Transsilvanien, die Karpaten – allein diese Worte schicken einen wohligen Schauer über die Haut. Sie erinnern vor allem an einen: Vlad Tepes, besser bekannt als Graf Dracula. Von seinem Schloss in Rumänien aus soll der Vater aller Vampire sein Unwesen getrieben haben. Der irische Schriftsteller Bram Stoker beschrieb dessen düsteres Zuhause vor gut 100 Jahren so:

«Das Schloss steht in der Tat am Rande eines furchtbaren Abgrundes. Ein aus dem Fenster geworfener Stein fiele wohl über tausend Fuss tief, ohne irgendwo anzustossen. So weit das Auge reicht, ein Meer von grünen Baumwipfeln, das nur von Schluchten unterbrochen wird. Da und dort erglänzen wie Silberstreifen Flüsse, die sich in tief eingerissenen Betten durch die Wälder winden.»

Ob Schloss Bran heute noch so aussieht, wie es Bram Stoker gesehen hat, damals, bevor er 1897 seinen düsteren Roman herausbrachte? Die Antwort auf diese Frage ist so einfach wie ernüchternd: Nein. Bram Stoker und der historische Graf Vlad «Dracula» Tepes haben das Schloss Bran nie besucht. Stoker hatte sich lediglich an Geschichten anderer Reisender orientiert und den Rest dazugedichtet.

Wer nach Transsilvanien reist, um die Brutstätte des Bösen aus dem weltberühmten Roman zu sehen, wird enttäuscht. Schloss Bran ist hübsch. Doch um hübsche Schlösser oder andere pittoreske historische Sujets zu finden, muss man nicht dorthin fahren. Vor allem, weil einige Rumänen festgestellt haben, dass man mit pseudotraditionellen Souvenirs gutes Geld aus den Touristen herausleiern kann – speziell aus jenen, die Stokers Roman nie gelesen haben –, und von ihnen strömen täglich Hunderte an den Fuss des Schlossbergs.

Der deutsche Einfluss

Doch Rumänien hat weit mehr zu bieten als das, was Stoker seinerzeit zusammengedichtet hat. Das Land ist atemberaubend schön. Der Süden ist noch heute sehr arm, während der Lebensstil im Norden, wo besonders in der Provinz Siebenbürgen, wie Transsilvanien auf Deutsch heisst, noch viele ehemalige Sachsen und Schwaben leben, immer näher zu jenem in Westeuropa aufschliesst. Städtchen wie Brasov (Kronstadt), Sibiu (Hermannstadt) oder Sighisoara (Schässburg) beherbergen in den schönen mittelalterlichen Ortskernen moderne Geschäfte neben gemütlichen Cafés und Restaurants.

Die Altstadt von Brasov ist reich an hübschen Restaurants und buntem Leben. thinkstock

Die Altstadt von Brasov ist reich an hübschen Restaurants und buntem Leben. thinkstock

Viele Westeuropäer verbinden die Rumänen mit Kriminalität. Doch in Rumänien selber schüttelt man den Kopf über solche Vorurteile: «Wenn du dein Auto offen und mit steckendem Schlüssel stehen lässt, wird es dir überall geklaut, ob in Zürich oder hier», sagt ein Barkeeper in Medias (Mediasch). «Früher war es sicher gefährlicher hier, aber heute sind wir sehr fortschrittlich, da muss auch nachts niemand Angst haben allein auf der Strasse.»

Tatsächlich fühle ich mich sicher, als ich auf der Suche nach einem späten Snack zum Nachtkiosk spaziere und nicht nur von den zwei einzelnen Gestalten, die ebenfalls noch unterwegs sind, gegrüsst werde, sondern auch von der Kioskfrau, die keine andere Sprache als Rumänisch spricht, mit Händen, Füssen und einem herzlichen Lächeln bedient werde.

Ein 450-Millionen-Franken-Bau

Faszinierend an Rumänien sind seine Landschaften, die Kirchenburgen und Schlösser und vor allem die Menschen. Insbesondere in ländlichen Gegenden leben viele von ihnen bis heute in grosser Armut. Dennoch konzentriert sich die rumänisch-orthodoxe Kirche momentan auf den Bau der grössten Kirche des Landes – mitten in der Hauptstadt Bukarest. Für umgerechnet 450 Millionen Franken. Und als hätte auch die Stadt keine anderen Sorgen, unterstützt sie den Bau mit über 10 Millionen Franken.

