Fünfeinhalb Millionen Einwohner hat der US-Bundesstaat Colorado. Und 380 Craft Beer Breweries, unabhängige Brauereien, die sich in den vergangenen Jahrzehnten als Alternative zu den Grossproduzenten entwickelten. Nach eigenen Angaben wird weltweit in keiner Stadt mehr Bier gebraut als in Denver. Da erstaunt auch nicht, dass der aktuelle Gouverneur des Bundesstaates, der Demokrat John Hickenlooper, vor dreissig Jahren einer der Gründer der ersten Mikrobrauerei war.

Seine Wynkoop Brewery im Herzen von Denver ist einer dieser Plätze, wo man sich auf Anhieb wohl fühlt, nicht zuletzt wegen des wunderbaren Americana-Sounds, der im Hintergrund läuft. Natürlich ist seine Brauerei Station auf einer von mehreren Bier-Stadttouren. Angenehmer Nebeneffekt: Durch die Höhe – Denver liegt auf 1609 Meter über Meer, was genau einer Meile entspricht – entfaltet der Gerstensaft seine Wirkung schneller. Die Lage hat auch für Sportliebhaber einen Vorteil: Wegen der dünnen Luft in der «Mile High City» werden nirgends mehr Homeruns geschlagen als im Baseball- Stadion der Colorado Rockies.

Wie zu Zeiten des Goldrauschs

Denver boomt. «Die Stimmung erinnert an die Euphorie während des Goldrausches vor 150 Jahren, als die Stadt aus dem Boden gestampft wurde», sagt Rich Grant, Autor des Buches «100 Things to Do in Denver Before You Die». Der Wandel ist nicht zu übersehen. Überall wird gebaut: Ein Wohnblock nach dem anderen wird hochgezogen. Gleichzeitig strömen junge Leute in die Stadt. Auf den Dächern entstehen Rooftop Bars, die frühere Schalterhalle im Bahnhof beherbergt nun Bars und Läden, und vor dem Kapitol parkieren Food Trucks, die Hotdogs mit Elch- und Bisonfleisch anbieten.

Auch die Innenstadt entspricht schon fast europäischen Verhältnissen. Viele US-Citys haben downtown nichts ausser Geschäftshochhäusern zu bieten, wer shoppen will, muss dafür mit dem Auto in eine Mall – das überdimensionale Einkaufszenter. Denver dagegen punktet mit einer autofreien Innenstadt, in der ein Gratis-Bus alle paar Minuten die 16th Street Mall abfährt. Die Promenade bietet neben den bekannten US-Ketten, kombiniert mit Restaurants und Cafés, ein paar Perlen, etwa Rockmount Ranch Wear: Ein Westernshop, dessen bestickte Cowboyhemden auf so manchem Plattencover verewigt sind. Ausserdem ist Denver eine der velofreundlichsten Städte der Staaten. An vielen Ecken stehen Mietvelos bereit, mit denen man auch schnell in die Aussenquartiere kommt.

Streckenweise erinnert der Wandel, den die Metropole durchläuft, an Städte wie Berlin, etwa rund um den pulsierenden Stadtteil RiNo (kurz für River North). Wo vor zehn Jahren noch triste Industriebrachen das Bild prägten, entstanden in den vergangenen Jahren Galerien, Vinotheken oder Yoga-Studios. In ehemaligen Schiffscontainern bieten Pop-up-Stores ihre Ware an. Von den Wänden prangen die Werke von Graffiti- und Street-Art-Künstlern. Statt Burgerketten offerieren vegetarische Cafés Birchermüesli und Burritos zum Frühstück. Einen Abstecher wert ist etwa «The Source»: In der rund 150 Jahre alten Backsteinhalle, ursprünglich erbaut für die Eisenbahnindustrie, entsteht aktuell einer der trendigsten Plätze der Stadt mit Restaurants, Hotel und einer Markthalle; Designstores, Floristen und – wie könnte es anders sein? – inklusive einer Brauerei.

Wie in den USA üblich, werden zwei beliebte Sachen kombiniert. So bietet die Brauerei «Great Divide» Bier-Yoga an. Neben der unifarbigen Matte steht bei jedem Teilnehmer ein Becher des hauseigenen Gebräus. Die Kursleiterin gibt sich Mühe, das Trinken in die Übungen einzubauen, während ein DJ für den richtigen Klangteppich sorgt. Das Ganze passt zwar nur sehr bedingt zusammen, ist aber eine witzige und durchaus schweisstreibende Angelegenheit. Das findet auch Stephen, der mit ein paar Kumpels zum ersten Mal teilnimmt. Dem Bauchansatz nach zu schliessen, scheint er eher zur Bierfraktion zu gehören: «Wir machen da eher so ein Männerding draus», meint er, nimmt einen Schluck und versucht sich relativ erfolglos an der Krähe – eine Art zusammengerollter Handstand.

Bio-Brauer und Marihuana

Ein Muss in der Umgebung von Denver ist ein Besuch im Red Rocks Amphitheatre. Die 200 Millionen alte Steinformation bildet eine unvergleichliche Kulisse für Live-Konzerte oder Open-Air-Kino für rund 9000 Personen. Die Arena wurde vom Musikmagazin «Rolling Stone» zum besten Outdoor-Musik-Veranstaltungsort gekürt. Die Beatles sind hier ebenso aufgetreten wie Bruce Springsteen. Weltweit bekannt geworden ist die Location in den 1980er-Jahren durch den Konzertfilm «Under the Blood Red Sky» der irischen Rockgruppe U2. Den Sommer über findet hier fast jeden Abend ein Event statt. Die meisten Besucher starten ihren Besuch mit einer Tailgate-Party, einem Adhoc-Barbecue aus dem Kofferraum der meisten übergrossen US-Autos.

