Es ist stiller geworden auf den Pausenplätzen und Schulkorridoren der Schweiz. Zumindest ein kleines bisschen – seit die Schülerinnen und Schüler ihren Klatsch auch via Handy austauschen. «Morgens sind bei uns viele am Chatten am Handy, es ist ja auch o. k., wenn man da noch nicht reden mag», findet beispielsweise die 17-jährige Kantischülerin Céline. Tagsüber würden die Kollegen dann auftauen und mehr von Angesicht zu Angesicht reden.

Kommunikationsgruppen auf dem Handy, sogenannte Chats, sind in den meisten Klassen mit Teenager-Schülern längst etabliert. Und werden es bleiben – auch wenn nun der beliebte Chat Whatsapp die Alterslimite auf 16 Jahre erhöht hat, um die Anforderungen der neuen Europäischen Datenschutz-Grundverordnung zu erfüllen. Entweder klicken die Jugendlichen nun bei Whatsapp einfach an, sie seien schon 16 Jahre alt, oder sie weichen auf Chats ohne Mindestalter-Einschränkung aus. Zu praktisch sind solche Klassen-Chats und werden nicht selten auch von den Lehrern zur Kommunikation mit den Schülern genutzt.

Im Chat sind die Schüler recht aufmerksam, das zeigt das Beispiel einer 9. Klasse in Biel im Gespräch mit dem Lehrer.

Im Chat sind die Schüler recht aufmerksam, das zeigt das Beispiel einer 9. Klasse in Biel im Gespräch mit dem Lehrer.

Da nützt es auch nichts, wenn der Präsident des Dachverbandes der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz gegen Whatsapp wettert, wie gestern im «Tages-Anzeiger»: «Whatsapp ist für die Kommunikation zwischen Lehrpersonen und Schülern komplett ungeeignet», sagt Beat W. Zemp. Die Nutzerdaten seien dort nicht sicher genug, die bessere Alternative sei der Schweizer Messenger-Dienst Threema, der zudem keine Mindestalterslimite hat.

Ob der Kanal Whatsapp ist oder Threema – die permanenten Handy-Plaudereien haben die Schule verändert.

  • Weniger Stress für Vergessliche: Manche Lehrer teilen den Schülern via Klassenchat mit, wenn sie zum nächsten Unterricht etwas Spezielles mitnehmen müssen. So vergessen es die Schüler weniger – vorausgesetzt, sie schauen am Morgen noch in den Chat. Und da Whatsapp unter Jugendlichen eines der wichtigsten Kommunikationsmittel ist, liegt ihnen das Handy buchstäblich näher als das traditionelle Aufgabenbüchlein, das gerne mal im Rucksack liegen bleibt.
  • Weniger Stress für Faulpelze: Unerledigte Hausaufgaben müssen nicht noch schnell vor Stundenbeginn ins Heft gekritzelt werden – man kann die Lösungen schon vorher im Chat anfordern und in aller Ruhe abschreiben. Dazu genügt es, wenn ein Klassenkamerad seine Arbeit fotografiert und das Foto in den Klassenchat stellt. In der Regel hat deshalb jede Klasse zwei Chats – einen mit der Lehrperson und einen nur für Schüler.
  • Flächendeckende Info: Die Informationen erreichen immer alle. Also auch jene, die gerade krank sind oder schwänzen. Schulreise abgesagt wegen schlechten Wetters, Schulstunde fällt aus wegen Krankheit, Schwimmzeug mitnehmen für den Turnunterricht – solche Infos kann die Lehrperson der ganzen Klasse per Handy mitteilen, statt via das mühsame Kettentelefon, das immer irgendwo stecken bleibt.
  • Rasche Antworten: Wenn die Info nicht schon im Chat steht, dann stellt man die Frage halt schnell. Wer früher etwas in der Stunde verpasst hatte, musste eine Nummer nach der anderen mit der Telefonliste abklappern, bis jemand erreichbar war. Wer seine Frage in den Chat tippt, hat dagegen innert Minuten die Antwort – irgendjemand ist immer online.

Bequeme Erinnerungshilfe

Die Lehrer selbst finden das oft auch praktisch. Eine Berner Sportlehrerin ist zwar nicht selber in den Klassenchats, aber sie bittet die Schüler manchmal, eine Info reinzustellen: «Dann wird der Auftrag von 90 Prozent der Schüler ausgeführt. Das ist erfolgreicher als auf der offiziellen Sharepoint-Website der Schule.» Allerdings stellte die Lehrerin bei sich und den Schülern auch fest: «Man wird nachlässig. Ich merke mir Informationen wie die Raumnummer nicht mehr, sondern schau halt noch fünf Minuten vor der Stunde nach.»

Viele Lehrer teilen eine dringende Info dem Klassensprecher mit, der sie dann in den Chat stellt. Andere Lehrer sind selber drin. Célines Klasse hat mit dem Deutschlehrer einen eigenen Chat, der auch im Unterricht verwendet wird – anstelle mündlicher Wortmeldungen. Der Lehrer stellt eine Frage oder Aufgabe und projiziert die Schülerantworten am Schluss via Beamer auf die Wand.

Nachrichten im Überfluss

Jener Chat ohne den Lehrer wird in der Regel deutlich häufiger genutzt, als jener, in dem der Lehrer mitlesen kann. Bis zu 100 Nachrichten habe es früher in der Bezirksschule manchmal gegeben, wenn sie eine Stunde lang nicht draufgeschaut habe, sagt Céline. Nun in der Kanti werde nur noch das Nötigste kommuniziert.

Die 15-jährige Mina, die in Biel die Sekundarschule besucht, erzählt: «Als wir in der sechsten Klasse den Whatsapp-Chat einführten, wurde extrem viel Unnötiges geschrieben. Vieles ging meiner Ansicht nach auch nicht die ganze Klasse etwas an. Doch dann hat es sich geändert, ab der 7. Klasse wurde es zu einem nützlichen Instrument.» Der Chat ohne Lehrer werde täglich benutzt, der andere vielleicht zweimal pro Monat. Andernorts beantworten Lehrer die Fragen der Schüler zu den Hausaufgaben im Chat fast in Echtzeit.

«Ich stelle halt manchmal den Klingelton ab», sagt die 15-jährige Jil. Gerade vor Prüfungen würden eben sehr viele Fragen gestellt im Chat. Ebenfalls zuhilfe gezogen wird der Klassenchat, wenn das gute alte Rundtelefon mal nicht funktioniert, beziehungsweise stecken bleibt.

Dass man dazu ein Smartphone braucht, ist klar. Die befragten 15-Jährigen gaben an, alle in der Klasse hätten eines. Eine 12-Jährige sagte, die Hälfte ihrer 6. Klasse habe eines. «Es gibt schon einen Zwang, die Nachrichten zu lesen», stellt ein Bezirksschullehrer im Aargau fest. «Oft höre ich morgens: Hast du das gesehen?» Über den zweiten Klassenchat hätten die Lehrer keine Kontrolle. «Aber man hört Verschiedenes, Stichwort Mobbing. Wenns da Probleme gibt, läufts über die Schulsozialarbeit.»

Dass die Klassenchats wegen der neuen Alterslimite nicht mehr über Whatsapp laufen dürften, war zumindest an seiner Lehrerkonferenz noch kein Thema.