Über den Weltuntergang macht man sich gern lustig. Dass es lächerlich ist, einen genauen Termin dafür anzugeben (wie: «nach em Chrieg am Feufi im Löie»), hilft uns aber nur dabei, uns vorzugaukeln, das Ereignis selbst sei die Unwahrscheinlichkeit selbst. Natürlich geht die Welt eher nicht an einem bestimmten Datum unter, aber dass sie irgendeinmal untergeht, ist ziemlich sicher. Wobei «Welt» ebenfalls nicht in katastrophischem Design gedacht werden sollte. Es wird nicht von einer Sekunde auf die andere passieren, aber es wird spürbar sein.

Wenn man als Autor ein Buch mit «1177» betitelt («B.C.» oder «v. Chr.» ist nur klein gedruckt dabei), spielt man natürlich auf diesen Weltuntergangswitz an. Wobei es nicht schadet, den Titel mit: «Der erste Untergang der Zivilisation» anzureichern.

Was geschah 1177 v. Chr.?

Die Antwort muss deshalb auch doppelt erfolgen: 1177 v. Chr., in seinem achten Regierungsjahr als Pharao, wehrte Ramses III. einen Angriff fremder Völker ab und besiegte sie zu Land und zu Wasser. Die Inschrift an seinem Totentempel in Medinet Habu nennt die Namen der Völker – sie sagen uns leider nicht viel –, in der Forschung nennt man sie «die Seevölker». Von den Inseln seien sie gekommen (Anklänge in den Namen deuten auf Sardinien und Sizilien hin), von einigen wird gesagt, «sie wohnten am Meer». Dann gibt es «die Peleset», die Philister der Bibel, sie sollen aus Kreta herkommen. Die Reliefs von Medinet Habu zeigen uns immerhin, wie sie aussahen und wie sie kamen. Auf Schiffen natürlich, aber auch auf Ochsenkarren, Streitwagen und zu Fuss. Eine ziemlich heterogene Veranstaltung. Viele Leute unterwegs. Wer «Völkerwanderung» denkt, ist ebenfalls gut unterwegs.

Ramses III. konnte sie noch einmal besiegen. Aber zuvor müssen diese Völker in Bewegung im Mittelmeerraum gewütet haben. Geplündert, gebrandschatzt und zerstört – wo sie hinlangten, wuchs lange kein Gras mehr.

Der Zusammenbruch kam langsam

Eigentlich gar keins mehr. Denn nach 1177 war im ganzen Mittelmeerraum nicht mehr viel los. Die Burgen und Städte wurden verlassen, der Handel brach zusammen, die Wirtschaft ebenso. Das Ende der Bronzezeit war gleichzeitig das Ende einer blühenden Kultur. Das Pharaonenreich überstand den Sturm noch am besten, ausser Ägypten verschwanden fast alle Länder und Mächte, die zuvor den Ton angegeben hatten, von der Bildfläche. Die Hethiter ebenso wie die mächtigen Könige des mykenischen Griechenlands. 300 Jahre fast erlosch das Licht der Zivilisation. Die Kultur verschwand an einigen Orten nicht ganz, die Kulte wurden – in ganz bescheidenem Massstab – teilweise weiter betrieben, aber die Schrift verschwand. Und deshalb wissen wir (fast) nichts mehr.

Das vielleicht beeindruckendste Dokument ist eine Tontafel. Auf ihr ist ein Brief des Königs von Ugarit an den König von Zypern eingeritzt. Dort heisst es, die Schiffe der Feinde seien aufgetaucht, seine Truppen und Streitwagen seien andernorts stationiert, seine Schiffe auch. Was solle er machen? Leider – so schreibt Eric H. Cline – stimme die Geschichte, die man früher den Studenten erzählt habe, nicht ganz, dass man nämlich die Tontafel in einem Brennofen gefunden habe. Die Vorstellung, kurz bevor die Seevölker einbrechen, schiebt der letzte Schreiber die Tafel noch in den Ofen, trifft nicht ganz zu – aber die Angst und den Schrecken, den «diese Wikinger der Bronzezeit» verbreitet haben müssen, wird deutlich.

1177 markiert deshalb den Sieg von Ramses III., aber gleichzeitig auch den endgültigen Zusammenbruch einer lange Zeit sehr stabilen politischen und wirtschaftlichen Konstellation. Die Forschung ist sich uneins, was dazu geführt hat. Die Idee einer Invasion fremder Völker ist natürlich verlockend, aber sie ist wahrscheinlich zu einfach. Es müssen ein paar Dinge simultan passiert sein.

Natur- und andere Katastrophen

Im 13. Jahrhundert muss Griechenland von einer Serie von Erdbeben heimgesucht worden sein, die vieles zerstört haben. Aber an einigen Orten wurden die Städte wieder aufgebaut. Dann ist die Rede von «Hungersnöten», das Hethiterreich in Anatolien muss stark betroffen gewesen sein, aber auch der Norden Griechenlands. Viele Autoren sprechen von Klimaschwankungen, die sich auch im Donauraum stark ausgewirkt haben sollten, das führte zu einem Einwanderungsdruck in die Länder am Mittelmeer. An vielen archäologischen Stätten finden sich Brandspuren, sie könnten von innerem Aufruhr und Revolten herrühren.

Es dürfte alles zusammen gewesen sein, sagt Eric H. Cline. Das ist aber nicht etwa ein Grund zur Beruhigung. Im Gegenteil. Die Komplexität des politischen und wirtschaftlichen Systems sei für den Zusammenbruch verantwortlich. Die «Globalisierung» und Vernetztheit des Systems machte es extrem erfolgreich, liess Handel und Wirtschaft blühen. Gleichzeitig machte eben dies das System auch verwundbar. «Komplex» heisst ja, dass man nicht durchschaut, wie alles zusammenhängt. Dass kleine Ursachen irgendwo grosse Wirkungen zeitigen können.

Hinweise darauf gibt es. Das mykenische Griechenland dominierte wirtschaftlich – und wie man annehmen muss, auch militärisch. Die Mykener müssen um 1600 das mächtige Kreta unterworfen haben, später wahrscheinlich auch in Anatolien erfolgreich gewesen sein (Homers Krieg um Troja). Die mykenische Burgenwirtschaft war allerdings fragil. Um Bronzeschwerter schmieden zu können, brauchte es Zinn. Kupfer gab es auf Zypern, aber Zinn musste aus Afghanistan importiert werden. Zinn war das Erdöl der Bronzezeit. Also eine einzige Ressource, von der an sich mächtige Volkswirtschaften abhängig sind.

Wird die Zufuhr gestört, schwindet die militärische Macht der Burgeneliten, die Landbevölkerung revoltiert – der Export geht zurück und die Krise ist da. Wer da an die Welt von heute denkt, schreibt Cline, liegt nicht völlig falsch.