Alte Drehorgeln, vorne prächtig anzuschauen, so mächtig in den Tönen, haben hinten Lochkarten. Geschmeidig laufen die durch eine ausgeklügelte Lesemechanik. Jeder Sound, und sei er noch so gewaltig, beruht auf gestanzten Löchern und findet Platz in einer Kartonschachtel. Je öfter das gleiche Kartenset eingeschoben wird, desto auffälliger wird das Drehorgelhafte daran, das Monotone.

Ach – wir reden von Jean Ziegler, nicht wahr? Von unserem National-Leierkastenmann für «Kapitalismuskritik». Bis zur Parodie ist das geronnen (Walter Andreas Müller), bis zur Comedy. Neulich musste sich Ziegler gar fragen lassen (von Peter Rothenbühler in der «Schweizer Illustrierten»): «Jean Ziegler, wollen Sie als Lachnummer in die Geschichte eingehen?» Ziegler hatte gerade die Regierung Maduro in Venezuela verteidigt. Und das tut doch kein Mensch ... ausser Teile der Bevölkerung Venezuelas, die augenscheinlich grade eine Handvoll regime-strammer Gouverneure an der Urne bestätigten.

Gewiss, Jean Ziegler lässt auf Knopfdruck gern gestanzte Walzen laufen. Der Knopfdruck übrigens erfolgt nach wie vor elektro-mechanisch, nicht digital; Ziegler hat weder PC noch Handy. Wer ihn reden hört seit fünfzig Jahren, kennt das Repertoire: «Wir sind in der Endphase des Klassenkampfs. Die Diktatur des globalisierten Finanzkapitals hat unglaubliches Elend geschaffen. Der Mensch ist in unserer Kultur nur etwas wert, wenn er als Ware fungiert …» Derlei wäre auch in jedem Interview nachzulesen. Zieglers Wortprägungen – «Raubtier- und Casino-Kapitalismus» – sind mittlerweile ins Schatzkästlein geflügelter Worte von Globalisierungsverlierern übergegangen. Es deutet darauf hin, dass der Stammtisch, nach dem Bankenfiasko, die Diagnose nicht mehr rundweg für so abwegig hält wie vor 2008.

Journalist und Kapitalismuskritiker fotografiert zuhause bei Ziegler in Russin bei Genf.

Jean Ziegler (rechts) im Gespräch mit Max Dohner

Journalist und Kapitalismuskritiker fotografiert zuhause bei Ziegler in Russin bei Genf. 

Man kennt auch Zieglers bevorzugtes Namedropping – eine Art Halloween-Vitrine bürgerlicher Schreckfiguren, die meisten inzwischen verblichen oder wächsern: Fidel, Sartre und Gaddafi, Mitterrand und Ogi … wie bitte, unser Dölf Ogi? Ja, zu ihm kommen wir gleich … Und vom langen Kampf der «positiven Subversion und Sabotage», den Ziegler führt im Gammelfleisch des Kapitalismus, kennen wir zuletzt auch jede zähe Anekdote: «Hier, sagte der Che zu mir in Genf, hier, sagte der Comandante: Du bist ein Kleinbürger, du kommst nicht mit nach Kuba. Aber hier, da liegt dein Schlachtfeld!»

Der Mont Blanc, der da nicht steht

So. Spätestens hier entfernen wir uns ein paar Schritte von der Drehorgel mit den gut verlöteten Pfeifen. Sonst leiern wir am Ende gar noch selbst rum in gestanzten Mustern. Das Stereotype einer Politikerantwort kann ja auch davon rühren, dass man stereotyp fragt. Das tun bei Ziegler viele Journalisten, oft aus Resignation, irgendwann auch mal durchzudringen mit einer neuen Frage: «Bereuen Sie es nicht manchmal, mächtige Gegner zu scharf, zu verstockt angegangen zu haben?» Und immer antwortet Jean Ziegler mit Karl Kraus, dem scharfen Satiriker: «Er schiesst oft über das Ziel hinaus, aber selten daneben.»

Die erwähnten paar Schritte führen uns von der Station Russin, zwanzig Minuten Fahrtzeit von Genf-Cornavin entfernt, einen Rebberg hinauf zur Terrasse eines unglaublichen Idylls an Dorf und Landschaft. Eine Annäherung, so hoffen wir, vom «Arena»-geformten zum eigentlichen Jean Ziegler. Der Anstieg bringt uns ins Keuchen. So japsen wir, an der Schwelle von Zieglers Haus: «Scha-haffen Sie he-etwa diesen Rebhang noch? Mit Ihren 83 Jahren?» Ziegler nickt, wir blicken skeptisch, er bleibt beim Pokerface; in seinem Rücken lächelt Erica, Zieglers Gattin.

