter grüner Tee haben den selben Konzentrationseffekt wie Ritalin bei gesunden Menschen, aber ohne schädliche Nebenwirkungen», so Baumann weiter. Doch Mark sagt dazu: «Selbst wenn das so ist, ist es während der Prüfungszeit unmöglich, genug Schlaf zu bekommen – das würde zu viel Zeit kosten.»

Obwohl Ritalin rezeptpflichtig ist, finden die Studierenden immer einen Weg, dranzukommen: «An Hochschulen ist es sehr einfach, Ritalin zu bekommen», sagt Paul, Wirtschaftsrecht-Student der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Vor allem während der Semesterprüfungen sei das Mittel sehr gefragt, da koste eine Pille um die fünf bis zehn Franken, abhängig von der Stärke der Pille. Die meisten Studierenden würden jemanden kennen, der noch Rezepte von früher hat oder aktuell Ritalin verschrieben bekommt, erklärt Peter. Anders ist es bei Mark: «Ich bekomme die Tabletten von der Mutter eines Freundes. Sie arbeitet in einer Arztpraxis und hat Zugang zu den Pillen. Es verläuft alles rezeptlos», sagt er.

Auf die Frage, wie es begann, haben alle drei Studenten ähnliche Antworten: zu viel Lernstoff in zu wenig Zeit. Sie reden von einem «Tunnelblick». Man sei dermassen fokussiert, dass alles andere verschwinde. Sechs bis acht Stunden am Stück lernen – das wäre ohne Hilfsmittel undenkbar.

In einem Punkt unterscheiden sich die Meinungen jedoch. Während Mark und Peter sagen, dass die Einnahme von Ritalin ein offenes Geheimnis, aber trotzdem ein Tabu-Thema sei, ist Paul anderer Meinung: «Heutzutage kann man darüber offen sprechen und auch manchmal unter Freunden konsumieren», sagt er.

Ritalin kann einsam machen

Ritalin wirkt zwar wie ein Motivator, doch auf die erste Euphorie-Phase, die einem dabei hilft, produktiv zu sein, folgt die Schattenseite. Mark erzählt, wie unerwartet schlimm die Nebenwirkungen einmal waren: «Ich lag stundenlang wach, konnte einfach nicht mehr einschlafen. Ich verspürte Wallungen, hatte schlimme Bauchkrämpfe», erinnert er sich. Am schlimmsten sei die innere Wärme gewesen. Schuld war eine zu hohe Dosis – das sei ihm eine Lehre gewesen.

Nebenwirkungen drohen aber auch bei niedrigen Dosen. Laut Beipackzettel kann eine einzige Pille schon zu Beschwerden führen: Kein Appetit, Mundtrockenheit, Gewichtabnahme, Haarausfall, Schlaflosigkeit, Nikotindrang (für Raucher) und Gefühllosigkeit sind nur einige davon. «Man kann sich wirklich einsam fühlen», sagt Mark. Spätestens dann solle man mit der Einnahme stoppen.

Genau aus diesen Gründen rät Ruth Baumann-Hölzle von der Einnahme von Ritalin ab: «Ritalin kann die Gesundheit und die Persönlichkeit schädigen und zur Sucht werden. Es braucht auf jeden Fall mehr Prävention und Kontrolle in diesem Gebiet – die Wirkung muss vollends untersucht werden.»

Nichtsdestotrotz möchte keiner der drei Studenten auf die Einnahme verzichten. Genauso wenig wie ihre Kommilitonen – sie schätzen, dass rund vierzig bis sechzig Prozent während der Prüfungsphasen Ritalin konsumieren. «Mit Ritalin kann man es nicht besser, aber länger», sagt Peter lachend.