Ab welchem Alter können Kinder Suizidgedanken entwickeln?

Dies hängt mit der kognitiven Entwicklung zusammen. Im Alter von acht bis zehn Jahren wird den Kindern bewusst, dass das Leben endlich ist, und im Gegenzug, dass dem Leben ein Ende gesetzt werden kann. Ab dem zwölften Lebensjahr steigen dann auch die Zahlen von Suizidversuchen markant an. Suizidalität bei Kindern unter zwölf Jahren ist sehr selten. Es kann jedoch vorkommen, dass sich Kinder in Not- lagen nicht anders zu helfen wissen.

Bei Schweizer Jugendlichen ist Suizid eine der häufigsten Todes- ursachen. Wo liegen die Gründe?

Jeder zehnte Jugendliche hat Suizidgedanken. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle. Einer ist die Zunahme von Depressionen im Jugendalter. Wie bei betroffenen Erwachsenen besteht auch bei depressiven Jugendlichen ein erhöhtes Suizidrisiko.

Kommen weitere Faktoren dazu?

Wir sprechen von sogenannten Stressoren, die in einem bestimmten Zusammenspiel das Risiko für einen Suizidversuch erhöhen. Zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen gesellen sich traumatische Erlebnisse, beispielsweise Mobbing in der Schule, eine bestimmte biologische Veranlagung oder psychisch belastete Elternteile. Insgesamt geht man von einem komplexen Zusammenspiel von biologischen und psychologischen Gegebenheiten sowie sozialen Einflüssen aus.

Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern?

Die Zahl junger Schweizer Männer mit vollendetem Suizid ist gegenüber jungen Frauen dreimal so hoch. Bei Mädchen und jungen Frauen sind jedoch Suizidversuche und -gedanken häufiger. Auch unterscheiden sie sich bei der Wahl der Mittel zur Selbstverletzung und zum vollendeten Suizid. Dies hängt unter anderem mit einem weiteren begünstigenden Faktor für suizidale Verhaltensweisen zusammen: der Verfügbarkeit tödlicher Mittel.

Sie sprechen die Verfügbarkeit von tödlichen Mitteln an, die mit als Grund für die hohe Schweizer Suizidrate im europäischen Länder- vergleich gilt. Was tun?

Die Rate in der Schweiz ist in der Tat sehr hoch und vergleichbar mit den nordischen Ländern. Es gilt deshalb, durch verschiedene Massnahmen die Verfügbarkeit von tödlichen Mitteln einzuschränken. So wurden schon erfolgreich Brücken gesichert, die Zahl von Schusswaffen vermindert oder die Abgabe von gewissen Medikamenten begrenzt. Aus soziologischer Perspek- tive wird als weiterer Grund die sehr individualisierte Gesellschaft genannt. Unterstützende Familienstrukturen sind hier in der Schweiz weniger ausgeprägt als anderswo.

Wie kann die Suizidrate weiter gesenkt werden?

Es gilt, verschiedene Wege zu beschreiten. Schlüsselpersonen wie Lehrer, Ausbildner und Eltern müssten sensibilisiert und aufgeklärt werden. Entsprechend baut das Suizid-Netz Aargau ein Programm zur Jugendsuizidprävention auf. Denn nach wie vor braucht es mehr Wissen zu diesem leider oft tabuisierten Thema. Noch kursieren zu viele Mythen. Beispielsweise die Ansicht: «Menschen, die von Suizid sprechen, tun es nicht.» Oder: «Mit jemandem über Suizid sprechen, verleitet erst recht dazu.» Hierzu wird das Suizid-Netz Aargau eine Kampagne lancieren. Denn nach wie vor braucht es mehr Wissen zu diesem Thema. Die Leute sollen hin- und nicht wegschauen. Suizidalität bei jungen Menschen ist ein wichtiges Thema und sollte bei allen präsent sein, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben.

Sie raten, das Gespräch mit Betroffenen zu suchen.

Richtig. Kindern und Jugendlichen in einer Krise kann ein vertrauensvolles Gespräch helfen. Am schlimmsten ist es, nichts zu unternehmen, auch wenn Anzeichen wie Traurigkeit, Reizbarkeit, Interessenlosigkeit oder anhaltende Müdigkeit klar ersichtlich sind. Menschen mit Suizidgedanken sind stark ambivalent und das Zünglein an der Waage ist vielmals entscheidend. Es hilft schon viel, die Kinder und Jugendlichen auf ihre Situation anzusprechen und bereits ein Angebot, beispielsweise den schulpsychologischen Dienst oder den Besuch einer psychiatrischen Institution, im Hinterkopf zu haben.

Wie wird ein Kind oder Jugendlicher mit suizidalen Absichten bei Fachärzten aufgenommen?

Erst einmal verschaffen wir uns einen Gesamtüberblick und schauen, wo die Gründe liegen: Fehlt körperlich etwas? Wie ist es in der Schule? Wie sind die Familienverhältnisse? Je nach Situation folgt eine Behandlung, meist ambulant, in den wenigsten Fällen stationär. Im Fokus steht der Umgang mit den eigenen Emotionen. So lernen Jugendliche zum Beispiel in der Psychotherapie, wie sie ihre innere Anspannung reduzieren können. Möglichkeiten sind Sport, auf eine Chilischote beissen, sich etwas Gutes tun.

Wie würden Sie sich eine öffentliche Diskussion über das Thema wünschen?

Studien belegen: Eine effekthascherische Berichterstattung oder Filminhalte, die den Suizid als Ausweg aus einer Krise proklamieren, können zum sogenannten Werther-Effekt führen, einer Nachahmung. Wichtig wäre vielmehr eine mediale und auch gesellschaftliche Diskussion, die Belastungen und psychische Erkrankungen offen thematisiert, diese anerkennt, aber auch einen Weg aus der Krise aufzeigt. Denn die öffentliche Darstellung einer bewältigten suizidalen Krise führt zu weniger vollendeten Suiziden. Forscher nennen dies den Papageno-Effekt, angelehnt an Mozarts «Zauberflöte», wo drei Knaben Papageno erfolgreich von seinen Suizidgedanken abbringen können.