Sie muss einiges mitmachen, wird in regelmässigen Abständen zweckentfremdet und ihr Image ist nicht gerade das beste. Die Trainerhose bekommt wieder einmal ihr Fett weg. Eigentlich für sportliche Übungen entworfen, ist sie heute eher die Antithese: zu Hause, Faulenzen, Sofa. Und wenn es nach dem Basler Leonhard-Gymnasium geht, soll das lockere Outfit auch in den eigenen vier Wänden bleiben. Die Schulleitung will die Trainingshose aus dem Klassenzimmer verbannen (die «Schweiz am Wochenende» berichtete). Aber Trainerhose ist nicht gleich Trainerhose. Nicht mehr.

«Ist-mir-doch-Wurscht-Attitüde»

Für die Antipathie gibt es folgende Gründe: Zu leger, zu viel «Ist-mir-doch-Wurscht-Attitüde». Der zugespitzte Tenor lautet: Alles Pöbler mit Migrationshintergrund. Mattglänzende Jogginghose mit drei weissen Streifen, formloses Etwas aus Baumwolle – das tragen ja nur junge Männer aus Ex-Jugoslawien.

Na ja, war vielleicht mal so. Doch längst tanzen Schweizer zu Balkan-Pop und Jugendliche ohne Migrationshintergrund sprechen absichtlich so, als ob sie einen hätten. Junge Männer aus dem Balkan haben das Trainingsanzug-Patent freigegeben. Respektive die Modeindustrie hat es ihnen entzogen. Trainer schmücken heute Promi-Körper. In Kombination mit Highheels und Blazer oder als sogenannter «Athleisure»-Trend, der seit einiger Zeit die Strasse dominiert. Athleisure – ein Mischwort aus Athletik und Freizeit (leisure). «Der Style beim Sport ist wichtiger geworden, die Kleidung teuer», sagt Modeexpertin Ana Maria Haldimann. Ein Outfit fürs Yoga, für die Strasse, fürs Café.

Doch bei den Schülern handelt es sich nicht um Models oder It-Girls. «Trainerhose ist nicht gleich Trainerhose. Die modischen sind aufwendig gemacht und mit Details versehen. Nicht bloss Baumwolle mit einem Bund», sagt Haldimann. Die Stilberaterin ist der Meinung, dass man diese Hosen in der Öffentlichkeit nur tragen kann, wenn man sie mit anderen Accessoires aufwertet.

Ist es bei den Schülern auch ein modisches Statement oder schlicht Faulheit? Keine Frage, auch Sie werden von der Modewelt und den Instagram-Bildern, die den Trainer als akzeptiertes Modeteil bewerben, beeinflusst. Die Schule ist aber kein Catwalk, soll sie ja auch nicht sein.

Eine Hose für alles

Das Problem: Lehrer – und es soll nicht unterstellt werden, diese Berufsgruppe hätte speziell keine Ahnung von Mode – sehen den Unterschied nicht. Weil die Grenze zwischen Hose und Trainer fast verschwindet. Genau so wie unsere Work-Life-Balance aus dem Gleichgewicht geraten ist, vermischt sich auch unsere Kleidung. Wenn unsere Arbeit immer öfter zu uns nach Hause kommt, dann kommt unser daheim sehr wahrscheinlich auch ins Büro.

Wir sind aber in der Schule, nicht im Büro. Es gibt zahlreiche Gründe, die gegen Trainer an der Schule sprechen. Da wäre etwa die Hygiene. Dieselbe Hose für den Bussitz, den Schulstuhl, die Parkbank und fürs Sofa? Beim ewigen Kreislauf von Bus-Schule-Sport-Couch-Schule ist schwer vorstellbar, dass die Trainerhose mit einem akzeptablen Waschrhythmus behandelt wird.

Ein weiterer Grund liegt in der Schule als Institution, als Zone des Respekts mit Regeln. Es herrschen andere Regeln als in der Freizeit und daheim. Es schadet dem Schüler nicht, ausserhalb seiner Komfortzone einen gewissen Kleiderkodex einzuhalten. Im Beruf wird er mit Sicherheit weit eingeschränkter sein als noch zu Schulzeiten.

Der Trainer als Statement

Gleichzeitig aber kann es uns egal beziehungsweise gar recht sein, wenn Jugendliche den Trainer für sich als Statement entdeckt haben. Als junger Mensch will man sich von den Erwachsenen abheben. Denn die tragen keine Trainerhosen, also schlüpfen die Jungen rein und senden ein gewisses Signal. Der Trainer als Phase in der Pubertät, als Teil einer Jugendkultur. Früher schockte man mit langen Haaren. Heute ist das bei Jungs nicht mehr nur geduldet, sondern fast Standard. Und der Redaktionskollege wirft ein, dass er vor x Jahren nach Hause geschickt wurde, weil er keine Socken in den Schuhen trug. Jugendliche, die nicht ins Schulkonzept passen, gibt es immer. Jede Generation hat ihre «modischen Aussetzer». In zehn Jahren tragen vielleicht gar die Lehrer leger.

Alle Mal muss der urteilende Erwachsene die Trainerhose heute mit dem Stichwort Mode verknüpfen und vielleicht auch einmal die Jungen fragen, weshalb das Lässige so lässig ist. Schliesslich sind es die Erwachsenen, die richten und die Motivation dahinter gar nicht sehen. Ein Verbot kann nicht das Richtige sein. Vor allem – das müssten die Erwachsenen am besten wissen – reizt es die Jungen umso mehr.

Eveline von Arx, Erziehungswissenschafterin und Psychologin, schickt zwar ihre zwei Söhne manchmal mit der Trainingshose in die Krippe und den Kindergarten, weil das praktisch sei bei den Kleinen, aber in der Oberstufe sei das etwas anderes. Aber auch von Arx findet ein Verbot nicht den richtigen Weg. «Man sollte es gemeinsam mit den Schülern thematisieren», sagt sie. Sie fragen, wie sie das sehen, und ihnen vermitteln, wie es auf andere wirkt. Der Lehrer stehe ja auch nicht mit so einer Hose vor ihnen. Das habe mit gegenseitigem Respekt zu tun. «Es muss einen Unterschied geben zwischen dem Outfit für den Sport und dem für die Mathe- oder Deutschstunde. Ziel muss es sein, den Schülern das zu vermitteln», sagt von Arx.

Vielleicht sehen sie dann ein, dass Trainer in der Schule gar nicht so flott sind, wie daheim auf dem Sofa oder auf dem Weg zum Fitness. Und Verbotitis, wo hört sie auf? Schlussendlich landet man immer bei der Schuluniform. Dann gehen Schüler nicht mit der Mode wie derzeit, sondern werden in die 30er-Jahre zurückkatapultiert. Es mutet ironisch an, dass ausgerechnet das Basler Leonhard-Gymnasium mit dem derzeitigen Trainer-Problem bereits 2007 einen modischen «Stoff» thematisierte. Man versuchte, Schul-Uniformen einzuführen, das setzte sich nicht durch. Egal ob Verbot oder Zwang – das funktioniert so nicht.