Thomas Bugnyar von der Universität Wien ist der wohl bekannteste Rabenforscher in Europa. Er spricht sogar «Rabisch», weil er sich seit mehr als zwanzig Jahren mit den Kolkraben und ihren Rufen beschäftigt. So weiss er auf Besuch in der Schweiz viel Anekdotisches über den schwarzen Singvogel zu erzählen. Raben sind Wolfs- und Bärenbegleiter, weil sie Fleischfresser sind, aber nicht selber jagen. Sie versuchen den Wolf von seiner Beute wegzulocken. «Ein Rabe zupft ihn am Schwanz, ein anderer schnappt ihm derweil das Fleischstück weg», sagt Bugnyar. Manchmal mit tödlichen Folgen.

Diese Fleischeslust ist prägend für die Kolkraben, die «immer wieder mit den kleineren Krähen verwechselt werden», wie der Wiener Professor für kognitive Ethnologie erklärt. «Raben müssen kämpfen um ihr Fleisch. Und Schwächere müssen sich dafür etwas einfallen lassen. Entweder holen sie sich Freunde oder sie schauen, wo der stärkere Rabe das Fleisch versteckt», sagt Bugnyar.

Die krächzenden Singvögel führen ein komplexes Sozialleben und genau das interessiert den Verhaltensforscher. Noch bis weit in die 90er-Jahre wurde abschätzig von Spatzenhirnen gesprochen. Doch die Kolkraben haben ein sehr leistungsfähiges Gehirn. Es ist zwar nur so gross wie eine Nuss, aber entscheidend ist dessen speziell- er Aufbau und die hohe Dichte an Nervenzellen. Bugnyar vergleicht das mit modernen Computern, die immer kleiner und trotzdem leistungsfähiger geworden sind.

Spezielle Geschwister

Die Forscher bemerkten bald einmal, dass Kolkraben Beziehungen zu anderen Individuen pflegen können, vergleichbar mit Primaten. Raben leben monogam, sind ihrem Partner treu, und zwar ein Leben lang. «Das war bekannt, nicht gewusst hat man aber, dass sie auch mit Geschwistern und Freunden spezielle Beziehungen pflegen.» Im Wiener Forschungslabor leben etwa 30 Raben, deren Beziehungen zu den anderen bekannt sind. Bei der Studie zeigte sich, dass Raben unterscheiden können zwischen Gruppenmitgliedern und darin zwischen Freunden und Nichtfreunden. Und nach der Trennung sogar noch drei Jahre später. «Raben können sich also an die Wertigkeit von Beziehungen erinnern», sagt Bugnyar.

Nicht nur das, wie eine zweite Studie zeigte. Raben haben wie wir Menschen und die Primaten ein Verständnis für triadische Beziehungen. Das bedeutet, dass sie wissen, in welcher Beziehung zwei Individuen zueinanderstehen, denen sie begegnen. Raben wissen über andere Raben genau Bescheid, und das durch reine Beobachtung. Sie wissen wie Primaten, welches der anderen Tiere oben in der Rangordnung steht, und verhalten sich danach. Genutzt wird das bei Konflikten: Ein angegriffener Rabe sieht einen dritten Raben kommen und weiss, ob von diesem Hilfe zu erwarten ist oder nicht. Je nachdem versucht er mit seinem Ruf, den Aggressor zu beschwichtigen oder den Hinzugekommen um Hilfe zu bitten. «Kommt ein Verwandter, schreit das Opfer noch mehr.» Raben wissen sogar über den aktuellen Beziehungsstand anderer Bescheid – verheiratet oder nicht – und betrügen den Freund weniger als den Nichtfreund.

Nicht alle seiner Raben, die in Gefangenschaft bis zu 70 Jahre alt werden, eignen sich übrigens für die Tests – weil sie zu schüchtern sind. Diese würden auch im Freiland nicht alt. Dort erreichen sie in der Regel ein Alter von 30 Jahren, die Hälfte der jungen Raben überlebt aber das erste Jahr nicht. «Raben müssen am Anfang ihres Lebens viel lernen. Im ersten Jahr machen sie viele Fehler – und die sind oft tödlich», sagt der Rabenforscher.