Alles hat von Anfang an unvermuteten Zauber, und lange wird nicht klar, weswegen. Wie gesagt: Ziegler redet ohne Punkt und Komma, wofür er eben steht. Gelingt es in seltenen Momenten, ihn aus der rhetorischen Rille zu bugsieren, schwenkt er nach einer halben Schleife hartnäckig sanft darauf zurück. Es sind die Töne ebendieser beiläufigen Schleifen, die in der Summe das Zimmer, die Terrasse vor Weinberg und Rhone, ja den ganzen Abend mit Zauber erfüllen. Im Grunde sind es nur die Zwischentöne in Bezug auf Erica, Zieglers Frau. Barfuss, den Gartenschlauch in der Hand, hat sie uns empfangen. Später serviert sie den Rotwein, den Ziegler vorschlägt. Sie redigiert, was er schreibt, nach seiner Aussage rigoros. Sie folgt, jenseits der Bilderwand, unsichtbar dem Gespräch; auf kurze, meist amüsierte Laute von ihr, die wir überhören, reagiert Ziegler jedes Mal, als hätte er dafür Fledermausantennen.

«Parteien sind passé. In Zukunft werden ad-hoc-gebildete Organisationen der Zivilgesellschaft weltweit viel wirkungsvoller sein.»

Jean Ziegler

«Parteien sind passé. In Zukunft werden ad-hoc-gebildete Organisationen der Zivilgesellschaft weltweit viel wirkungsvoller sein.»

Die SP Schweiz, mindestens die Macho-Führungsriege an der Spitze, habe offenbar ein Frauenproblem, sagen wir, gestützt auf Äusserungen von SP-Frauen. Ziegler lächelt, einen Schimmer lang melancholisch: «Ja, da werde ich stets gefragt, was ich am Abend essen möchte … ich selber frage oder koche nie. Wir sind den Frauen schon anheimgestellt.» Ob ihn eigentlich immer noch Schulden drücken, wegen verlorener Verleumdungsprozesse? «Massiv», antwortet Ziegler, «ich bin bloss Mieter in diesem Haus; es gehört meiner Frau.» Dann treten wir raus auf den Balkon. Ziegler sagt: «Da drüben ist der Mont Blanc …» – «…der jetzt gerade hinter den Wolken steckt», sagt Erica aus dem Wohnzimmer, wieder leicht belustigt.

«Wenn Sie drei Dinge nennen müssten», fragen wir, «die Sie bereuen, Herr Ziegler, bis zur Marter bereuen, Dinge, die Sie zurücklassen müssen im Sterben, was würden Sie da am tiefsten vermissen?» – «Meine Frau», sagt Ziegler, ohne nachzudenken. «Sag nicht so was», mahnt Erica von hinten leise; man spricht vom Unglück nicht. Kurze Pause, dann fährt Ziegler fort: «Der tägliche Sonnenaufgang, immer ein erster Schöpfungstag. Drittens die täglich mysteriösen Begegnungen.»

Altersmilde? Pustekuchen!

Deswegen sind wir gekommen. Wegen solcher Gedanken, die Ziegler äussert in einem eigens dafür gewidmeten Kapitel in seinem neusten Buch: «Der schmale Grat der Hoffnung». Darin heisst es: «Mich beherrscht panische Furcht vor der Vergänglichkeit.» Sartre habe recht, wenn er sage, kein Tod sei «natürlich»: «Jeder Tod ist Mord. Trennung. Bruch.»

Ziegler, der vom Protestantismus zum Katholizismus konvertiert war ungefähr zur gleichen Zeit, da ihn ein Besuch im Kongo politisiert und zum Kommunisten hatte werden lassen, glaubt an die Auferstehung. «Natürlich bin ich kein ‹weiser Prophet›», schreibt Ziegler, «nur ein weisser Intellektueller, der, von den mörderischen Heimsuchungen unseres Planeten verschont, frei und glücklich inmitten einer liebevollen Familie lebt. Wenn ich von meinen Kämpfen berichte, verschaffe ich mir die Hoffnung, meinem Leben einen Sinn zu geben und gegen den Tod zu kämpfen.» Ist das ein «neuer» Jean Ziegler, ein Ton der «Altersmilde»?

Da kommt sofort ein satter kurzer Feuerstoss, nicht unerwartet – auch dazu wurde er schon befragt: Altersmilde? Pustekuchen! Das hätten seine Feinde wohl gern. Es fallen Namen, versehen hier oder dort mit dem Beiwort: «Dieser Halunke!» Und aus dem Tierreich: «Geier!», «Ausgemachter Esel!» Die Namen tun nichts zur Sache; wir tragen hier gar nichts bei zum weiteren Anwachsen von Zieglers Schuldenberg.

