Unwillkürlich ploppen sie im Kopf auf, diese Bilder, wenn das Wort «Schamane» fällt. Vom finster dreinblickenden Medizinmann, der im Dunst der Räucherstäbchen die Geister heraufbeschwört und mit ihnen in unverständlich-rituellem Gemurmel kommuniziert. Obskure Szenen, die sich im Kopf abspielen. Das hat historische Gründe. Die Menschheit liess lange kein gutes Haar an Schamanen. Im Spätmittelalter, als die Kirche zu Zeiten der Inquisition Andersdenkende ziemlich unchristlich verfolgen liess, wurden Schamanen reihenweise auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Im 18. Jahrhundert dann erklärten Akademiker, es gebe keinerlei wissenschaftlichen Beweis für die Existenz der Seele. Schamanen, die behaupten, mit Geistern kommunizieren zu können und deren Wissen für Heilarbeit zu nutzen, seien geistesgestört.

Elia Gilli macht einen ganz normalen Eindruck, wie sie so dasitzt in ihrer Praxis, auf dem mit hellbeigem Stoff bezogenen Designersessel. Ein klarer Blick durch die moderne Hornbrille, raspelkurze, grau melierte Haare – eine Frau, von der eine beruhigende Ruhe ausgeht. «Meine Kundschaft ist sehr heterogen. Da kommt alles zu mir. Vom Banker und Mechaniker über die Hausfrau bis hin zur Studentin und zum Wissenschafter. Ja, auch Wissenschafter, ganz recht», sagt die 58-Jährige, und ein verschmitztes Lächeln huscht über ihr Gesicht.

Gilli ist seit vielen Jahren schamanisch Praktizierende mit eigener Praxis in Allschwil bei Basel und hat sich auf Seelenheilung spezialisiert. Direkt als Schamanin bezeichnet sie sich nicht, da sie sagt, dies sei den Mitgliedern von Urvölkern vorbehalten. Gilli bietet ihren Kunden an, in der Welt der Geister Antworten auf persönliche Fragen zu finden. In den vergangenen Jahren wurden es deutlich mehr: «Viele sind des Lebensstils, der uns prägt, müde, ja überdrüssig. Sie haben ob des Tempos des technologischen Fortschritts, des steigenden Leistungsdrucks und fehlender echter sozialer Kontakte den Boden unter den Füssen verloren. Und wollen wieder zu ihrer inneren Kraft finden», erklärt Gilli die Tatsache, dass der Schamanismus boomt.

Mittlerin, keine Heilerin

Zu Gilli kommen meist Leute, die sich ausgebrannt fühlen. Manchmal aber auch einfach solche mit Kopf- oder Rückenschmerzen oder schlecht heilenden Wunden. «Sie besuchen mich oft dann, wenn weder Schulmedizin noch Psychotherapie sie weiterbringen.» Gilli versteht sich als Mittlerin zwischen den Welten. «Ich bin keine Heilerin. Ich überbringe lediglich die Informationen und die Kraft der Geister, die ich auf einer schamanischen Reise treffe.» Es liege am Klienten, die Erkenntnisse im Alltag umzusetzen. Sie stellt fest: «Heute sind die meisten Leute dem Schamanismus gegenüber viel offener. In der Öffentlichkeit allerdings zeigen sie das nicht. Weil immer noch die Angst überwiegt, belächelt zu werden.»

So ergeht es etwa einem Kadermitglied* einer Schweizer Privatbank, 40 Jahre alt. Er würde niemals öffentlich zugeben, dass er bei einem Schamanen Hilfe holt. «Nicht mal meiner Frau sage ich etwas, geschweige denn im Beruf. Die Welt, in der ich mich bewege, ist dafür nicht bereit.» Er ist aber dankbar, dass er diese Kraftquelle gefunden hat: «Ich litt jahrelang unter panischen Ängsten, dass ich dem Erfolgsdruck nicht standhalten könnte. Ich musste zu Beruhigungsmitteln greifen.» Dann erfuhr er über eine Bekannte von der Kraft von Steinen, trug fortan einen kleinen Rauchquarz in der Hosentasche seines Massanzugs. Der Stein soll die Nerven stärken, und bei ihm tat er dies auch. In der Folge begann er, sich dem Schamanismus zuzuwenden. «Es geht mir seither besser. Ich habe mein Leben im Griff und vertraue auf meine Fähigkeiten.»

Damit Leute wie der Banker bald öffentlich zum Schamanismus stehen können, hat Elia Gilli ein grosses Ziel: Sie will Berührungsängste abbauen, indem sie Menschen in ungezwungenem Rahmen in den Schamanismus einführt. «Ich gebe ihm ein normales Gesicht. Man muss keine besonderen Fähigkeiten besitzen, sondern nur den Kopf ausschalten können, um etwa die Kraft von Steinen zu nutzen.»

«Wahrnehmung verkümmert»

Als gelernte Goldschmiedin hat Gilli eine tiefe Beziehung zu Steinen. Besonders angetan haben es ihr die Bergkristalle oder vielmehr die Geister, mit denen die Steine beseelt sind. Gilli sagt, dass sie regelmässig mit ihnen kommuniziere. Am 30. August führt sie im Concept Store «Royal Blush» in Basel in die Welt der Kristalle ein, inklusive einer kleinen Meditation. «Dass Steine eine Seele haben, sprengt die Vorstellungskraft vieler. Es rührt daher, dass unsere Wahrnehmung verkümmert ist.» Das sei noch nicht lange der Fall: «Ich erinnere mich, dass meine Grossmutter das geerntete Gemüse gesegnet hat.» Solche Rituale zeigten die Verbindung unserer Kultur zu schamanischen Wurzeln.

Auf Vorwürfe der Scharlatanerie, mit denen der Schamanismus sich immer wieder konfrontiert sieht, reagiert Elia Gilli mit einem milden Lächeln. «Es ist niemand gezwungen, sich auf eine schamanische Reise zu begeben. Aber ich empfehle es jedem.» Oder um es in den Worten des massiven Rauchquarzes zu formulieren, der in Gillis Buch «Der Klang der Kristalle» zitiert wird: «Nur dumme Leute glauben an keine höhere Macht. Euer Leben auf dieser Welt ist so kurz, es ist unverständlich, warum ihr es für viele unnütze Sachen verschwendet.»

* Name der Redaktion bekannt