«In der Stadt der Zukunft soll sich ein Netz, gewoben aus Pflanzen und Grünflächen, durch das Siedlungsgebiet spannen.» Das ist die Vision von Florian Brack, der an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil lehrt und forscht. Es geht um die Gestaltung von Städten und Gemeinden, in denen es im Sommer wegen des Klimawandels immer heisser wird. Für viele Menschen ist dies unerträglich, für alte und kranke gar bedrohlich. Mehrere Schweizer Städte haben mit Massnahmen reagiert, andere fangen erst an, sich stadtplanerisch zu wappnen.

Brack, der am ZHAW-Institut für Umwelt und natürliche Ressourcen die Forschungsgruppe Freiraummanagement leitet, sagt: «Die Stadtplaner stehen angesichts des Klimawandels vor komplexen Herausforderungen. Gefragt sind interdisziplinäre Lösungen, die Grün und Grau gemeinsam denken. Nur wenn diese gefunden werden, sind Städte auch künftig noch lebenswert.»

Es braucht neue Baumarten

Städte heizen sich in Hitzesommern auf, weil Gebäude und geteerte Böden Wärme speichern und sie nachts abgeben. Es gibt mehr Tropennächte (Temperatur nicht unter 20 Grad). Oft sind Städte auch zu wenig durchlüftet, da es keine Windschneisen gibt. Schon in der Kleinstadt Sitten ist es im Sommer um sechs Grad wärmer als im Umland. Die Perspektiven sind dramatisch. Gemäss neuen Klimakarten gab es in der Stadt Zürich von 1961 bis 1990 durchschnittlich zwischen zehn und zwanzig Hitzetage pro Jahr. Ab 2071 könnte das Thermometer an über 50 Tagen mehr als 30 Grad anzeigen.

Die grosse Hitze führt zudem zu Schäden an der Vegetation, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind, aber auch für die Städte Folgen haben. So begünstigen ein warmes und trockenes Klima und milde Winter die Ausbreitung von Schädlingen und Krankheiten an Pflanzen, etwa der Kastanienminiermotte oder der Platanennetzwanze. Umgekehrt setzt die früher einsetzende Vegetationsperiode die Pflanzen Spätfrösten aus, die weiter auftreten können. Bäume im städtischen Raum, die bereits durch mehrere Faktoren gestresst sind (kleiner Wurzelraum, Schadstoffeintrag, Streusalz) können dadurch weiter geschwächt werden und am Ende gar absterben.

«Dabei sind Bäume essenziell für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen, insbesondere in Städten», sagt Brack, «weil sie Schatten spenden und dadurch die Aufheizung vermindern, durch Verdunstung das Mikroklima kühlen sowie CO2 binden.» Das Problem: Viele der einheimischen Baumarten sind dem Klimawandel nicht gewachsen, wie Studien der Berner Fachhochschule gezeigt haben. Baumarten für die Zukunft wurden im kontinentalen Kroatien gefunden, wo heute ein Klima herrscht, wie es für 2060 auch in Bern prognostiziert wird. So könnte die bei uns verbreitete Sommerlinde gelegentlich durch die Silberlinde, die Rosskastanie durch die Zerreiche ersetzt werden. Andere Studien empfehlen den Ginkgo als künftigen Stadtbaum.

Wegen der Erhaltung der Artenvielfalt ist es wichtig, dass die richtigen Bäume am richtigen Standort gepflanzt werden. Ein möglicher Lösungsansatz: hitze- und trockenheitsresistente Arten im Strassenraum, einheimische Arten in weniger intensiv genutzten Pärken als Lebensraum für die Tierwelt. Aber auch in Pärken sind Bäume mit Bedacht zu pflanzen. Grosse Kronen sind für die Kühlung des Mikroklimas zwar essenziell, sollen aber kein grossräumig geschlossenes Dach bilden, weil sie so die Durchlüftung behindern können. Im Park locker verteilte Bäume auf begrünten Flächen stellen aus klimatischer Sicht das Optimum dar.

Eine «Green Wall» für Zürich?

Eine «Green Wall» für Zürich?

Im Bahnhofstrassenquartier soll die erste begrünte Fassade eines Geschäftshauses in einer Schweizer Innenstadt entstehen. Während sogenannte «Living Walls» in modernen Metropolen bereits verbreitet sind, ist die Zahl begrünter Fassaden in der Schweiz noch verschwindend klein. Im Interview mit sda-Video erklärt der Architekt, was die Vorteile einer «Green Wall» sind, wie viel sie kostet und ob so die Zukunft der Schweizer Städte aussehen soll.

Um die Aufheizung von Siedlungsräumen einzuschränken, sind möglichst viele Grünzonen zu erhalten, zu vernetzen und neue zu schaffen – auch durch das Aufbrechen von durch Asphalt oder Beton versiegelter Böden. Studien der ETH Zürich in Singapur haben zudem den günstigen Einfluss von grünen Fassaden auf das Stadtklima gezeigt. «Wir haben festgestellt, dass eine begrünte Fassade die Temperatur bis zu sieben Grad senken kann», sagte kürzlich ETH-Professor Sacha Menz gegenüber Radio SRF1. Die Reflexion werde durch die Pflanzen reduziert, wodurch Hitzeinseln verhindert würden. Eine solche ist auch in Zürich an der Löwenstrasse geplant.

Auch Private sind gefordert

Sitten hat in einem Pilotprojekt bereits mehrere kühlende Massnahmen inklusive neuer Wasserflächen bereits umgesetzt. Anpassungen in den Raumplanungsinstrumenten bis hin zu neuen Bestimmungen in Quartier- und Zonenplänen und in der Bauordnung sollen den eingeschlagenen Weg sichern. Zudem wurde die Öffentlichkeit für die Thematik sensibilisiert.

Bei raumplanerischen Massnahmen, etwa zur Erhaltung von Frischluftschneisen, fordert Florian Brack, dass über Gemeindegrenzen hinweg zusammengearbeitet wird. Er sieht auch Private in der Pflicht, sich an der grünen Umgestaltung des Siedlungsraums zu beteiligen etwa durch den Verzicht auf ökologisch nutzlose Schottergärten.