Der Tag in Champéry beginnt später als anderswo. Gerade jetzt, im Winter. Erst kurz vor elf Uhr erhebt sich die Sonne über die Dents du Midi, die imposante Bergkette, die bei der Anfahrt ins Val d’Illiez schon vom Genfersee aus ins Auge sticht.

Wenn die wärmenden Strahlen hinunter ins nach Südwesten ausgerichtete Tal fallen, sind die meisten Menschen längst nicht mehr hier. In weniger als fünf Minuten schwebt man von Champéry hoch zum Croix de Culet auf fast 2000 Meter über Meer.

Nur wenig später gleitet man auf zwei Latten in eines der grössten Skigebiete der Welt. Portes du Soleil erstreckt sich zwischen zwölf Bergdörfern im westlichen Wallis und in der Haute Savoie in Frankreich.

650 Kilometer Piste, die sich auf fast 300 Pisten verteilen, fast 200 Lifte, Freestyle-Parks, Skicross-Strecken und Buckelpisten.

Wer sich in diesem Ski-Schlaraffenland auf Entdeckungsreise begibt, hat entweder einen lokalen Guide oder eine Karte des Gebiets dabei. Ansonsten verliert man vor lauter Schnee-Vergnügen die Orientierung und strandet im schlimmsten Fall irgendwo im Nirgendwo.

Das Geld für die dann nötige Taxifahrt an den Ursprungsort kann man jedoch deutlich schlauer ausgeben. «Früher sind verschiedene Touren ausgesteckt gewesen», sagt Thierry Monay, Marketingchef des lokalen Tourismusbüros, «jede hatte ihr Maskottchen. Aber die Leute sind nicht darauf angesprungen.» Zu viel Bevormundung, vermutet er.

Bald soll die Digitalisierung neue Möglichkeiten bieten. Schon nächste Saison soll eine App individuelle Touren ermöglichen. Die Basis steht schon, auch Tracking ist möglich. So kann der geneigte Fahrer Spitzengeschwindigkeit sowie zurückgelegte Pisten- und Lift-Kilometer ablesen.

Noch ist es eine Spielerei, schon bald soll die App wirklichen Mehrwert bieten, also den Wintersportler führen. Wo sonst ist es möglich, einen ganzen Tag auf zwei Brettern unterwegs zu sein und nicht einmal die gleiche Piste zu fahren?

Und so nehmen wir den Weg Richtung Frankreich unter die Ski. Den Pas de Chavanette im Visier. Der Sessellift zu diesem rund 2150 Meter über Meer gelegenen Gipfel ist der historische Link dieses grenzübergreifenden Pisteneldorados. Erdacht vom französischen Abfahrt-Olympiasieger Jean Vuarnet zu Beginn der 60er-Jahre, hievte der Lift 1968 erstmals Skifahrer den Berg hinauf.

Heute schweben wir hier über eine der berühmtesten Skipisten des Landes. «Le Mur Suisse» (die Schweizer Mauer) nennt sich das bucklige Monstrum, das sich zu unseren Füssen ausbreitet. Bis zu zwei Meter hoch sind die Buckel, bis zu 37 Grad beträgt das Gefälle dieses Südhangs.

Eigentlich sollten sich nur erfahrene Skifahrer auf diese Piste wagen. Aber so manchen Anfänger packt der Ehrgeiz. Ganz zur Belustigung unserer Mitfahrerin. Claire kommt aus der Gegend, sie fährt hier stilsicher die Pisten hinunter und orientiert sich ohne Plan. «Ich staune immer wieder, wer sich das alles antut.»

Wer so sicher wie sie auf den Brettern steht, dem bietet das Gebiet Schöneres als Buckelpisten, gerade wenn frischer Schnee liegt. «Portes du Soleil ist ein Paradies für Freerider. Du kannst hier praktisch überall runterfahren», sagt sie.

Visionär hier, nostalgisch dort

Dazu sind wir ein, zwei Tage zu spät. Viele Spuren ziehen sich durch die verschneiten Hänge. Doch die Leichtigkeit des Schnees auf den Pisten ist geblieben – der Kälte sei Dank. Und so kurven wir Richtung Westen, zu dem surrealen Ort namens Avoriaz. Die Franzosen haben die Alpen mit vielen Wohnsilos verschandelt.

Hier aber vereinte der Architekt Jacques Labro Masse mit Stil. Aus der Distanz wirken die mit einem leichten Puder überzogenen Gebäude, als seien sie einem futuristischen Wintermärchen entsprungen.

