Highlife am Himmel: In diesen Tagen verlassen besonders viele Zugvögel ihre Brutplätze in der Schweiz. Sowohl späte Langstrecken- als auch frühe Kurzstreckenzieher entfliegen momentan in die wärmeren Gefilde Südeuropas und Afrikas.

Ob Zug- oder Standvogel (bleibt im Winter hier): Wir Menschen sind stark abhängig von ihnen. Sie fressen beispielsweise schädliche Insekten und übernehmen eine wichtige Rolle in der Tierbestäubung von Pflanzen. Das bewältigen bei uns zwar die Insekten. Doch in den Tropen und Subtropen sind über 100 Pflanzenfamilien auf die Vögel angewiesen.

Den Vögeln Adieu sagen

Die internationalen Zugvogeltage «Eurobirdwatch» bieten dieses Wochenende die Möglichkeit, die ab- oder durchreisenden Vögel von unten zu verabschieden. An 64 Beobachtungsständen in der Deutsch- und Westschweiz helfen Vogelkundler und Feldstecher beim Spähen. «Gut zu beobachten sind die relativ grossen Ringeltauben», erklärt Matthias Kestenholz von der Vogelwarte Sempach. «Wer Glück hat, der sieht sogar einen der seltenen Fischadler, die von Skandinavien herkommend die Schweiz überfliegen.»

Nicht nur selten, sondern – laut Vogelwarte – «eine kleine Sensation» war der Besuch zweier Küstenseeschwalben Anfang Juni in der Schweiz. Es war das erste Pärchen dieser Art, das hier brütete. Normalerweise ziehen die Seeschwalben entlang der Küsten von ihrer Sommerresidenz in der Arktis in ihr Winterquartier in der Antarktis. Dabei nehmen sie jährlich bis zu 40 000 Kilometer unter die Flügel – so viel wie kein anderer Vogel.

Wenn die Nomaden der Lüfte die Alpen überqueren, das Mittelmeer kreuzen und sogar die Sahara hinter sich lassen, sammeln einige von ihnen Daten für die Vogelwarte Sempach. Diese stattet Zugvögel mit Geodatenloggern aus. Diese Fotozellen sind erst seit wenigen Jahren leicht genug, dass auch kleine Singvögel imstand sind, sie zu tragen. Die winzigen Chips wiegen nur ein halbes Gramm und sitzen auf dem Rücken der Tiere. Dort zeichnen sie jeden Tag die Sonnenauf- und Untergangszeiten auf.

Bei der Rückkehr im Frühling nehmen die Ornithologen den Vögeln das Rucksäckchen wieder ab und werten die Daten aus. «Dadurch erhalten wir geografische Angaben über den Aufenthaltsort der Tiere in nie da gewesener Detailliertheit», sagt Kestenholz.

Die Verteilung der Geodatenlogger ist für dieses Jahr abgeschlossen. «Jetzt beginnt die Phase, in der wir angespannt auf den Frühling warten, in der steten Hoffnung, dass dann möglichst viele Vögel zurückkehren», so der Ornithologe. Jeder dritte tauche im Frühjahr aber nicht mehr auf.

Todesfallen: Sturm und Gewitter

Das hat zum einen natürliche Gründe wie Sandstürme oder Gewitter, welche vielen Vögeln das Leben kosten. Zum anderen ist die Vogeljagd im Mittelmeerraum weit verbreitet, besonders auf Malta. Dort erliess die Regierung kürzlich ein Vogeljagdverbot, befristet bis zum 10. Oktober. Das führte zu Protesten der Jäger und Schlägereien mit der Polizei. Die Entwicklung verläuft indes positiv: Seit die EU strengere Vogelschutzgesetze erlassen hat, stagniert die Zahl der Abschüsse.

Die Vögel kommen dafür in den hiesigen Breitengraden immer mehr in Bedrängnis. Die grössten Gefahren heissen hier Lebensraumzerstörung und Nahrungsknappheit. Zugvögel rasten gerne in Feuchtgebieten wie dem Klingnauer Stausee oder dem Südostufer des Neuenburgersees. Von diesen verschwanden in den letzten 100 Jahren aber 90 Prozent. Auch die Menge der Insekten – Grundnahrungsmittel der meisten Zugvögel – hat laut Kestenholz enorm abgenommen. Verantwortlich dafür sei der grossflächige Einsatz von Pestiziden. Der Ornithologe gibt zu bedenken: «Der Gebrauch von Pestiziden müsste stark eingeschränkt werden, um den Vögeln wieder eine ausreichende Futterquelle zu garantieren.»

Effekt des Klimawandels unklar

Noch nicht gründlich erforscht ist, welche Auswirkungen der Klimawandel auf den Vogelzug hat. Der «Fahrplan» einzelner Arten hat sich aber durchaus verändert. Einige machen sich eine Woche bis zehn Tage früher vom Acker, weil sie im wärmeren Frühling schneller mit Brüten fertig geworden sind. Andere hingegen werden zu Standvögeln und ziehen gar nicht mehr weg, weil sie im wärmeren Winter auch hier Nahrung finden. «Viele Vögel werden sich wohl an das veränderte Klima anpassen», glaubt Kestenholz, fügt aber an: «Einige könnten schon Probleme bekommen, so wie der Trauerschnäpper.» Seit einigen Jahren schreitet die Vegetation im Frühling schneller voran. Daran kann sich der kleine Singvogel nicht anpassen und kehrt jetzt entsprechend zu spät zurück. So verpasst er das optimale Nahrungsangebot. Seit 30 Jahren geht seine Population zurück. Lokal droht ihm das Aussterben.

Wie merken Zugvögel überhaupt, wann die Zeit zur Abreise gekommen ist? «Anhand der abnehmenden Tageslänge», sagt Kestenholz. Um den Tausende Kilometer langen Flug durchzustehen, treffen Buchfink und Co. vorher körperliche Vorbereitungen. Sie fressen sich Fettreserven an, um den erhöhten Energieverbrauch während des Zuges auszugleichen. Einige Arten gehen darum speziell auf «Zuckerbomben» wie Beeren los. Darum empfiehlt Kestenholz: «Wer den Zugvögeln helfen will, soll Holunder- oder Vogelbeersträucher anpflanzen.»