Für Laien sehen die Orang-Utans der neu entdeckten Art aus wie alle anderen. Doch für die Wissenschaft ist es eine Sensation. «Für solche Geschichten lebe ich», schwärmt der Evolutionsgenetiker Michael Krützen über die Neuentdeckung.

Er ist einer der Hauptautoren der beweisführenden Studien. Das anthropologische Institut der Universität Zürich, wo er als Professor forscht und lehrt, steht als weltweiter Brennpunkt der Orang-Utan-Forschung im Zentrum dieser Entdeckung.

Gestern Donnerstag berichtete das amerikanische Wissenschaftsmagazin «Current Biology» darüber. Der neu entdeckte Menschenaffe heisst Tapanuli-Orang-Utan, wissenschaftlich Pongo tapanuliensis. Nur noch etwa achthundert dieser Menschenartigen leben im Regenwald von Batang Toru auf Sumatra in Indonesien.

Was den rostrot Behaarten von den beiden bisher bekannten Orang-Utan-Arten unterscheidet, wird erst auf den zweiten Blick erkennbar. «Der Schlüssel zur Bestimmung einer neuen Art sind die DNA und das Skelett», sagt der amerikanische Evolutionsbiologe James Askew.
Acht Monate lang folgte er den Baumbewohnern im gebirgigen Regenwald.

Mit anstrengenden Fussmärschen, mit stetem Blick nach oben und bei hundert Prozent Luftfeuchtigkeit sowie dreissig Grad Hitze. Er gehörte zu jenen rund vierzig Forschern, die in jahrelanger Arbeit den endgültigen Beweis erbrachten, dass der Tapanuli tatsächlich eine neue Art ist. Man vermutete es seit Jahrzehnten, doch es fehlte der Beweis.

Erst ein Unglück brachte das Forscherglück. Zufällig kam vor einigen Jahren ein erschossener Orang-Utan aus der Gegend von Batang Toru in die Hände von Wissenschaftern. «Der Schädel und die Zähne des getöteten Menschenaffen beseitigten letzte Zweifel», sagt Michael Krützen von der Universität Zürich.

«Unsere genetischen Analysen zeigten, dass die Population in Batang Toru seit etwa 10 000 bis 20 000 Jahren genetisch komplett isoliert ist. Sie bildet eine eigene genetische Linie. Diese Einmaligkeit macht diesen Orang-Utan zur eigenen Art», erklärt er weiter. «Die neue Art scheint direkt von den allerersten Orang-Utans abzustammen, die vor etwa drei Millionen Jahren nach Sumatra kamen.»

Nur die grossen Männchen rufen

Neben den genetischen Entdeckungen offenbarte auch das Skelett Unterscheidungsmerkmale. Laut Krützen sind es im Vergleich zu den anderen beiden Orang-Utan-Arten signifikant andere Schädel- und Zahnformen. Der Verhaltensbiologe James Askew dokumentierte zudem Unterschiede in der Kommunikation. Erwachsene männliche Orang-Utans besitzen eine äusserst laute, kräftige Stimme.

Mit sogenannten «Long Calls» locken sie Weibchen an und halten sich Rivalen vom Hals. Diese Rufe weichen in Frequenz und Modulation leicht von jenen der Borneo- und Sumatra-Orang-Utans ab. Michael Krützen ergänzt: «Die Tapanuli haben zwei unterschiedliche männliche Typen. Nur der grössere produziert diese Rufe. Eine solche unterschiedliche Verhaltensweise unter Männchen einer Art ist einmalig bei Menschenaffen.»

Da die Population nur etwa 800 Tiere zählt, gelten Tapanuli-Orang-Utans zusamen mit den Berggorillas im Osten Afrikas als am stärksten gefährdete Menschenaffen überhaupt. Die Tiere bewohnen einen Lebensraum, der stark unter Druck steht. Eine chinesische Holding baut dort ein Wasserkraftwerk. Ein indonesisches Unternehmen betreibt im Tagbau eine riesige Goldmine.

Dazu kommt die im Moment inaktive Holzkonzession einer anderen indonesischen Firma. Zu allen diesen Orten führen Transportwege, die den Wald verwundbar machen, weil sie den Zugang erleichtern. Die Dörfer rund um den Wald wachsen rasant.

Das Regenwaldgebiet von Batang Toru hat aus der Luft betrachtet die Form unserer Lungen und ist mit 1100 Quadratkilometern etwa so gross wie der Kanton Uri. Eine Schlucht mit dem Batang-Toru-Fluss trennt die beiden Flügel.

Das im Bau befindliche Kraftwerk trennt im unteren linken Lungenlappen ein Stück vom übrigen Wald ab. Leitungsbauten entlang des Flusses kappen zudem Verbindungen zwischen dem linken und dem rechten Lungenflügel. Kurz: Der Lebensraum des Orang-Utans ist zerstückelt.

Jagd auf Orang-Utans und Tiger

«Mit der Fragmentierung des Lebensraumes werden die Populationen isoliert», sagt Irena Wettstein von der Schweizer Umweltstiftung Paneco, die gemeinsam mit einer indonesischen Partnerorganisation auf Sumatra das wichtigste Schutzprogramm für diese Menschenaffen betreibt. Bei nur achthundert Tieren habe die Zerstückelung des Lebensraums katastrophale Folgen, sagt Wettstein. «Sie können sich nicht mehr frei bewegen und vermehren.»

Als ob dies alles nicht schon genug wäre, wird im Gebiet auch gewildert. «Wir haben in den Dörfern rundum Menschen befragt und gesehen, dass etwa achtzig Prozent der Bewohner in diesem Primär-Regenwald auf die Jagd gehen und wildern», erzählt Wettstein. «Selbst Orang-Utans werden geschossen sowie Sumatra-Tiger, die am Rand des Aussterbens stehen.»

Im Wald leben etwa sechzig geschützte Tier- und Pflanzenarten. Das Orang-Utan-Schutzprogramm der Stiftung Paneco versucht, in den Dörfern mit Informationskampagnen und bei Regierungsstellen mit politischer Lobbyarbeit noch Schlimmeres zu verhüten.

«Orang-Utan» ist malaiisch und bedeutet Waldmensch. Er ist im Tierreich unser nächster Verwandter. Experten hoffen jetzt, dass die neu entdeckte Art weltweit derart prominent wird, dass der indonesische Staat es nicht mehr wagt, den Lebensraum des Tapanuli zu vernichten. Und damit ein Tier, dessen Gene zu 97 Prozent mit unseren übereinstimmen.