Kürzlich hat sich ein lang gehegter Wunsch meines siebenjährigen Sohnes erfüllt. Als wir nach Schulschluss wie immer seine jüngere Schwester in der Krippe abholten, durfte er im Auto bleiben – ganz allein, während ich über den Parkplatz in die Tagesstätte hastete. Alles ging gut, und als ich in Begleitung meiner Tochter zurückkam, las er in seinem Kindersitz zufrieden ein Buch. Mir aber war unbehaglich zumute, auch weil ich die Horror-Geschichten im Kopf hatte, die andere amerikanische Eltern in ähnlichen Situationen erlebt haben. Die Schriftstellerin Kim Brooks veröffentlichte kürzlich ein ganzes Buch über eine Episode, die sich vor einigen Jahren in einem Vorort von Richmond (Virginia) abgespielt hatte und sie vor Gericht brachte: Brooks hatte ihren quengelnden Sohn, der damals vier Jahre alt war, einige Minuten lang auf dem Parkplatz eines Shoppingzentrums im Auto zurückgelassen. Dabei war sie von einem aufmerksamen Zeitgenossen gefilmt und daraufhin wegen Gefährdung des Kindeswohls bei der Polizei angezeigt worden – obwohl es im Staat Virginia kein Gesetz gibt, das ein Mindestalter für Kinder festschreibt, die sich allein in einem Auto aufhalten. Es folgte ein «juristischer Albtraum», wie Brooks im Buch «Small Animals» beschreibt.

Anruf bei Lenore Skenazy in New York, der Frau, die immer mal wieder als «Amerikas schlimmste Mutter» beschimpft wird –, weil sie sich hartnäckig dafür einsetzt, Kindern mehr Freiraum zu gewähren. Frage: Frau Skenazy, Sie wurden berühmt, nachdem sie 2008 ihren damals neun Jahre alten Sohn die New Yorker U-Bahn benutzen liessen, ohne ihn auf Schritt und Tritt zu überwachen. Machen Sie sich als Vorkämpferin des sogenannten Free-range parenting denn nie Sorgen um das Wohlergehen Ihrer Kinder? Die Antwort: Selbstverständlich male sie sich ständig aus, was ihren Kindern geschehen könnte, und zwar auch heute noch, obwohl ihre zwei Söhne mittlerweile erwachsen sind. Dies sei aber natürlich. «Wer sagt denn, dass es falsch ist, wenn sich Eltern um ihre Kinder Sorgen machen?»

Gute Frage. Und natürlich wartet die ehemalige Journalistin Skenazy auch gleich mit einer Antwort auf. Sie sagt: Falsch sei es, aufgrund der Gefahren, die sehr wohl vorhanden seien, darauf zu verzichten, den Nachwuchs zu selbstständigen Erdenbürgern zu erziehen. «Kinder sind keine Pakete, deren Aufenthaltsort stets elektronisch verfolgt werden muss. Sie sind unabhängige Menschen», sagt sie dezidiert.

In den 80ern kam der Bruch

Skenazy pflegt in diesem Zusammenhang eine Anekdote über ihren Mitstreiter Jonathan Haidt zu erzählen. Der Psychologe, der zuletzt den Bestseller «The Coddling of the American Mind» (das Verzärteln des Amerikanischen Geistes) verfasste, teile sein Publikum an öffentlichen Veranstaltungen jeweils in zwei Gruppen ein. Die eine bestehe aus sämtlichen Zuhörern, die vor dem Jahr 1985 geboren wurden, die andere die jüngere Generation. Dann fordere Haidt die Frauen und Männer der ersten Gruppe auf, ihm mit– zuteilen, in welchem Alter sie sich erstmals allein auf den Schulweg machen oder draussen spielen durften. «7», «5», «8» oder «6», lauteten die Antworten, erzählt Skenazy. Dann stelle Haidt den jüngeren Zuhörern dieselbe Frage. Und diese antworteten mit «12», «13» oder gar «16».

Dies sei einerseits lustig, sagt Skenazy, und das Publikum reagiere auch meist mit einem herzhaften Lacher. Aber eigentlich sei diese Diskrepanz überhaupt nicht komisch. «Die letzte Eltern-Generation hat sich dazu entschlossen, ihre Kinder bis in die frühen Teenager-Jahre in Geiselhaft zu nehmen» und sie um die Erfahrungen zu prellen, die sie während fünf oder sechs Jahren hätten sammeln können.

Wie konnte es so weit kommen? Skenazy nennt eine Handvoll Gründe, warum Amerikas Eltern sich in den vergangenen 20 Jahren in menschliche Helikopter verwandelt haben. Und natürlich hat die quirlige Gesprächspartnerin für jedes Argument, das überfürsorgliche Erwachsene vorbringen, ein Gegenargument parat. Die Angst der Eltern, dass ihre Kinder das Opfer eines brutalen Kriminellen werden? Von den Massenmedien heraufbeschwört, weil aufsehenerregende Fälle hohe Reichweiten garantierten – so sorgte in den vergangenen Wochen die Entführung der 13 Jahre alten Jayme Closs in Wisconsin landesweit für Aufsehen, auch weil der Kidnapper die Eltern des Teenagers brutal ermordet hatte.

