Da steh ich also, an diesem Furz-Flughafen in dieser Furz-Stadt. Und der Flieger nach Hause hat eineinhalb Stunden Verspätung. Warum sagt mir das denn niemand? Also die Swiss hat das gemacht. Aber die SMS hat mich nicht erreicht. Am Abend davor fiel mir mein Handy aus der Tasche. Futsch. Kaputt. Finito. Ohne Internet, ohne Smartphone bist du abgekapselt.  Eigentlich nicht existent.

Wie sehr wir ohne Handy aufgeschmissen sind – vor allem unterwegs – wurde mir schon bei der Boardkarten-Beschaffung bewusst. Locker mit Handy durchlaufen ist dieses Mal nicht. Am Computer einchecken, sich Ticket zusenden und die Freundin fährt ins Büro und druckt das Billette klassisch aus. Aber he, Papier ist safe. Es schaltet nicht plötzlich ab, weil es keinen Akku mehr hat und es geht auch nicht kaputt, wenn ich es auf den Boden fallen lasse. Oh, du Papier!

Aber der Wisch sagt mir auch nicht, dass der Flug Verspätung hat. Ganze eineinhalb Stunden. Ich kann niemandem Bescheid geben, und habe nichts zum Rumdrücken, Wischen, Zeit vertreiben. Ich lese ein bisschen, dann krame ich mein Notizbuch raus, mache eine Liste mit Dingen, die ich diese Woche erledigen will. Ich lasse meine Gedanken zu, endlich wieder mal Zeit dafür. Normalerweise würde ich mich durch Fotos klicken. Chatten, sinnlose Posts auf Facebook lesen. Mit dem Handy lenken wir uns bei jeder noch so kurzen Wartezeit ab, weil wir uns nicht mit uns selbst beschäftigen wollen. Dann schreibe ich meinem Lieblingsmenschen eine Karte. Hätte ich mir mit Handy die Zeit genommen? Der macht sich bestimmt Sorgen, wenn ich so lange nicht nach Hause komme.

Es geht auch ohne SBB App

Im Flieger machen alle brav das Handy aus. Kaum gelandet will ich noch im Flugzeug stehend schon den SBB Fahrplan checken. Aber geht ja nicht. Was bringt das eigentlich? Ich bin doch deswegen nicht schneller daheim. Die Anzeigetafel beim Gepäckband und sogar die bei den Zügen reichen doch.

Daheim. Tatsächlich, der Wartende dachte, es sei was passiert. Kann ich nichts dafür. Ich schnappe mir sein Handy und schreibe zwei wichtige SMS. Ich denke sie seien wichtig.

Am nächsten Tag fahr ich zur Arbeit. Ich lese und ich denke nach. Es stört mich keine Whatsapp-Nachricht, die mich zu elend langen Chatpartien verleitet. Und ich checke auch nicht schon im Bett meine Mails vom Büro. Warum auch? Es reicht, wenn ich am Platz bin. Als ich ankomme bin ich relaxed. Am Schreibtisch hab ich Internet und ein Festnetztelefon.

Abends wird es handylos etwas brenzlig. Ich warte auf eine Rückmeldung, muss aber auf den Zug. Wer soll mich wie erreichen? Ich delegiere und reisse meinem Gspänli fast das Handy aus der Hand als wir uns treffen, weil ich dringend checken muss ob alles mit dem Artikel geklappt hat. 

Wir haben um 20 Uhr vor der Badminton-Halle ausgemacht, bei der ich noch nie war. Ich hatte die Adresse im Kopf, genau wie den ungefähren Weg. Trotz ungutem Gefühl habe ich mich auf meine Orientierung verlassen und lief weiter. Hätte ich das Handy gehabt, hätte ich 10 Mal bei Google Maps nachgeschaut. Ich denke: Wir verlassen uns zu sehr auf das Smartphone. Wir finden ein Ziel auch so, an jeder Bushaltestelle hängen Pläne und fragen können wir doch auch.

