Das Forscherteam um Sozialpsychologin Thuy-vy Nguyen von der US-amerikanischen University of Rochester liess knapp 120 Probanden einen Fragebogen ausfüllen, in dem ihr emotionaler Zustand analysiert wurde. Dabei wurde beispielsweise gefragt, inwieweit sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer positiv erregt, stolz, inspiriert oder auch beschämt, gestresst oder ängstlich fühlten. Sie konnten dabei ihren jeweiligen Zustand in einer Skala von 1 bis 5 einordnen. Danach wurde die eine Hälfte der Testpersonen allein in einen ruhigen Raum gesetzt, wobei sie auch ihr Smartphone abgeben mussten.

Die andere Hälfte wurde mit einem Versuchsassistenten zusammengesetzt, der nicht nur dem gleichen Geschlecht wie die jeweilige Testperson angehörte, sondern sich auch ausgesprochen unterstützend, einfühlsam und interessiert zeigte. Die Assistenten fragten beispielsweise nach den schönsten Reisen der Probanden oder deren Lieblingsfach in der Schule.

Am Ende wurde erneut der emotionale Zustand abgefragt. Dabei zeigte sich: Positive Emotionen wie Stolz und Zufriedenheit wurden in beiden Gruppen gedämpft. Wer sich also gut fühlt, muss damit rechnen, dass dieser Zustand verschwindet – unabhängig davon, ob er ihn allein oder mit jemand anderem verbringt. Von den Personen hingegen, die schlecht drauf waren, ging es nur denjenigen deutlich besser, die 15 Minuten allein mit sich verbracht hatten. «Und das galt interessanterweise umso mehr, wenn ihre Gefühle stark ausgeprägt waren», betont Sozialpsychologin Nguyen. Das Gespräch mit jemand anderem änderte hingegen an den negativen Emotionen nichts.

Einsamkeit muss freiwillig sein

Wer also deftigen Ärger im Büro oder mit seinem Partner hat, sollte sich gut überlegen, ob er ihn mit jemandem teilt. Denn für die Kontrolle seiner negativen Emotionen ist es besser, wenn man sie allein mit sich ausmacht. Wobei es, wie die Forscher in einem weiteren Test an neuen Probanden ermittelten, nichts ausmacht, ob man dabei liest oder nicht. Dafür ist es von grosser Bedeutung, ob die Einsamkeit freiwillig gewählt ist. Denn in einem letzten Test liess Nguyen 170 Probanden die Wahl, ob sie lieber allein bleiben oder sich in einem lockeren Rahmen gesellig mit jemandem zusammensetzen wollten. Das Ergebnis: Wer aus eigenem Antrieb die Einsamkeit wählte, erreichte in den Stress-Rubriken des Fragebogens die geringste Punktzahl von allen Personen, die sich Nguyen und ihrem Team zur Verfügung gestellt hatten.

Wer also Stress verspürt, sollte sich frühzeitig aus eigenem Antrieb ausklinken und die Tür hinter sich schliessen. Vermutlich macht einem die Einsamkeit ruhiger und gelassener, weil weniger Reize das Gehirn davon ablenken, sich um die Dämpfung der Emotionen zu kümmern. Denn prinzipiell verfügt dieses über effektive Fähigkeiten zur Impulskontrolle – doch man muss ihnen auch die Chance geben, sich zu entfalten.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer wusste das schon ohne psychologische Studien. Sein Rat: «Ein Hauptstudium der Jugend sollte sein, die Einsamkeit ertragen zu lernen; weil sie eine Quelle des Glückes, der Gemütsruhe ist.»