Sie ist eine Sensation, noch bevor sie den ersten Ton spielt. Die Geigerin Leia Zhu ist zwei Köpfe kleiner als sämtliche Musiker der Festival Strings, in deren Mitte das Mädchen im Luzerner KKL steht. Schwarze Spangenschuhe, weisses Prinzessinnenkleid, das Haar mädchenhaft zu zwei Schwänzchen gebunden, wartet die Elfjährige im Takt wippend auf ihren Einsatz.

Als er kommt, kann man die Sparte Mädchen gleich wieder vergessen. Die Töne auf der G-Saite wummern wie bei den Grossen, die Finger rasen mit dem Geigenbogen um die Wette, und die Klänge in Paganinis zweitem Violinkonzert fügen sich zu einem persönlichen, reifen Tonfall. «Unglaublich», raunt eine Hörerin mitten in die Musik. Sie hätte genauso gut auch «Wunder» sagen können. Denn Leia Zhu ist das, was man gemeinhin «Wunderkind» nennt. Auch abseits der Bühne wirken Leias Aussagen (allzu) perfekt: «Geige spielen ist fun», bekundet die Elfjährige vor ihrem Konzert gegenüber der «Schweiz am Wochenende».

Profis im Kinderkörper

Was aber ist das, ein Wunderkind? «Wunderkinder erbringen bereits im Kindesalter Leistungen, welche sich mindestens auf Erwachsenen-Niveau bis hin zum Profiniveau ansiedeln lassen», fasst Entwicklungspsychologin Letizia Gauck das Phänomen zusammen, das sich an Musikern wie Mozart, Michael Jackson oder Yehudi Menuhin zeigte. Und Gauck fügt an: «Wunderkind ist keine wissenschaftliche Definition, denn Wunderkinder sind so selten, dass man ihre Entwicklung kaum richtig erforschen kann.»

Umso mehr bewundern wir sie und umso mehr lieben die Medien sie: Künstler und kluge Köpfe, die in kindlichen Körpern stecken. Ob auf den Konzertbühnen, am Schachbrett oder auf dem Tenniscourt. Sie erreichen auf ihrem Gebiet ein Niveau, das in ihrem Alter physiologisch gar nicht möglich sein dürfte. Und heute, im omnipräsenten Aufmerksamkeits-Wettbewerb, sind Wunder eine ziemlich starke Währung.

Das erkannte vor rund 250 Jahren schon Leopold Mozart, der mit Sohn Wolfgang keinen Tag und keine Tournee vergeudete in jener frühen Kinderzeit, «bis der Wolfgang in die Jahre und denjenigen Wachstum kommt», wie Leopold Mozart befürchtete, «die seinen Verdiensten die Verwunderung entziehen». Denn bei diesen kleinen Meistern verhalten sich Kind und Wunder umgekehrt proportional: Je kleiner das Kind, desto grösser das Wunder.

Womöglich damals schon, heute aber mit Sicherheit mischt sich darum in die lautstarke Bewunderung der leise Verdacht: Ist dieses Kind ein Produkt elterlicher Dressur? Oder gar elterlichen Drills? Entwicklungspsychologin Letizia Gauck gibt zu bedenken: «Beim Umfeld eines so begabten Kindes liegt viel Verantwortung – aber auch bei uns als Gesellschaft. Wir haben alle die Wahl: Gehen wir in ein Konzert eines Wunderkindes? Oder sagen wir: Nein, das wollen wir gezielt nicht unterstützen.» Im Fall von Leia Zhu kann man teilweise Entwarnung geben: Die kleine Geigerin besucht in Newcastle eine öffentliche Schule, hat eine beste Freundin, die ebenfalls Geige spielt. Nur auftreten darf diese nicht mit Leia: «Sie spielt erst seit einem Jahr», erklärt das Wunderkind. Leia selbst gibt Konzerte, seit sie vier ist, und übt «zwei oder drei Stunden am Tag».

