«Bist du ein Zoni?», werde ich in Deutschland fast immer gefragt, wenn ich jemandem erzähle, dass ich aus dem Harz komme. Ich verbrachte meine ersten paar Lebensjahre im Harz, einem kleinen Gebirge im Norden Deutschlands, das sich zwischen Hannover und Leipzig ins Flachland bettet.

Irgendwo dort hinten war die Welt zu Ende

Als Kind war mir nicht ansatzweise bewusst, dass diese Hügel zu den geschichtsträchtigsten des Landes gehören. Was mich als kleines Mädchen interessierte, waren im Winter die meterhohen Schneeberge, in die mir mein Grossvater Labyrinthe schaufelte. Und im Sommer das Baden in einem der vielen kleinen Teiche, wo ich Frösche von Hand fangen und fette Karpfen beim Fressen beobachten konnte. Wie ich es liebte, im sagenhaften Wald nach Pilzen zu suchen!

Dass wenige Kilometer östlich die deutsch-deutsche Grenze verlief und was das für die Region bedeutete, verstand ich nicht. Dass Deutschland über 40 Jahre lang quer durch den Harz getrennt war und wegen schärfster Grenzsicherungen die Kontakte zwischen Ost und West brutal gekappt waren, merkte ich wenige Jahre vor dem Mauerfall als Kind nicht. Für uns Westdeutschen war irgendwo dort hinten einfach die Welt zu Ende.


Ich bin kein Zoni. Zonis nennt man Ex-DDR-Bürgerinnen und -Bürger. Der Ausdruck leitet sich von der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland ab, die vor allem in der Bundesrepublik Deutschland abwertend als Ostzone oder nur als Zone bezeichnet wurde. Ich wuchs in der BRD auf, im Bundesland Niedersachsen, in Clausthal-Zellerfeld im Oberharz, im nordwestlichen Teil des Harzes. Dort hörte meine junge Mutter Madonna im Radio und schaute «Flashdance» im Kino. Wenige Kilometer weiter, in den im Osten gelegenen Bundesländern Thüringen und im heutigen Sachsen-Anhalt, war «Westkultur» verboten.

Damals zehrte die Region noch von letzten Überbleibseln des Bergabbaus von Silber und anderen Metallen, der die Gegend jahrhundertelang wirtschaftlich prägte, wohlhabend machte und in den 1980ern sein jähes Ende fand. Der Harz setzt seither auf ein anderes Standbein: den Fremdenverkehr.


Silber fürs Königreich


Schon vor rund 200 Jahren zog es Reisende in den Harz, unter ihnen Berühmtheiten wie Johann Wolfgang von Goethe oder Heinrich Heine. Goethe besuchte als Forschungsreisender drei Mal den Harz und erstellte Studien über die einzigartige und komplexe geologische Geschichte, die den Bergbau erst ermöglichte. Seine Harz-Erfahrungen liess er in eines seiner bekanntesten Werke einfliessen: Im «Faust» tanzen die Hexen in der Walpurgisnacht auf dem Brocken, dem höchsten Berg des Harzes – im «Faust» Blocksberg genannt. Bis heute ist der Harz im Hexenfieber.


Heinrich Heine durchquerte den Harz zu Fuss und schaffte mit seiner «Harzreise» 1824 den literarischen Durchbruch. Ab dem 19. Jahrhundert dann zog es vor allem Industrieluft-Geplagte in Scharen aus dem umliegenden Flachland in den Harz, um in einem der Kurorte oder in Lungenheilstätten ihre kranken Atemwege genesen zu lassen. Denn im Oberharz herrscht Heilklima: Die Luft ist kühler als im Unterland, feuchter und kaum mit Schadstoffen belastet.


Heute stehen viele imposante Sanatorien leer, nach der Wende fanden sich wenige Käufer für die teils maroden Mauern. Doch der Harz hat sich zu einer der beliebtesten Tourismus-Regionen Deutschlands gemausert: Rund fünf Millionen Übernachtungen zählt das gut 110 Kilometer lange und 40 Kilometer breite Mittelgebirge pro Jahr – unter Schweizerinnen und Schweizern ist die Feriendestination nahezu unbekannt.

