Herr Tester, was bringt es, Waldrappe hierzulande wieder anzusiedeln?

Urs Tester: Aufwendige Wiederansiedlungen sollten nur geschehen, wenn die Tiere nicht aus eigener Kraft zurückkehren können – wie dies etwa der Wolf tat. Da aber wild lebende Waldrappe in Europa gänzlich ausgerottet wurden, sind sie für eine Rückkehr auf menschliche Unterstützung angewiesen. Wichtig ist aber, dass die Bevölkerung nicht denkt, dass mit den heutigen technischen Möglichkeiten ausgestorbene Arten einfach wieder zurückgebracht werden können. Denn das funktioniert nur, wenn die Tiere nicht weltweit ausgerottet wurden.

Wie gross ist die Chance, dass es beim Waldrapp klappt?

Das ist schwierig einzuschätzen. Generell gelingt nur ein Bruchteil aller Wiederansiedlungsprojekte in der Schweiz. Ein Grund dafür ist, dass die Arten in freier Wildbahn oft seit Jahrzehnten ausgestorben sind. Deshalb weiss die Forschung nur wenig über sie. Hinzu kommt, dass die Umstände, die zur Ausrottung der Tiere beigetragen haben, oft noch weiterbestehen: die Jagd, die zersiedelte Landschaft, der hohe Pestizideinsatz in der Landwirtschaft oder die intensiv genutzten Gewässer. Deshalb sollte der Schutz oder die Wiederherstellung geeigneter Lebensräume an erster Stelle stehen – bevor Zeit und Geld für Wiederansiedlungen aufgewendet werden.

Urs Tester ist Artenschutzexperte bei Pro Natura.

Urs Tester ist Artenschutzexperte bei Pro Natura.

Bei den Schutzgebieten ist die Schweiz aber europäisches Schlusslicht, wie ein kürzlich erschienener Umweltbericht zeigt.

Richtig. Das liegt auch daran, dass die Schweizer Bevölkerung das Problem der schwindenden Lebensräume zu wenig wahrnimmt. Gemäss einer Umfrage finden 80 Prozent der Schweizer, die Natur hierzulande sei intakt. Mitschuld an diesem Irrglauben ist ein von den Medien falsch suggeriertes Bild: Wenn Nik Hartmann durch die Schweiz wandert oder Coop mit Naturaplan wirbt, sehen die Zuschauer ein wunderschönes Land – dieses Bild setzt sich in den Köpfen fest. Und wenn die Bevölkerung keinen Missstand bemerkt, sind auch Politiker nicht gewillt, etwas zu ändern. Deshalb sind Kampagnen und Leuchtturmprojekte notwendig, um die Bevölkerung zu sensibilisieren.