In den 60er-Jahren hat Labro das Atelier d’Architecture d’Avoriaz quasi als Studienabgänger gegründet. Die Ski-Stadt auf 1800 Meter über Meer wurde zur Lebensaufgabe für ihn. Fast 20 000 Gäste beherbergt Avoriaz zu Spitzenzeiten. Zwei Sessellifte, ein Skilift und mehrere Pisten führen durch den Ort.

Dafür ist er autofrei. Es gibt Technobeats und Crêpes, Luxuswohnungen und einen Carrefour. Avoriaz ist ein Denkmal für das zwiespältige Verhältnis, das die Schweizer zu ihren französischen Kollegen haben.

Zum einen profitiert man von den Touristen, die über die Grenze in die Schweiz kommen. Von den unzähligen Pisten auf französischer Seite, die das Gebiet zu einem der grössten der Welt machen. Ein wichtiges Marketing-Instrument.

Zugleich zeigt Avoriaz, was in Frankreich anders läuft. Moderne Liftanlagen, grosse Pisten. Neidlos anerkennt Marketing-Mann Monay: «Sie haben andere ökonomische Voraussetzungen als wir und sind durch bauliche Vorschriften weniger eingeschränkt.»

Auf französischer Seite können deutlich mehr schneesichere Nordhänge befahren werden, was nicht nur daran liegt, dass es mehr davon gibt, sondern auch daran, dass man auf Schweizer Seite bisher kaum Baubewilligungen für Bergbahnen erhielt. Offensichtlich werden die Unterschiede vor allem, wenn man via Les Lindarets und Châtel weiterfährt nach Morgins.

Die Heimat von Olympiasieger Didier Défago ist zur einen Seite geprägt von Südhängen, die schnell Schneeprobleme aufweisen, zur anderen Seite von einem Nordhang, der kaum befahrenswerte Pisten aufweist. Die meisten Liftanlagen hier könnten als Kulisse für einen Nostalgie-Film dienen. Die Dichte an Teller- und Bügelliften erinnert an längst vergangene Zeiten.

Der Kampf gegen das Aus

Vor anderthalb Jahren mussten die Bahnen dieser Gegend (Télé Morgins-Champoussin) den Betrieb einstellen. Vier Mal blieben die Festtage davor ohne Schnee, die Schulden wuchsen auf über vier Millionen Franken an. Die Betreiber-Gesellschaft der benachbarten Gebiete in der Schweiz (Télé Champéry-Crosets) schoss Geld ein, mehrere Hotelierbetriebe und Veranstalter engagierten sich mit einem Crowfunding.

Bald werden sämtliche Bergbahnen auf Schweizer Seite von einer Gesellschaft unterhalten. Die Gemeinden haben Ende 2017 eine Investitionsgesellschaft gegründet. Kooperation ist das Wort der Stunde.

Die neue Gesellschaft investiert. Die Liftanlagen in Morgins und Champoussin sollen nun laufend erneuert werden. Zudem hat die Gesellschaft in Les Crosets für 12 Millionen Franken einen Speichersee gebaut, um die Schneekanonen mit Wasser zu versorgen.

In Anbetracht der Klimaerwärmung wird die künstliche Beschneiung immer wichtiger. Gerade für ein Gebiet, das sich hauptsächlich zwischen 1700 und 2500 Meter über Meer erstreckt.

Davon ist an diesem Tag im Januar nichts zu spüren. Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, Minus-Temperaturen. Während die Sonne langsam sinkt, nähern wir uns dem Ausgangspunkt unserer Tour.

Ein kurzer Halt in Champoussin, eine Suppe, ein bisschen Wärme, und schon geht es weiter, Richtung Südwesten. Es ist kurz vor vier Uhr, als ich zweifelnd zum Bügellift Rapaille hinunterblicke. Der Bergbähnler kommt aus seinem geheizten Kämmerchen und fragt, ob er helfen könne. Ich frage, ob der Lift noch fahre. «Ja, bis 16 Uhr 30 – und meist noch ein paar Minuten länger», sagt er und lächelt. Ganz so eng wie in der Deutschschweiz nehmen sie es hier nicht mit den letzten Fahrten.

Wenig später lassen wir uns hochziehen. Die letzte Abfahrt wartet auf uns, die Talabfahrt nach Grand Paradis. Drei-, vierhundert Meter weiter steht eine Berghütte. Lapisa heisst die Alp. Aus den Boxen haucht Christine von Christine and the Queens: «Je commence un livre par la fin» – und wir beenden den Tag wenig später im Schatten der Dents du Midi. Mit dem Bus fahren wir die knapp drei Kilometer vom Ort, den sie grosses Paradies nennen, zurück nach Champéry.