Wer nicht gerade Gletscherforscher ist, bekommt so etwas eigentlich nicht zu sehen. Jedenfalls nicht ohne Drama, ohne Rettungsaktion und ohne Lebensgefahr, weil man grosses Pech hatte und auf dem Gletscher in eine Spalte gerutscht war. Auf Island, tief im Herzen des Eiskolosses namens Langjökull, lässt sich jedoch von einer kleinen Holzbrücke aus in aller Ruhe in eine Gletscherspalte hineinblicken.

Ein weit hinaufreichender Hohlraum zeigt sich, der gleichzeitig ein kleines Kunstwerk der Natur ist: voller Verästelungen und ungewöhnlicher Formen, mit unzähligen Eiszapfen unterschiedlichster Grösse.

Im Westen der Insel gibt es die Möglichkeiten, auf den mächtigen Eisschichten zu kraxeln, zu wandern oder zu fahren. Auf einer «Into the Glacier»-Tour können Besucher mittlerweile auch durch einen höhlenartigen Tunnel direkt in den Langjökull, den zweitgrössten Gletscher Islands, hineinspazieren.

Bereits die Fahrt dorthin ist wegen der umgebauten Vehikel, die die Gruppe auf die Gletscher bringen, ein Ereignis. Einst gehörten sie der Nato und transportierten während des Kalten Krieges Sprengköpfe durch Polen. Die Veranstalter der Gletscher-Touren ersteigerten sie in England und bauten sie zu Super-Monster-Jeeps um, in denen jeweils 35 Besucher Platz haben.

Zwei Stunden lang walzt dieses Gefährt durch eine leere, irgendwann bergige Landschaft. Sie besteht erst aus grau-braunen Felsen mit vereinzelten Schneetupfern, von denen es zunehmend mehr gibt, bis schliesslich alles so weiss ist, dass man beinahe nicht mehr weiss, wo oben oder unten ist. Es scheint, als würde das Vehikel-Ungetüm über Wolken rattern – bis der Riesenjeep vor einem runden Tor im schier endlosen Weiss stoppt.

Der Eiskoloss wandelt sich

Es ist der Eingang in den Gletscher Langjökull, durch den die Gruppe dem eisigen Wind draussen entkommt und in einem röhrenartigen Gang landet, den der Neuschnee in diesem Winter um fast 35 Meter verlängert hat. Den Bohrer, der am Ende dieses Zugangs neben einem Bulldozer liegt, übersieht man fast, so klein und unscheinbar ist er.

Doch beim Höhlenbau hatte er sich an der Vorderseite eines Bulldozers gnadenlos durch das Eis gefräst. «Von zwei Seiten wurde ein herzähnlicher Rundgang gebohrt», erklärt Telma Rut, die die Gruppe durch den Tunnel führt. «Das musste präzise sein, dass sich die Gänge treffen. Beim zweiten Versuch hat es geklappt.»

Die Idee dazu kursierte über längere Zeit. «Bislang gab es solche Tunnels nur am Rand des Gletschers, die dann aber schnell geschmolzen und eingestürzt sind», sagt die junge Isländerin. Doch Baldvin Einarsson und Hallgrimur Örn Arngrímsson, die beiden Initiatoren von «Into the Glacier», liessen sich davon nicht abschrecken. In Zusammenarbeit mit einer Ingenieurfirma planten und tüftelten sie, bis das Projekt nach drei Jahren eröffnet wurde.

Insgesamt bedecken Gletscher elf Prozent der Landesfläche von Island. Langjökull sei besonders gut für dieses Vorhaben geeignet gewesen, sagt Telma. Er ist flach und seine wenigen Gletscherspalten sind nicht allzu gross oder offen.

Folgen für die Umwelt gab es durch das Projekt angeblich nicht. Alles was an Eis herausgeholt wurde, liege oben auf dem Gletscher. «Als hätten wir einen Teelöffel Wasser aus einer Badewanne genommen und an anderer Stelle wieder reingegossen», erklärt Telma. Das Resultat ist ein herzförmiger Tunnel von etwa 500 Meter Länge.

Weil der Boden nass und rutschig ist, müssen sich zunächst alle Besucher Spikes unter ihre Schuhe ziehen. Auf der rund anderthalb Stunden dauernden Tour sieht man, wie mächtig Druck und Eis aufeinander wirken. Lassen sich am Anfang noch ganze Eiskristalle an den Wänden ausmachen, verändert sich der Schnee, je tiefer die Gruppe ins kalte Herz des Eiskolosses vorstösst. Der Gletscherschnee, der sogenannte Firn, verliert durch zunehmenden Druck den Sauerstoff, wodurch das Gletschereis entsteht: Jenes wunderschöne, klare Eis, welches das menschliche Auge in Blauschimmern unterschiedlicher Intensität wahrnimmt.

Während der Tour muss man sich wiederholt bewusst machen, an welch unglaublichem Ort man sich gerade befindet – so tief in einem Gletscher! Am spannendsten sind jene Stellen, an denen klar wird, dass der Eiskoloss so etwas wie ein Lebewesen ist. Bei konstant null Grad ist er ständig in Bewegung, schmilzt hier und friert da. Teilweise entstehen auch Risse. In einer Höhle bohrten Forscher drei Kreislöcher in die Wand, die sich seitdem ins Oval verschoben haben und die Bewegungen des Gletschers vor Augen führen.

Heiraten inmitten von Eis

Am tiefsten Punkt des Tunnels wurde eine Kapelle gebaut. Darin haben Paare tatsächlich schon geheiratet; es finden aber auch Konzerte und andere Events statt. Die Akustik soll dafür recht gut sein. Nicht wie weiter oben, wo der Tunnel vermehrt aus Schnee besteht, der die Geräusche aus der Umgebung verschluckt. «Will keiner etwas singen?», wird in die Runde gefragt. «Wirklich nicht?» Diese Chance gibt es nur einmal! Eine Franzosengruppe stimmt schliesslich die Marseillaise an: Etwa Dutzend Kehlen schmettern inmitten des Eises die französische Nationalhymne.

Dieser Extrembeschallung hält der Tunnel locker stand. Aber kann er aufgrund der Bewegungen und Veränderungen nicht doch zusammenbrechen? Das sei sehr, sehr, unwahrscheinlich, sagt Telma. Würde es dennoch passieren, gäbe es verschiedene Rettungspläne. «Man geht aber davon aus, dass die Höhle 15 bis 20 Jahre hält», sagt die Isländerin. Und nachdem der Tunnel irgendwann wieder der Natur überlassen wird, wird alles so sein, als wäre hier nie etwas anderes gewesen.