Plastikmüll ist ein grosses Thema. Die EU will Einweggeschirr, Trinkröhrli und Wattestäbchen aus Kunststoff verbieten. Greenpeace appelliert an die Grossverteiler, ihre Verpackungen zu reduzieren – unterstützt vom Nationalrat, der sich Mitte Dezember entschieden hat, Massnahmen zu ergreifen. Und allerorts schiessen Läden aus dem Boden, in denen Kunden mit den mitgebrachten Vorratsdosen einkaufen. Doch was genau ist der Nutzen all dieser Bemühungen?

«In der öffentlichen Debatte wird die Relevanz des Themas Verpackungen eher überschätzt», sagt Matthias Stucki, Leiter der Forschungsgruppe Ökobilanzierung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Ein Kehrichtsack voller Frischhalteschalen, Joghurtbecher und Kunststofffolien steche halt mehr ins Auge als andere Umweltbelastungen.

So wie auch eine zugemüllte Wiese die Gemüter stärker erregt als unsichtbare Verschmutzungen wie Feinstaub oder Ozon. Doch Lebensmittelverpackungen machen in der gesamten Ökobilanz eines Produkts weniger als fünf Prozent aus. Auch der Transport fällt viel weniger stark ins Gewicht als allgemein angenommen – vorausgesetzt, er erfolgt nicht per Flugzeug. «Was einschenkt, ist vor allem die Herstellung», stellt der Umweltnaturwissenschafter klar.

Denn die Landwirtschaft sei sehr umweltbelastend – je nach Art des Erzeugnisses. Klimagase entstehen besonders durch den Treibstoffverbrauch, den Einsatz von Düngemitteln, die Beheizung von Treibhäusern und die Abholzung von Regenwäldern, die unter anderem für den Futtermittelanbau zur Fleischproduktion betrieben wird. Zudem kommen Pestizide zum Einsatz, die ins Wasser und die Böden gelangen. All diese Faktoren seien deutlich wichtiger für die Umweltbilanz als die Verpackung, sagt Stucki.

Wobei die Bewertung davon abhängt, welche Faktoren man einbezieht und wie man sie gewichtet. Die Ökobilanzmethodik, mit der die ZHAW-Forschungsgruppe arbeitet, berücksichtigt Umweltauswirkungen wie Energie- und Wasserverbrauch, Ausstoss von Klimagasen und Rückstände in Boden, Luft und Gewässern im gesamten Produktzyklus. Littering und Kunststoffverschmutzung der Meere dagegen bilden sich in den Beurteilungen nicht ab. Genau Letzteres war für den EU-Entscheid zum Verbot von Einweggeschirr aber ausschlaggebend.

Auch in Europa landen PET-Flaschen, Plastiksäcke, Zigarettenfilter und Damenbinden zuweilen in der Landschaft und in Gewässern, welche sie in die Meere tragen. Der Grossteil des Plastikmülls im Meer stamme jedoch aus Flüssen in Asien, sagt Matthias Stucki. In Europa würden Verpackungen meist fachgerecht entsorgt. Recycling-Systeme und moderne Kehrichtverwertungsanlagen wie in der Schweiz gibt es aber noch längst nicht überall. Auch in vielen europäischen Ländern wird Abfall immer noch deponiert. «In diesem Fall wären eventuell biologisch abbaubare Verpackungsmaterialien eine Alternative», sagt Stucki.

Keine Konkurrenz zu Nahrungsmitteln

So gut wie sein Ruf ist biologisch abbaubarer Plastik aber längst nicht immer. In Bioläden zum Beispiel stehen für das Gemüse häufig kompostierbare Plastiksäcklein bereit. Doch die Eigenschaften dieser Materialien können meist noch nicht mit jenen von PET, Polyethylen und anderen gängigen Kunststoffen mithalten. Häufig sind sie durchlässiger für Gase, was die Haltbarkeit von Lebensmitteln und Getränken vermindert.

Eine andere Kategorie sind Verpackungen aus erneuerbaren Rohstoffen. Sie werden mit Nähe zur Natur verbunden. Die Migros verkauft zum Beispiel Bio-Mostbröckli in einer Hülle, die teilweise aus nachwachsenden Rohstoffen besteht, und Coop die Bio-Äpfel in einer Schale, die vierzig Prozent Gras enthält. Konzerne wie Coca-Cola arbeiten an Getränkeflaschen, die mindestens zum Teil aus pflanzlichen Rohstoffen hergestellt werden – etwa aus Ethanol, das aus Zuckerrohr gewonnen wird.

Andere Produzenten setzen auf Kunststoffe aus Maisstärke oder Milchsäure. Viele dieser Materialien stehen aber in Konkurrenz mit der Nahrungsmittelproduktion und weisen insgesamt keine bessere Ökobilanz auf als herkömmliche fossile Kunststoffe. Mais zur Herstellung von Plastik anzubauen, sei zum Beispiel ökologisch nicht sinnvoll, sagt Stucki. Vernünftig seien höchstens Kunststoffe aus Abfällen und Nebenprodukten wie Holz oder Stroh.

Papier ist nicht besser

Papier und Karton sind ebenfalls nicht unbedingt umweltfreundlicher als Plastik. Sie werden zwar aus Holz gefertigt, einem nachwachsenden Rohstoff, doch der Produktionsprozess ist energieintensiv. Zudem braucht es mehr Material, um den gleichen Zweck zu erfüllen: Ein Papiersack ist viel schwerer als ein dünner Raschel-Plastiksack. Und sogar die gute alte Stofftasche wird ihrem ökologischen Image nur bedingt gerecht: Der Anbau und die Verarbeitung von Baumwolle benötigt viel Energie, Wasser und oft auch Pestizide. Erst wenn eine Baumwolltasche über 80 Mal gebraucht wird, ist sie ökologischer als ein Sack aus mehrheitlich rezykliertem Kunststoff.

Auf Unverständnis stossen bei den Konsumenten insbesondere die Folien an Bio-Früchten und -Gemüse, die sie von konventionell produzierter Ware unterscheiden soll. Migros und Coop reagieren auf die Kritik mit Programmen, um die Abfallberge zu verkleinern. Sie entwickeln leichtere Plastikschalen, setzen auf rezykliertes PET oder Zellulose-Netze, verzichten teilweise auf Doppelverpackungen und kennzeichnen Bio-Früchte vermehrt durch Aufkleber oder angehängte Schildchen. Doch mancherorts sei Plastik immer noch sinnvoll, halten sie fest. Eine Studie, die Coop zusammen mit der Fachhochschule Nordwestschweiz vor einem Jahr durchgeführt hat, kam zum Ergebnis, dass Wurzel- und Knollengemüse auch ohne Folie gut haltbar ist, während Beeren und Rosenkohl viel schneller verderben würden. Auch unverpackte Gurken werden nach einigen Tagen schrumpelig. Mit einer 1,5 Gramm schweren Folie dagegen bleiben sie gemäss Migros für rund zwei Wochen frisch.

«Wenn Verpackungen helfen, Foodwaste zu vermeiden, sind sie sinnvoll», ist Matthias Stucki ebenfalls der Meinung. Dennoch sieht er bei den Grossverteilern beträchtliches Potenzial: Der Verzicht auf Flugzeug-Transporte sowie eine bessere Vermarktung pflanzlicher Lebensmittel hätten einen weit grösseren Effekt.