Skenazy verweist auf die Kriminalitätsstatistiken, die in der Tat beweisen, dass Amerikanerinnen und Amerikaner derzeit in einem Land leben, das so sicher ist wie zuletzt in den Sechzigerjahren.

Die Entwicklung neuer Überwachungstechnologien, die es ermöglichen, stets genau zu wissen, wo sich ein Kind aufhält? «Diese Gadgets bewirken das Gegenteil des Gewünschten», sagt Skenazy. Statt den Eltern die Ängste zu nehmen, setzten Geräte wie zum Beispiel ein GPS-Tracker für Kinder die Erwachsenen unter Druck, ihren Nachwuchs stets zu beäugen.

Widerstandsfähigkeit stärken

Vielleicht am wichtigsten ist aber der Punkt, den Skenazy am Schluss ihrer Aufzählung macht. Amerikas Eltern, sagt sie, seien dazu übergegangen, sich stets über die Verwundbarkeit ihrer Kinder Sorgen zu machen. Besser wäre es, Energie in den Aufbau der Widerstandsfähigkeit ihrer Sprösslinge zu stecken. «Die Vorstellung, dass die Eltern einschreiten müssen, wenn ein Klassenkamerad die Gefühle des Kindes verletzt, in dieser Vorstellung steckt eine grosse Portion Pessimismus.» Die Eltern seien letztlich der Meinung, das Kind schaffe es ohne ihre Hilfe nicht, den Alltag zu bewältigen.

Mit solchen Aussagen betätigt sich die New Yorkerin als Kultur-Kritikerin, die der modernen amerikanischen Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Weil Skenazy aber auch eine praktische Ader besitzt, steht sie über ihre gemeinnützige Organisation «Let Grow» – eine Informationsbörse für die Anhänger des Free-range parenting – in engem Kontakt mit rund 60 Primarschulen.

Eines der Projekte, auf das sie besonders stolz ist: Jeden Donnerstag fallen im Schulbezirk Patchogue-Medford auf Long Island (New York) die Hausaufgaben aus; stattdessen fordern die Lehrerinnen und Lehrer die Kinder auf, nach Hause zu gehen und selbstständig ein Vorhaben umzusetzen, ohne dabei die Hilfe von Erwachsenen in Anspruch zu nehmen. «Sie können Einkäufe tätigen oder mit dem Velo in die naheliegende Bibliothek fahren», erzählt Skenazy. Die Erfahrung zeige, dass die Kinder diese «kleinen Abenteuer» und den neu gewonnenen Freiraum überaus schätzten. Die Eltern wiederum seien «geradezu ekstatisch» darüber, wenn ihre Sprösslinge eine gewisse Unabhängigkeit an den Tag legten.

Zuspruch von Konservativen

Skenazy bezeichnet sich selbst übrigens als «radikal» und will sich politisch nicht verorten lassen. Auffallend ist dennoch, dass ihre Bestrebungen, den Kindern wieder mehr Freiraum zu gewähren, gerade in konservativen Landstrichen auf Gehör stossen. So verabschiedete das Parlament von Utah im vorigen Jahr – als erster Bundesstaat überhaupt – ein Gesetz, das es Eltern ausdrücklich gestattet, ihren Kindern Freiräume zu gewähren. Demnach wurden die entsprechenden Bestimmungen zum Kindesschutz unter anderem um eine Passage ergänzt, die Eltern die Erlaubnis gibt, ihr Kind allein spielen oder zur Schule laufen zu lassen. Ähnliche Bestrebungen sind derzeit in Texas, South Carolina und in New York im Gange, auch dank der Unterstützung von konservativen Denkfabriken.

Solche Gesetze sind notwendig, da besorgte Bürger immer wieder die Polizei einschalten, wenn sie Kinder sehen, die allein unterwegs oder zu Hause sind, selbst wenn sich diese Kinder ganz offensichtlich nicht in einer Notlage befinden. So verbrachte die alleinerziehende Mutter Taylor Cumings kurz vor Weihnachten zwei Tage im Gefängnis des Verwaltungsbezirkes Delaware County (Indiana), nachdem sie ihre Knaben (7 und 4 Jahre alt) allein zu Hause gelassen hatte, da sie zur Arbeit gehen musste.

Sie habe sich regelmässig telefonisch bei ihren Kindern über ihr Wohlergehen erkundigt, sagte Cumings später. Und bevor sie zur Arbeit gegangen sei, habe sie sich versichert, dass sie nicht gegen ein Gesetz verstosse. Die beiden Knaben überlebten die Episode unbeschadet. Während ihre Mutter weg war, verbrachten sie Zeit vor dem Fernsehgerät. Auf dem Programm stand dabei auch ein moderner Weihnachts-Klassiker: Die Komödie «Kevin – Allein zu Haus» – ein Film, den ich meinem Sohn zum jetzigen Zeitpunkt noch vorenthalte.