Ebenfalls einen Abstecher wert ist Fort Collins, eine ausserordentlich gemütliche Stadt mit vielen Studenten, etwa eine Stunde nördlich von Denver. Die Kleinstadt diente als Vorlage für die Main Street USA in Disneyland, welche die prototypische amerikanische Kleinstadt per se darstellt. Ausserdem ist Fort Collins die Hauptstadt der Craft-Beer-Brauereien. Eine der grössten ist New Belgium. Die Gratistouren im Sommer sind derart beliebt, dass man eineinhalb Monate im Voraus reservieren muss. Die Brauerei ist kollektiv organisiert und setzt konsequent auf umweltfreundliche Produktion. Zum einjährigen Jubiläum erhalten die Angestellten ein Velo. Weniger ökologisch fällt das Geschenk zum Fünfjährigen aus. Dann gibt es eine Reise nach Belgien, wo die Idee für die Brauerei entstanden ist.

Neben Bier ist seit einigen Jahren ein weiteres Rauschmittel hoch im Kurs: Colorado war vor vier Jahren einer der ersten Bundesstaaten, die den Besitz von Marihuana legalisiert hatten. Für den Staat ist die Legalisierung ein Milliardengeschäft. Die Verkaufssteuer liegt bei 25 Prozent. Ein komplett neuer Wirtschaftszweig entstand. Gelder, die früher in kriminelle Hände flossen, kommen nun dem Bildungssystem zugute. Einen Kiffertourismus à la Amsterdam oder Coffeeshops gibt es allerdings nicht. Denn geraucht werden darf die Droge nicht in der Öffentlichkeit. Analog übrigens zum Alkohol, weswegen Shops das lokale Gebräu meist direkt in kleinen, braunen Papiertüten verkaufen. In den Vororten findet sich allerdings an praktisch jeder Ecke ein Laden, auf dem das Marihuana-Blatt direkt neben dem Äskulapstab – dem Logo für Apotheken – prangt.

Trips in die Wildnis

Allzulange verweilt in Colorado aber niemand in den Städten. Innert einer Stunde ist man von Denver in den Rocky Mountains und damit in einer der schönsten Gegenden Amerikas. Die Landschaft erinnert oftmals mehr an ein kitschiges Gemälde als an tatsächliche Berge. Kein Wunder, besang Country-Ikone John Denver – trotz des Namens aus New Mexico – das «Colorado Mountain High» in höchsten Tönen. Scheinbar endlose Strassen laden zum Roadtrip ein. So bietet der Rocky- Mountains-Nationalpark mehrere «Scenic Drives», Panoramastrassen. Mit etwas Glück lässt sich ein Rothirsch oder ein Elch erspähen.

Besonders beliebt ist der Nationalpark bei Wanderern: Die Möglichkeiten reichen von einem kurzen Spaziergang bis zu mehrwöchigen Trips in der unberührten Wildnis. «Ich habe wohl den schönsten Arbeitsplatz, den man sich vorstellen kann», sagt Parkrangerin Kyle Patterson. Eine Sache sei aber wichtig: Besucher sollen ihren Ausflug in den Nationalpark früh genug planen.

Denn die Gegend ist extrem beliebt als Naherholungsgebiet. Vor allem am Wochenende nutzen Tausende Städter die Vielzahl an Outdoor-Möglichkeiten von Angeln über Klettern, Mountainbiken, Reiten bis hin zu Golf oder Stand-up-Paddeln auf dem Surfboard. Die Nachfrage nach River-Rafting etwa ist trotz stolzen Preisen um die 100 Franken pro Person derart hoch, dass die Bootsfahrten begrenzt werden mussten. Auch wer im Nationalpark wandern oder campen will, sollte rechtzeitig reservieren. Obwohl die Landschaft endlos scheint, sind die begehrten Plätze meist Monate im Voraus ausgebucht.

Gut zu wissen

Hinkommen Edelweiss bietet seit diesem Sommer einen Direktflug von Zürich nach Denver an. Der Flug ist buchbar von Mai bis 21. September, montags und freitags. Die Preise starten bei 879 Franken. Aktuelle Aktionen auf der Website flyedelweiss.com. Vom Flughafen fährt ein Zug in die Innenstadt.

Rumkommen Die gemütlichste Art, Denver zu erkunden: Eine Tour mit einem elektrischen Tuk Tuk (Autorikscha). In der Stadt selber kommt man zu Fuss oder mit dem Velo an die wichtigsten Orte. Für alles Weitere wird es ohne Mietwagen schnell umständlich.

Unterkommen Wie überall in den USA besteht ein grosses Angebot von preisgünstigen Motels bis zu Luxushotels. Zwei gute Adressen sind das Kimpton-Hotel «Born» in Denver und «The Elizabeth Hotel» in Fort Collins.

Weiter wichtig Denver hat 300 Tage Sonnenschein im Jahr. Das Wetter kann allerdings sehr schnell umschlagen. Zwischen T-Shirt-Wetter und Schneefall liegen oft nur wenige Tage. Das gilt es zu berücksichtigen beim Packen des Koffers. Im Sommer sind Temperaturen über 30 Grad die Regel. Durch die Höhe ist die Luftfeuchtigkeit sehr tief. Genug trinken.