Als Marlene Zähner im Herbst 2017 nach Boavista reist, trifft sie auf eine Insel, die vom Pauschaltourismus erfasst wurde. Zum ersten Mal Afrika! Das scheint für die meisten Feriengäste abenteuerlich zu sein, auch wenn am Flughafen der Reisecar wartet, der die Pärchen und Pensionierten direkt ins All-inclusive-Hotel fährt. Für Zähner ist es nicht das erste Mal. Es gab Zeiten, da reiste die Hundetrainerin alle sechs Wochen ins Innere des Kontinents, in den von bewaffneten Konflikten beherrschten Osten der Demokratischen Republik Kongo, wo der berühmte Nationalpark Virunga liegt.

Zähner hat sich mit dem Aufbau einer Hundestaffel für den Schutz von Berggorillas einen Namen gemacht. Als die Ausbildnerin hingegen auf Boavista ankommt, rund 600 Kilometer vom westafrikanischen Festland, dem Senegal, entfernt, erwartet sie kein Begleitschutz wie im Kongo. Kap Verde gilt als Vorzeigebeispiel für politische Stabilität. Die klimatischen Bedingungen haben die Inseln zu einer beliebten Destination für die Badeferien gemacht. Eine Ferienreise wird es für die Tierärztin trotzdem nicht.

In den kommenden Tagen wird sie mit Euclides Resende unterwegs sein, dem Verantwortlichen für die Turtle Foundation auf den Kapverden. Über Schotter- und Sandpisten geht es etwa zum Zeltlager am Strand von Lacacão. Von Juni bis Oktober überwachen hier lokale Ranger und internationale Volontäre die Nistaktivität von Meeresschildkröten. Lacacão ist eines von fünf Camps, das die Organisation mit Wurzeln in der Schweiz und Deutschland auf Boavista errichtet hat.

Die Kapverdischen Inseln sind das drittgrösste Nistgebiet der vom Aussterben bedrohten Unechten Karettschildkröten. Deren globaler Nestbestand hat sich innerhalb von drei Generationen um die Hälfte reduziert. Die Verbauung von Stränden, Fischerei mit Schleppnetzen, Plastikabfälle, der Klimawandel und Wilderei setzen den Meeresschildkröten zu. In Boavista ist das Fleisch eine beliebte Abwechslung auf dem Speiseplan der Bevölkerung, gibt die karge Wüsteninsel doch nur wenig an eigenen Ressourcen her.

Von Juni bis Oktober überwachen lokale Ranger und internationale Volontäre die Nistaktivität von Meeresschildkröten. Thomas Reischig

Von Juni bis Oktober überwachen lokale Ranger und internationale Volontäre die Nistaktivität von Meeresschildkröten. Thomas Reischig

Nächtliche Patrouillen

Im Camp trifft Marlene Zähner auf Valdir Santos, einen Ranger, mit dem sie in Zukunft eng zusammenarbeiten wird. Santos zog 2008 von der Insel São Vicente nach Boavista – angezogen vom Tourismusboom. Der damals 18-Jährige heuerte als Frühstückschef in einem der neu eröffneten Hotels an, machte Quad-Ausflüge mit den Touristen. In der Nebensaison besserte er seinen Lohn mit der Jagd auf Meeresschildkröten auf. Es war leicht verdientes Geld – bis Santos das Angebot für einen Job im Artenschutzprogramm erhielt.

Beim Besuch von Marlene Zähner ist der 28-Jährige mit rund 20 Mitarbeitern und Freiwilligen in Lacacão stationiert. Sobald es dunkel wird, brechen die Tierschützer zur Patrouille auf. Ausgestattet mit roten Stirnlampen, GPS-Geräten und Notizbuch, nehmen sie die Schweizer Besucherin auf einen Rundgang mit. Alle fünf Meter taucht eine gedrungene Silhouette aus der Tiefe des Meeres auf: Bis zu einen Meter lang und über einen Zentner schwer, schleppen sich die Schildkröten den Strand hoch, ihr Atem tief und gestossen – wie von einem Menschen, der Schwerstarbeit erledigt.

Hat das Weibchen erst einmal einen geeigneten Nistplatz gefunden, fällt es in eine Art Trance, und der Ranger kann sich dem Tier nähern. Mit einer Spritze injiziert er einen elektronischen Chip in die vordere Flosse, heftet eine metallene Marke an, notiert Grösse und Koordinaten. Die Schildkröte benützt ihre hinteren Flossen währenddessen wie eine Schaufel, gräbt ein tiefes Loch in den Sand. Bis zu hundert Eier, gross und weiss wie Pingpong-Bälle, purzeln hinein.

Rein zur Datenerhebung sind die Ranger aber nicht hier. Ihre Präsenz soll vor allem Wilderer davon abhalten, die Schildkröten auf ihrer Suche nach einem Nistplatz zu töten – sie auf den Rücken zu drehen, die Flossen und Innereien zu entfernen und das Fleisch mit sich zu nehmen. Im Jahr 2007 zählte eine spanische Forschungsgruppe an den Stränden Boavistas rund 1200 ausgenommene Schildkrötenpanzer – und sandte daraufhin einen Hilferuf an die Welt: Würde es so weitergehen, wäre der Bestand in 10 bis 20 Jahren ausgelöscht.

Hotelanlage auf Boavista: Die Verbauung von Stränden setzt der Meeresschildkröte zu. imago

Hotelanlage auf Boavista: Die Verbauung von Stränden setzt der Meeresschildkröte zu. imago

Die Errichtung von Camps an den wichtigsten Niststränden durch verschiedene Tierschutz-Organisationen konnte die Wilderei zwar in den Folgejahren drastisch reduzieren. 2009 schätzte man noch 220 getötete Tiere. Doch in den letzten Jahren hat die Dreistigkeit der Jäger wieder zugenommen: Sie haben gelernt, die langsam vorwärtskommenden Wachen zu umgehen. Für das Jahr 2017 ging die «Turtle Foundation» von rund 470 getöteten Tieren aus. Und genau hier kommt Marlene Zähner ins Spiel.