Wir schreiben zu viel

Ich bin pünktlich und das ohne vor der Verabredung 100 Mal hin und her zu schreiben. Nervt Sie das auch? Heutzutage taucht niemand mehr zum verabredeten Zeitpunkt am Ort auf ohne vorher noch etliche komplett belanglose Nachrichten ausgetauscht zu haben.
Um morgens aufzustehen habe ich übrigens einen alten Funkwecker heraus gekramt. Er ist toll. Ich nehme mir fest vor mich nicht mehr vom Smartphone wecken zu lassen.

Im Büro (mit Internet und PC) zu Hause (mit Internet und Freund mit Handy) fühle ich mich safe. Aber glauben Sie mir, sobald ich unterwegs bin, bin ich nackt. Ehrlich. Füdleblutt irre ich durch die Gegend. Ich kann meinem Chef nicht sagen, dass ich mich etwas verspäte. Nicht nachfragen, was ich noch einkaufen soll. Nicht sagen, wann ich nach Hause komme. 

Aber am Pult arbeite ich konzentriert und fokussiert. Ich bin meinen Mitmenschen gegenüber sehr aufmerksam. Zwischendurch denke ich zwar daran, wer mir wohl alles schon geschrieben hat, mich versucht anzurufen und wer mich mittlerweile schon abgeschrieben hat, weil ich mich total asozial nicht zurückmelde. Ich ignorante Kuh.

Zettel im Briefkasten

Kurz vor Arbeitsschluss hat mich eine Mail meiner Schwester erreicht. Sie hat ein Handy für mich aufgetrieben. Sie schreibt: „Falls er sich noch meldet. Ist info im Briefkasten.“ Wie aufregend, ein handgeschriebener Zettel in meinem Briefkasten. Darauf lese ich später: „Handy ab 21 Uhr abholbereit bei Timo“.

Ziemlich nervös schiebe ich die Sim-Karte rein. Was ich verpasst habe? Combox-Nachrichten von unbekannten Nummern, ein SMS meiner Arbeitskollegin und eins von Swisscom, Kundenbewertung des letzten Besuchs – schliesslich war ich mit meinem kaputten Ding schon dort. Ich rede mir ein, dass Whatsapp-Nachrichten von ein paar Tagen nicht mehr ankommen. Alles andere würd mich traurig stimmen und mich in die „Ich-bin-so-unbeliebt-und-allen-egal“-Versenkung befördern.

Ich mache meinen ersten Anruf: „Du hast wieder ein Handy?!“ „Äh ja.“ Glauben meine Freunde, dass ich für immer ohne kann? „Muss ich ja fast“, antworte ich und lege genervt auf. Denn eigentlich hab ich gar nichts zu sagen. Ich hatte mir von meinem Telefon-Revival mehr erhofft. Schliesslich sind wir doch ständig am Handy. Das wissen wir und das sagen Studien. Wir haben uns daran gewöhnt. Habe ich mich in diesen vier Tagen etwa schon entwöhnt? 

Keine Lust auf Handy 

Ich lege das Smartphone weg, stelle meinen Funk-Wecker und sage mir: Ich will meine Zeit weniger am Handy vertrödeln. Ich kann sie besser nutzen. Dann schlafe ich, bis der Wecker klingelt. (Der Wecker gibt wenigstens ein paar einheitliche, in aller Welt bekannte Töne von sich, während beim Handy jeder einen anderen Klingelton als Wecker hat. So ist dann eben auch des einen Rufton des anderen Horror-Weckton.)

Am nächsten Tag sitze ich im Zug und schreibe eine Whatsapp-Nachricht, dann werfe ich das Handy (ja ich weiss, ist nur eine Leihgabe) zurück in die Tasche. Im Büro machen mich meine Gspänli darauf aufmerksam, dass mein Handy klingelt. Ich erwarte es gar nicht. Ich schau drauf, schalte es auf lautlos und lege es in meine Tasche. Keine Lust auf Handy.