Stichwort Üben: Alles steht und fällt damit. Bei seinem Zürcher Auftritt im Oktober 2017 witzelte Starpianist Lang Lang, dass er mit drei Jahren täglich drei Stunden geübt habe, mit vier seien es vier gewesen, mit fünf fünf und so weiter. Und noch während das Publikum herzlich lachte, stellte Lang Lang nüchtern fest: «Das war eigentlich kein Witz.»

Wunder, komm raus!

Dass gerade väterlicher Ehrgeiz manchmal drastische Auswüchse trägt, kommt bei vielen Wunderkindern erst im Nachhinein ans Licht. So drillte Papa Beethoven – gerne auch nachts – Sohn Ludwig mit Brachialgewalt zum Virtuosen. Und Joseph Jackson, Vater von Michael Jackson, schlug fünf seiner zehn Kinder statt zum Ritter zur legendären Band The Jackson Five; sogar Medikamente soll er dem jugendlichen Michael verabreicht haben, um dessen Stimmbruch hinauszuzögern. Tennisstars wie Andre Agassi oder Jelena Dokic haben über die Gewalttätigkeit ihrer ehrgeizigen Väter ganze Bücher geschrieben. Heisst die dunkle Seite der Erfolgsmedaille also: Keine gewaltige Leistung ohne Gewalt?

«Man kann aus einem Kind, das keine Hoch- bis Höchstbegabung mitbringt, nicht solche Leistungen herausprügeln», sagt Entwicklungspsychologin Gauck. Denn die Forschung ist sich einig: 50 bis 80 Prozent unserer Intelligenz und Begabungen sind vererbt. Nur bei bestehender Anlage kann sich ein Wunderkind entwickeln – unter gewissen Umständen. Letizia Gauck erklärt: «Hinter jeder derart herausragenden Leistung stehen Eltern, die zumindest zeitweise motivieren. Motivation ist eine Mindestvoraussetzung.» Auf gut Deutsch heisst das: Die Eltern üben aktiv und intensiv mit dem Kind, auf dass die Töne oder Tennisbälle schmettern: immer schneller, immer höher, immer präziser.

Der innere Motor

Doch wo bleiben Wille oder sogar Wohl des Kindes? Geht beides stillschweigend unter zwischen Wimbledon und Vivaldi? Letizia Gauck hat die umgekehrte Erfahrung gemacht: «Die meisten, die auf diesem Niveau Musik machen, haben eine intrinsische Motivation.» Salopp formuliert liegen Begeisterung und Begabung bei Wunderkindern im selben Bereich. Michael Jackson sagte – Prügel hin oder her – als Zehnjähriger: «Ich singe nicht, wenn ich’s nicht wirklich meine.» Auch Leia Zhu horchte als sechsmonatiges Baby auf, sobald im Radio Musik mit Streichinstrumenten lief. Mit dreieinhalb kriegte das Mädchen eine Spielzeug-Geige. Ab dann gings sehr schnell: Als Vierjährige spielte Leia ihr erstes Konzert vor 1000 Zuschauern.

Seitdem sind die Weichen für die kleine Geigerin gestellt. Sie studiert in London bei Itzhak Rashkovsky und besucht Meisterkurse in der Schweizer Wunderkind-Schmiede von Zakhar Bron. Entwicklungspsychologin Letizia Gauck gibt zu bedenken: «Es ist ein Risiko, alles auf eine Karte zu setzen.»

Sie plädiert für mehr Kindheit im Wunder: «Wenn Kinder so viel positive Rückmeldung erhalten für ihre Leistung in einem Bereich, wird es immer schwieriger sich zu fragen: Was könnte mich noch interessieren? Dann hat man viele andere Fähigkeiten und Bereiche, die einem auch Freude machen würden, gar nie entdeckt.» Darüber kann Leia Zhu lachen: «Ich habe viele Interessen: Geschichtsunterricht, Literatur und Creative Writing mag ich sehr.» Trotzdem bleibt die Frage: Wie lange noch?

Lesen Sie hier das Interview mit Neuropsychologe Lutz Jäncke, der an Musiker-Gehirnen forscht.