Zwei Spürhunde sollen künftig die Ranger auf ihren Patrouillen begleiten. Mit ihren feinen Nasen können sie Wilderer aus der Distanz erkennen und Beweise sichern. Denn seit Januar 2018 gilt auf den Kapverden ein neues Gesetz: Wer Schildkröten tötet, verkauft oder verzehrt, riskiert eine Anzeige und wird strafrechtlich verfolgt. Die Präsenz der Hunde soll den Jägern markieren, dass ernst gemacht wird mit dem Verbot.

Aufbau eines Hundeteams

Im Herbst 2017 ist es bis dahin aber noch ein weiter Weg. Marlene Zähner muss erst einmal herausfinden, wie der Einsatz der Hunde auf der Insel organisiert werden soll. Aus dem Nationalpark Virunga kennt sie eine andere Ausgangslage: Dort sind die Ranger paramilitärisch aufgestellt, der Zwinger der Hunde in ihrem Hauptquartier untergebracht. «Es ist alles ein wenig lockerer und weniger gefährlich hier», stellt Zähner in Boavista fest. «Das Problem aber ist: Es gibt keine Struktur.» Weder für die Haltung der Tiere noch für die Formation der Ranger – Zähner beginnt bei null.

Als Erstes sollen die künftigen Hundeführer lernen, Verantwortung zu übernehmen für ihr Tier. Im Herbst 2018 reisen Valdir Santos und sein Kollege Ivan Lima zum Start ihrer Ausbildung nach Europa. An Spezialhunde-Kursen in der Schweiz und Frankreich treffen sie auf Polizeikräfte aus Belgien, den USA: Deren erster Gedanke gilt immer dem Hund. «Diese Profis haben jahrelange Erfahrung», erzählt der 29-jährige Santos. «Für uns ist alles neu: wie man einen Hund erzieht, ihn regelmässig füttert, ihm Zuneigung schenkt.»

Marlene Zähner hat zwei Labradore aus slowakischer Zucht ausfindig gemacht. In ihrem Ausbildungszentrum in Kleindöttingen (AG) unterrichtet sie Kelo und Karetta – benannt nach den Schildkrötenarten Caretta caretta und Chelonia mydas – nun seit rund einem Jahr. Die Hunde lernen, nach bestimmten Gerüchen oder Personen zu suchen – und werden mit dieser Technik später am Strand Wilderer oder deren Spuren ausfindig machen können. Dabei ist es aber wie im Sport: Die Hunde müssen über Jahre von einem Profi trainiert werden, um einsatzbereit zu bleiben.

Während des Aufenthalts von Santos und Lima geht es zunächst darum, dass sich die arbeitseifrigen Tiere an die Stimmen ihrer künftigen Halter gewöhnen und lernen, an ihrer Seite zu gehen und auf die eigenen Namen zu hören. Bei der Flächensuche rennen die beiden Energiebündel noch ungestüm über das Feld – später werden sie lernen, die Männer anzuführen, wenn sie eine Fährte aufgenommen haben.

Auf Boavista sollen Kelo und Karetta während der Nistsaison in einem von Schweizern gegründeten Heim für Strassenhunde unterkommen. Nur aus der Hand von Santos und Lima sollen die freundlichen Hunde künftig fressen und auf Zurufe der Ranger sofort reagieren. Die Herausforderung: Kelo und Karetta sollen Wilderer zwar aufspüren, ihnen selber aber nie zu nahe kommen. Bei einem Einsatz könnten die Tiere mit Messern attackiert oder vergiftet werden. Deshalb wird jetzt geübt, auf den Befehl «Drop» einen Gegenstand auszuwerfen.

Eine Insel im Wandel

Die «Turtle Foundation» möchte die Hundeteams später nicht nur am Strand einsetzen, sondern auch als Botschafter in den Dörfern. Dort führt die Organisation Umweltbildungskampagnen durch. Sie will den Bewohnern alternative Einkommensmöglichkeiten zur Wilderei aufzeigen – etwa in nachhaltigen Tourismus- und Biodiversitätsprojekten. Die Pauschaltouristen, mit denen Zähner, Santos und Lima in den nächsten Jahren noch ein paar Mal hin- und her reisen werden, dürften davon nur wenig mitbekommen. Doch ihre Hotels haben eine merkliche Auswirkung auf die Geschehnisse am Strand: Das künstliche Licht irritiert die Meeresschildkröten. Wenn die kleinen Schildkröten nach 50 bis 60 Tagen schlüpfen, verlieren sie auf dem Weg zum Wasser die Orientierung und verenden womöglich in der aufgehenden Sonne.

Diejenigen Tiere, die es schaffen, kehren nach 20 bis 30 Jahren zur Eiablage an ihre Geburtsstätte zurück. Welche Gegebenheiten sie dann an den Stränden Boavistas antreffen mögen? Die Verwaltung rechnet mit einer Verdreifachung der Touristenunterkünfte innerhalb der nächsten zehn Jahre. Parallel dazu wächst auch die Einwohnerzahl. Boavista steht am Scheideweg: Geht die Entwicklung einher mit dem Umweltschutz oder vollzieht sie sich schneller, als die Meeresschildkröten sich fortpflanzen können? In den nächsten Jahren wird es Kelo und Karetta auf jeden Fall noch brauchen.