Sie kamen aus ganz Europa


Dabei gibt es viel zu entdecken, was man hierzulande nicht kennt – wie sich Natur und Geschichte im Harz vereinen, ist europaweit einzigartig. Dichte Fichtenwälder, mystische Wildnis, seltene Pflanzen und Tiere: Das Urwüchsige, das Karge und Grobe verdankt der Harz seiner bewegten Vergangenheit. Wer im Oberharz wandert, kann die Spuren der vorindustriellen Epochen nicht übersehen, so sehr hat der Bergbau die Region landschaftlich geprägt. Bergbau gibt es hier seit bald 2000 Jahren, vom 16. bis ins 19. Jahrhundert war der Oberharz dann vollständig darauf ausgerichtet. Aus ganz Deutschland, ja Europa folgten Männer dem sogenannten Berggeschrei: Sie wollten teilhaben an den Reichtümern, die sich mit dem Abbau von Kupfer, Blei und Eisen erwirtschaften liessen.


Die Haupteinnahmequelle allerdings war das Silber: Über drei Jahrhunderte lang wurden rund 50 Prozent des in ganz Deutschland geförderten Silbers im Oberharz gewonnen. Macht und Einfluss des Königreichs Hannover bauten auf diesen reichhaltigen Rohstoff-Vorkommen auf. Als 1775 die Bergakademie in Clausthal gegründet wurde, gehörten einige Schächte mit mehreren hundert Metern zu den tiefsten der Welt.


Bis heute zählt die technische Universität Clausthal zu den wichtigsten auf ihrem Gebiet. Und: Dem Bergbau verdanke ich quasi meine Existenz. Mein Grossvater lehrte hier Geologie, einer seiner Studenten war mein Vater aus der Schweiz. So lernte er meine Mutter kennen.


Wandern am Wasserwunder


Der Bergbau machte auch technisch erfinderisch: Das sogenannte Oberharzer Wasserregal ist das weltweit bedeutendste vorindustrielle Wasserwirtschafts-System und zählt zum Unesco-Weltkulturerbe. Es wurde über die Jahrhunderte mit kaum vorstellbarem Aufwand ausgebaut, um Wasser umzuleiten, zu speichern und zur Energiegewinnung unter- und übertag einzusetzen. Insgesamt wurden 143 Stauteiche, 500 Kilometer Gräben und 30 Kilometer unterirdische Wasserläufe angelegt. Allein um Clausthal-Zellerfeld liegen 50 Teiche mit Trinkwasserqualität.


Wer wandert, entdeckt das Wasserregal auf schmalen Pfaden direkt an den Gräben, die oft von üppigem Farn gesäumt und über zehn Kilometer lang sind. Es sprudelt erfrischend, die dichten Wälder spenden Schatten im Sommer. An und in den Teichen kann man ruhen und baden – je nach Saison und Lage des Teichs ist man hier oft allein. Es ist Teil des Wandererlebnisses, dass man ehrfürchtig bestaunt, was Menschen vor Hunderten von Jahren hier in härtester Arbeit erschaffen haben.


Wo Moskau in den Westen spähte


Auch die jüngere Geschichte prägt die Landschaft des Harzes. Das deutsch-deutsche Grenzgebiet gönnte der Natur eine Atempause, der Grenzstreifen blieb über Jahrzehnte fast vollkommen unberührt. Der Brocken ist mit 1141 Metern nicht nur der höchste Berg im Harz, sondern auch im Norden Deutschlands – bis an die Nord- und Ostsee ist es flach.
Der Brocken galt während der Teilung als «unerreichbarster Berg der Welt»: Die Mauer, Stacheldraht und Selbstschussanlagen schirmten den Gipfel hermetisch ab. Lediglich Grenzwächter, Abhörspezialisten und die Spitze des DDR-Regimes durften ihn betreten. Der Brocken war Moskaus westlichster Vorposten, die «Stasi-Moschee», wie die Abhöranlage wegen seiner Kuppel genannt wird, steht noch.


Der ehemalige Todesstreifen gehört heute zum Grünen Band Europas, einem Grünstreifen, der von Murmansk im Norden mitten durch den Harz bis hinunter ans Schwarze Meer führt. Als 1989 die Mauer fiel, wuchs der Harz wieder zusammen; der Nationalpark entstand, dessen 600 Kilometer Wanderwege sich über das Gebiet der Ex-DDR und der BRD erstrecken. Er ist einer der grössten Nationalparks des Landes, der sich vor allem dem Schutz des Waldes verschreibt, mit dem Ziel, ihn zum wilden Naturwald zurückzuführen. Luchse und Wildkatzen haben hier wieder Heimat gefunden. Als hätte der Mensch nie in die Landschaft eingegriffen.

Seit 30 Jahren lebe jetzt ich in der Schweiz und reise jedes Jahr in den Harz.