In Biertan (Birthälm) lohnt sich ein Besuch der Kirchenburg – und ein Spaziergang auf die nahen Hügel mit ihrer Aussicht. Andrea Weibel

In Biertan (Birthälm) lohnt sich ein Besuch der Kirchenburg – und ein Spaziergang auf die nahen Hügel mit ihrer Aussicht. Andrea Weibel

«Nein, soziales Engagement gehört nicht zu den Pflichten der rumänisch-orthodoxen Kirche», bestätigt die junge Reiseleiterin Aleksandra, bevor sie auf den anderen monströsen Bau der Stadt eingeht: den Parlamentspalast. Der 275 Meter lange, 235 Meter breite Bau ist eines der grössten Gebäude der Welt und beinhaltet 5100 Räume, 200 Toiletten, 480 Kronleuchter und 2000 Kilometer elektrische Leitungen. Eine Anekdote: Da im Jahr 2008 die Stromrechnung fast 2 Millionen Franken betragen haben soll, werden die Glühlampen derzeit nach und nach durch Energiesparlampen ersetzt.

Generell erkennt man in Rumänien auch neben dem monströsen Regierungspalast noch viele Überbleibsel der Diktatur. Immer wieder gehen die Rumänen beispielsweise auf die Strasse, weil sie mit ihrer Regierung nicht zufrieden sind. Die Demokratie konnte hier nicht gesund wachsen, denn bis 1989 regierte Nicolae Ceausescu das Land als sozialistischer Diktator.

Kehrt man der Hauptstadt, der Regierung, der Kirche und auch dem touristischen Schloss Bran den Rücken und spricht mit den Leuten in den Dörfern, entdeckt man aber ein völlig anderes, natürliches und liebenswertes Rumänien. Einer der empfehlenswertesten Abstecher führt nach Harman (Honigberg). Hier steht eine der besterhaltenen und schönsten Kirchenburgen Siebenbürgens. Der für die Kirchenburg verantwortliche Historiker Dan Ioan Ilica-Popescu schafft es, mit seinem trockenen Humor in kürzester Zeit ein spannendes Bild der Vergangenheit des Ortes heraufzubeschwören. Denn was viele nicht wissen: «Die rumänischen Kirchenburgen waren die Lebensversicherung Wiens.» Räuberbanden oder auch grössere Armeen, die meist von Osten, manchmal aber auch aus Ungarn durch Siebenbürgen marschierten, legten alle paar Jahre die Dörfer in Schutt und Asche.

Die Obrigkeit stellte den Bauern das Holz gratis zur Verfügung, um ihre Dörfer wieder aufzubauen. Doch als die Überfälle im 13. Jahrhundert zu häufig wurden, lieferte die Obrigkeit Steine statt Holz und liess die Bauern feste Palisaden um ihre Kirchen bauen, die so nicht mehr eingenommen werden konnten. Dort konnten fortan auch Vieh und Ernte vor den Plünderern bewahrt werden.

Ungarisches Heer gestoppt

Die Honigberger schafften es gar, durch ihre kluge Architektur gegen ein ungarisches Heer von 7000 Mann zu bestehen, und wurden nie eingenommen. «Wenn ein Heer von Kirchenburg zu Kirchenburg marschiert, ohne Nahrungsmittel erbeuten zu können, muss es irgendwann umkehren», fasst Dan zusammen und fügt mit einem spitzbübischen Grinsen hinzu: «So kamen auch die Türkenheere nicht mehr bis Wien durch, wo sie eigentlich hinwollten. Liebe Wiener, das haben wir gern gemacht.»

Kirchenburgen, Burgen und Kirchen – in Siebenbürgen scheint es, als hätte ein Riese sie statt Körnern für seine Hühner ausgestreut. Doch manchmal lohnt es sich, nicht im Gänsemarsch hinter dem Reiseleiter herzutrotten, sondern seinen eigenen Weg durch die Dörfer zu suchen. Die Hügel und Felder laden zum Spaziergang ein. Und wer den Weg nicht kennt, fragt am besten jemanden auf der Strasse. Denn ja, die Dörfler schauen einen erst mit misstrauischem Blick an, aber sobald man sie fragt, ob sie vielleicht Deutsch oder Englisch sprechen, wird ihr Blick freundlich und ihr Gesichtsausdruck offener.

Etwa in Biertan (Birthälm), wo eine Hügellandschaft mit leuchtend goldenen Feldern und Bäumen in herrlichem Herbstrot lockt. Auf den kritischen Blick einer jungen Frau folgt das wohl schönste und gleichzeitig schüchternste Lächeln der ganzen Reise. Und als ich ihrer Anweisung gemäss durch ein verrostetes Gartentor schlüpfe und einen Hügel erklimme, spüre ich, dass ich in diesem Moment wirklich in Rumänien angekommen bin: Das herzliche Lächeln noch im Kopf, spüre ich den Morgentau auf den Blättern, als auf einmal die Sonne hinter mir zwischen den Wolken hindurchbricht und den Kirchenburghügel in strahlend goldenes Licht taucht. Ein Schauspiel, das sich nur abseits der Touristenmassen so richtig geniessen lässt.

Die Reise wurde durch den Veranstalter ITS Coop Travel ermöglicht.