«Jene paar Leute, die mehr Vermögen haben als die Hälfte der Menschheit zusammengenommen, bringen Sie in einen einzigen Bus.»

Jean Ziegler

«Jene paar Leute, die mehr Vermögen haben als die Hälfte der Menschheit zusammengenommen, bringen Sie in einen einzigen Bus.»

Im Buch schildert Ziegler, als guter Stilist und trotz der bürokratisch-politisch-technischen Materie so flüssig wie anschaulich seine Sicht der UNO. Er zieht ein Fazit der Arbeit, zuerst als Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, danach als Mitglied des Beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrates. Wie Ziegler 2013 wiedergewählt worden ist, obwohl die USA und Israel vehement gegen seine Kandidatur opponiert hätten, erzählt er im Buch. Für jeden, der verfolgen will, wie das Meccano der Politik in den Kulissen erst ausgelegt, dann zusammengefügt wird, seien die Passagen empfohlen.

Zieglers Fazit: «Wir sind gescheitert.» Aber gescheitert seien viele andere auch, in Schlachten anderswo. Etwa die SP, die Parteien überhaupt. «Parteien sind passé. In Zukunft werden ad hoc gebildete Organisationen der Zivilgesellschaft weltweit viel wirkungsvoller sein.» Mit Ad-hoc-Schub vorangetriebener Themen, wie die 99-Prozent-Initiative der Jusos, die Ziegler – wie erwartet – begrüsst: «Jene paar Leute, die mehr Vermögen haben als die Hälfte der Menschheit zusammengenommen, bringen Sie in einen einzigen Bus.»

«Und schleunigst liquidiert»

Und so bricht der Abend herein. Es ist erstaunlich – oder «mysteriös», um Zieglers Wort solcher Begegnungen aufzugreifen: So drehorgelhaft er weiterhin spricht, so lebendig bleibt doch das Gespräch in (fast) jeder Phase. Am Anfang hatte Ziegler gebeten, es kurz zu gestalten, «wegen einer Sitzung». Die rückte still nach hinten. Als wir aufstehen, sagt Ziegler erneut: «Nun die Krawatte umbinden und ab zur Sitzung». Wir zweifeln nicht daran. Aber wir denken, das Souper mit Erica, seiner Frau, könnte ja auch eine «Sitzung» sein.

Jedenfalls begleitet uns Ziegler noch bis zum mörderischen Rebhang. Wir fragen, weil er im Buch nicht davon spricht, welche «Amigos» ihm eigentlich geholfen hätten, bei der UNO wieder Fuss zu fassen, nachdem das Parlament in Bern seine Immunität aufgehoben hatte und er, als «Vaterlandsverräter» gebrandmarkt, politisch am Ende schien? «Kofi Annan», sagt er «und Dölf Ogi». Dem folgt die Schilderung einer guten Freundschaft zu dritt, sachlich als Information, warm im Ton.

Und endlich haben wir eine Idee, wie das «Mysterium» Jean Ziegler zusammengesetzt sein könnte. Er vereinigt Widersprüchliches, das bei ihm alles Widersprüchliche verliert. Er ist Katholik und Kommunist, Kleinbürger auf globaler Mission. Er neigt zu Wiedergeburtsvorstellungen, aber frei von esoterischem Dunst. Er vereinigt Ideen afrikanischer Kulte mit Thuner Überlieferung, stellt sich aber kein Fastfood-Menü zusammen aus dem spirituellen Warenhaus wie das Gros. Er ist Guerillero und privilegierter Funktionär mit Geländewagen, Chauffeur und Emblem. Er hat eine Schwäche für gewisse Diktatoren, ist im Kern aber kein blind-bescheuerter Vasall. Aus lauter Widersprüchen hat Ziegler früh eine ganz eigene Orgel gebaut, sein ureigenes Programm gestanzt. Mit einem Wort: Ziegler ist ein radikaler Individualist, ein Unikat.

Dieses Bild verleitet uns auf dem abendlichen Gang durch die Herbstreben in Russins letztem Glanz zur Spekulation: «Herr Ziegler, Sie wären wohl von nahezu jedem politisch rigiden System …» «… verfemt worden und schleunigst liquidiert», ergänzt Ziegler bestens gelaunt, «hätte ich nicht das Glück des Zufalls gehabt, in der Schweiz geboren zu werden.»

Genau darum kämpfe er um Gerechtigkeit bis zum letzten Tag: «Das Glück des Zufalls ist für die zufällig Unglücklichen unerträglich ungerecht.»

Jean Ziegler: «Der schmale Grat der Hoffnung». 320 Seiten. Bertelsmann-Verlag, München, 2017.