«Alles, was wir woll’n auf Erden, wir woll’n alle glücklich werden», trällerte der deutsche Schlager, nicht ohne hinzuzufügen: «Glücklich wie noch nie!» Wahrscheinlich war die Zeile irgendwie dem Reim geschuldet, aber das berühmte Körnchen Wahrheit kann ihr schwerlich abgesprochen werden. Wir sind – oder sollten sein – in Sachen Glück ziemlich oben an der Fahnenstange. Wenigstens was das primitive Wohlfühlen betrifft. Symptome von Wohlstandsverwahrlosung – oder wie man das auch nennen mag – sind unübersehbar.

Und nun bringt die Mind-Abteilung des «Scientific American» das Frühlings-Sonderheft unter dem Titel «Be a Better You» heraus. Eine geballte Ladung Ratgeberliteratur, so ist zu befürchten. Oder fast 120 Seiten schlechtes Gewissen. Denn wir sind alle Sünder, haben uns versündigt gegen Mutter Natur, leben zu ungesund und lassen Potenziale verkümmern. Selbst-Optimierung ist dringend gefordert.

Hier startet jetzt ein Selbstversuch.

Auf drei Gebieten sollen wir arbeiten, empfiehlt die SA-Redaktion: «Smart, happy, relaxed». Nun, das klingt ja gar nicht so übel, scheint machbar. Bei den Kapitelüberschriften bin ich mir dann allerdings nicht mehr so ganz sicher: «How to succeed at work» – da ist wohl nichts mehr zu retten; «The Pursuit of Happiness» – klingt vertraut, ich dachte aber, das sei privat: und «Healthy Body, Healthy Mind» – stammt das nicht von einem alten Griechen oder Lateiner?

Solid, relevant, informativ

Steigt man ins Heft ein, schmelzen die Vorurteile. Der «Scientific American» ist ja bekannt dafür, dass hier Wissenschafter von Ruf und Renommee für ein Publikum schreiben, das nicht in ihren Hörsälen hockt. Am deutlichsten wird das beim Artikel «The Joyful Mind». Das kennen wir, dieses rätselumwitterte Glücks- und Belohnungszentrum im Gehirn. Legt man hier den Schalter um, stellt sich augenblicklich das Glück ein.

Stimmt aber nicht, sagen die Autoren. Der grosse Denkfehler bei den Rattenexperimenten, bei denen die armen Nager mit gezielten Stromstössen «glücklich» gemacht wurden, wird endlich offengelegt. Es gibt den Unterschied zwischen «Verlangen» und «Vorlieben». Man hat lieber Süsses als Bitteres. Das ist die Vorliebe. Aber dauernd nach Süssem zu verlangen, hat mit der Vorliebe nicht viel zu tun. Das ist das Verlangen. Die beiden Dinge beziehen sich auf verschiedene Gehirnareale.

Bei den Ratten wurde das Verlangen stimuliert, dann drückten sie wie verrückt auf die Taste. Dass sie relativ schnell damit aufhörten, wenn sie merkten, dass man den Strom abgestellt hatte, bemerkte seinerseits der Forscher nicht.

Das kann helfen beim Verständnis von Sucht, schreiben die Autoren. Sucht ist Verlangen – oder besser: getriggertes Verlangen. Man verlangt nach dem Stoff, weil das Verlangen wach ist; der Stoff kann es nicht stillen, wenigstens nicht auf Dauer.

Aristoteles hatte doch recht

Wir müssen aufs Glück zurückkommen. Glück ist eben nicht gestilltes Verlangen. Überhaupt nicht Schlaraffenland einfach. Die Autoren bleiben wissenschaftlich und verweisen auf den Belohnungszirkel. Der ist auch im Gehirn, ist aber lebensnotwendig. Oder vielleicht ist er das Leben selbst. Das stimmt zuversichtlich, wer mit Definitionen wie Stoffwechsel oder Geboren-werden-und-dann-sterben-Metaphern nicht schlüssig und endgültig zurechtkommt. Ohne Reiz, zu trinken oder zu essen, oder – Sie wissen schon – geht nichts. Das nennt man Apathie, und das gibt es. Diese Stimuli bringen den Motor in Fahrt, aber sie sind nicht das Ziel.

Wie sagte Aristoteles, ein anderer alter Grieche? Das Glück hat nämlich zwei Seiten oder zwei Teile: «Hedone» oder Lust und «Eudaimonia», was viel schwieriger zu übersetzen ist: Sinn, das Wissen um die Bedeutung von etwas, das Worumwillen in jeder Hinsicht. Die Wissenschaft hat uns den Hedone-Teil recht gut erklärt, aber für das «gute Leben» reicht das erfahrungsgemäss nicht.

Damit ist, wenn nicht alles, aber sicher sehr vieles gesagt. Optimierungsprogramme, die am Selbst ausprobiert werden, sind nicht alles. Aber wie alte Fussballtrainer sagten: Ohne Kondition ist alles andere nichts. Sie helfen immerhin dabei, nicht allzu viel falsch zu machen.

Wir sind Gehirntiere

Die Einsicht hilft auch zurechtzukommen damit, was man eine «Fixiertheit aufs Gehirn» nennen könnte. Das Heft entstand aus dem Ressort «Mind», das ist klar. Aber wenn das ganze Besser-Werden dem Gehirn angelastet wird, sagt das auch etwas über unsere Zeit aus. Das Gehirn ist kein Muskel, den man nur richtig beanspruchen und dehnen muss (danke, diese Einsicht steht immerhin im Heft). Und ebenfalls danke: Meditation kann behilflich sein, das Leben im Sinne von «Eudaimonia» zu meistern, nicht nur weil der Strom im Schädel weniger zuckt.

Auch die berühmten Experimente mit dem Zusammenhang von Ungesund-Essen und Depression werden ohne Zeigefinger erläutert. Und der Text über Gefühle und Vernunft ist schon fast didaktisch-pädagogisch sanft formuliert. Ein «vernünftiges Leben» führt man nicht, wenn man seine Emotionen unterdrückt. Aber wenn man sie (die Emotionen) nicht versteht, geht es auch nicht. Und weil fast alle Autoren nicht müde werden zu betonen, wie wichtig Pausen und Ferien sind, ist mir das Heft fast sympathisch geworden.