Christine Thürmer hat vor acht Jahren aufgehört zu arbeiten. Seither wandert sie. Die ehemalige Firmensaniererin aus Deutschland hat bereits 32 200 Kilometer zu Fuss hinter sich gebracht. Sie hat ihr Leben in Deutschland abgebrochen, um fortan unter freiem Himmel oder im Zelt zu schlafen. «Ich bin freiwillig obdachlos», sagt sie mit unbeschwertem Lachen am Telefon. Was ihr geblieben ist von der Zivilisation ist die Krankenversicherung. Alles andere ist Schnee von gestern.

Vor acht Jahren habe ihr Leben noch ganz anders ausgesehen. Sie war Singlefrau, erfolgreiche Managerin, verdiente sehr viel Geld, das sie sorgfältig zur Seite legte, und reiste für Meetings um die ganze Welt. «Ich hatte damals in Amerika Thru-Hiker (Durchwanderer) getroffen, die Tausende von Kilometern unterwegs waren. Von da an wusste ich, dass ich das auch machen will.» Bald darauf wurde ihr gekündigt und sie war drei Jahre arbeitslos.

Nach mühsamer Arbeitssuche und langem Hin und Her wagte sie den Absprung ins Wanderleben. Sie gab ihr ganzes Leben in der Zivilisation auf und flog an die mexikanische Grenze, an den südlichen Startpunkt des rund 4300 Kilometer langen Pacific Crest Trail entlang der US-Westküste. Dann wanderte sie den Continental Divide Trail (rund 5000 Kilometer) und den Appalachian Trail (3340 Kilometer).

«Ich war in Sport eine Niete»

«Seitdem bin ich infiziert. Und wenn man mal infiziert ist, dann kann man nicht mehr zurück», sagt Frau Thürmer beschwingt. Dabei war die 1,85 Meter grosse, kräftige Dunkelhaarige noch nicht einmal sportlich, als sie mit dem Wandern begann. «Ich war in Sport eine Niete. Als Kind wurde ich im Schulsport immer als Letzte in die Gruppen gewählt.»

Was macht das Wandern denn aus? Bemerkenswert seien drei Dinge, sagt die Thru-Hikerin. Erstens senke sich die Glücksschwelle und man erlange Zufriedenheit. In der zweiten Phase mache man sich frei von sozialen Abhängigkeiten und in der dritten Phase lerne man, die einzige Rückzugsmöglichkeit nur noch in sich selber zu finden.

«Schliesslich lebt man nur noch im Zelt und so ein Stück Stoff ist die einzige Trennung zwischen der Wildnis und mir.» Geschlafen wird in einem Kunstfaserschlafsack, der auf einer Isomatte liegt. Frau Thürmer fährt nur selten nach Berlin zurück. Jetzt zum Beispiel für die Lesetour ihres neuen Buches mit dem Titel «Laufen. Essen. Schlafen», indem sie ihre leicht verrückte Geschichte schildert.

Dann sucht sie sich ein günstiges WG-Zimmer und ist jedes Mal begeistert von den Annehmlichkeiten eines Sechs-Quadratmeter-Zimmers oder eines Einzelbettes. «Ich schwärme dann: Oh, ein Bett, oh, ein Tisch! Und die Leute halten mich für total bescheuert.» So ein Hikerleben erschwert es, in die Zivilisation zurückzukehren. «Man wird inkompatibel, kann sich nicht mehr so gut anpassen», erzählt Christine Thürmer. Allerdings habe das auch viel Gutes.

Männer geben schneller auf

«Wenn man merkt, mit wie wenig man auskommen kann, fällt die Motivation Geld und Status weg. Thru-Hiker interessieren sich nicht für Karriere. Sie halten sich im Winter mit Skilehrerjobs über Wasser, oder sie arbeiten als Kellner. Thürmer trifft viele Thru-Hiker auf der Strecke. «Die Trails sind sehr belebt. Ich bin auch ein sehr sozialer Mensch. Aber ich bin mittlerweile auch sehr gerne allein.»

Frauen sind besonders selten auf dem Trail. Nur jeder vierte Wanderer ist eine Frau. Die hätten allerdings einen grossen Durchhaltewillen. Thürmer hat da ihre eigene Theorie: «Wenn es um kurze Strecken geht, können Frauen mit gleich alten Männern nicht mithalten. Je länger die Strecke jedoch, desto wichtiger wird das mentale Durchhaltevermögen. Männer gäben, so Thürmer, deutlich schneller auf. Diese bräuchten immer einen Wettbewerbsanreiz. Zum Beispiel einen Berg, den es zu bezwingen gilt.

«Ich wanderte einmal mit einem Kollegen, der immer vorausrannte. Als wir dann durch die Wüste wanderten, fiel er stark ab. Öde Landschaft konnte ihn nicht motivieren. Ich war viel schneller und lief wie ein Autopilot.» Die Berufswanderin lebt nun von ihrem Ersparten. Ihr wildes Leben ist sehr genau kalkuliert. «Bis 90 kann ich so weitermachen, dann muss ich sterben», sagt sie wieder ganz unverblümt.

Sie braucht 1000 Euro pro Monat, inklusive Flüge, Ausrüstung, Lagerkosten, Krankenkasse und Nahrung. Die Ernährung ist nicht besonders abwechslungsreich. Thürmer isst immer dasselbe. Zum Frühstück Trockenmüsli mit Wasser, mittags und abends eine Beutelsuppe von Knorr und zwischendurch rund 400 Gramm Schokolade. Freunde hätten lakonisch zu ihr gesagt: «Du machst das ja nur, damit du so viel Schokolade essen kannst.»

So sei es nun doch nicht, wehrt sie ab. Wandern sei einfach ihr Leben. Obwohl man im Dreck lebe, und alles von einer Staubschicht und von Schweiss überzogen sei, will sie es nicht aufgeben. «Es ist das Körpergefühl, das Selbstvertrauen, die Tränen, wenn man sich durchgebissen hat. Alles absolute Suchtfaktoren.»