Der Amerikanische Star-Journalist James Risen hat zwei Pulitzerpreise abgeräumt, sieben Jahre vor Gericht für Quellenschutz gekämpft und sich gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber «The New York Times» aufgelehnt. Im Interview spricht er über die Veränderungen bei der CIA, Clickbaiting und die Angst vor der guten Geschichte.

Herr Risen, Sie haben Foltermethoden der CIA wie das Waterboarding aufgedeckt, als erster Reporter überhaupt. Und über die NSA-Überwachungsprogramme geschrieben. Wie kommen Sie an solch pikante Informationen heran?

James Risen: Das ist unterschiedlich. Aber oft sind es Anrufe aus dem Blauen heraus. Quellen, die etwas zu erzählen haben. Die einen Drang nach Gerechtigkeit haben. Und meine guten Kontakte ins Innere der CIA. Bei der «New York Times» war ich ja eine Zeit lang für den Bereich Nationale Sicherheit zuständig – da hat man mit der Zeit ein gutes Quellennetzwerk.

Wie bringt man Menschen zum Reden?

Das ist eine Kunst für sich. Und ein langer Prozess. Beim CIA ist es besonders herausfordernd, mit Quellen zu arbeiten, weil die involvierten Personen sich nicht einfach mit dir in einer Bar um die Ecke treffen können. 90 Prozent meiner Arbeit bestand also im Grunde darin, herauszufinden, wie ich meine Quellen überhaupt treffen konnte. Und wie ich sie dazu bringe, mir zu vertrauen und zu reden. Das Schreiben der Geschichte danach ist ein minimaler Teil des Ganzen.

Was an Ihrer Person war es denn, was die Menschen zum Reden brachte?

Das habe ich mich ein Leben lang gefragt. Ich habe es irgendwie immer geschafft, die Leute zum Reden zu bringen, aber ich wusste ehrlicherweise nie, warum. Es ist in meinen Augen eine Gabe. Und ich habe natürlich gelernt, zuzuhören und meine Quellen als Freunde zu behandeln. Aber ich muss auch sagen: Ich war zu einer anderen Zeit tätig als die Journalisten heute. Vieles war einfacher.

Ach ja? Woran liegt das?

Quellen, die heute etwas erzählen, werden strafrechtlich verfolgt, und das immer rigoroser. Es wird enormer Druck ausgeübt, die Leute haben Angst. Es ist normal geworden, die Leute einzuschüchtern und ihnen einzubläuen, dass ihr Leben vorbei ist, wenn sie einem Journalisten etwas erzählen. Deshalb überlegen sie sich heute zehnmal, ob sie Interna weitergeben – auch wenn es Foltermethoden hinter dem Rücken der Bürger sind.

Hat das mit der Trump-Regierung zu tun?

Ja, das auch. Und ich stelle fest, dass heute verstärkt Militärpersönlichkeiten beim CIA arbeiten. Menschen, die gerne töten, gerne Regeln befolgen. Die CIA war vor ein paar Jahren kulturell noch sehr anders. Die Verantwortlichen waren weltoffener, interessierten sich für die grossen Zusammenhänge und hinterfragten auch ein paar Dinge. Heute folgen viele lieber einer klaren Hierarchie.

Das macht es den Journalisten schwer, zu recherchieren.

Ja, und die Medienbranche hat sich extrem gewandelt in Amerika. Die Medienkrise ist ja allgegenwärtig, mit den Werbeeinbrüchen. Aber das ist überall so.

Sind die Journalisten heute mutiger oder feiger als früher?

Zeitungen wie die «New York Times» versuchen heute stärker, unabhängig zu arbeiten und kritisieren die Regierung offener. Es wäre heute einfacher, eine Geschichte zu publizieren, die sich gegen die Regierung richtet oder Enthüllungen enthält.

Sie haben damit ja schmerzliche Erfahrungen gemacht, im Jahre 2003. Sie deckten die NSA-Überwachungsprogramme damals schon auf – zehn Jahre vor Edward Snowden. Die «New York Times» publizierte Ihren Artikel aber erst 2005, nachdem George W. Bush ins Amt gewählt wurde. Warum wollte die «New York Times» die Geschichte zuerst nicht publizieren?

Das Weisse Haus übte unglaublichen Druck aus. Sie sagten meinem Chef, dass die Geschichte, sollte sie so publiziert werden, eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstelle.

Warum wurde der Artikel dann 2005 doch publiziert?

Weil ich damit drohte, die Geschichte sonst als Buch zu publizieren. Und gerichtlich gegen die «Times» vorzugehen.

Ein paar Jahre später haben Sie sich direkt gegen die US-Regierung gestemmt. 2008 haben Sie sich in einen sieben Jahre währenden Rechtsstreit begeben, weil die US-Regierung die Herausgabe einer Quelle forderte – Sie gaben nicht nach. Warum?

Weil meine Frau mir sagte, ich dürfe nicht. Und ich dachte damals, dass jeder Reporter doch tun würde, was ich tat. Ich dachte, dass die Leser, alle Menschen, das von mir erwarten. Welcher anständige Journalist gäbe denn seine Quellen preis? Ich hätte nicht damit gerechnet, dass das Aufsehen erregt.

Sie fühlten sich aber sehr alleine, wie Sie in Ihrem Artikel über Ihre Zeit als Reporter «zwischen Krieg und Terror» schreiben.

Ja. So empfand ich das. Isoliert.

Hatten Sie nie diesen Moment, wo Sie ans Aufgeben dachten.

Ich habe nie darüber nachgedacht, mit der Regierung zu kooperieren. Ich dachte: Wenn ich das mache, dann sollte ich kein Reporter sein. Ich hatte natürlich Angst, aber ich wusste, es gibt nur zwei Optionen: Kämpfen oder den Journalismus verlassen. Letzteres kam nicht infrage.

Glauben Sie, es gibt noch genügend mutige Journalisten, die ihre Arbeit konfrontativ machen?

Viele Journalisten sind heutzutage zu sehr davon beunruhigt, wie sie im Medienbusiness überleben können. Sie fragen sich dann Dinge wie: Wie viele Klicks generiert mein Artikel? Mit welcher Art von Texten bleibe ich im Gespräch? Was will mein Vorgesetzter lesen? Welche Geschichte generiert am meisten Aufmerksamkeit?

Anstatt?

Anstatt sich zu fragen: Welche Geschichte ist die beste Geschichte?

Welche Geschichten sind es nicht?

Unterhaltungsstorys, beispielsweise. Diese ganzen Geschichten zu Kim Kardashian oder Beyoncé. Das sind Rating-Stories, das ist nichts, was ich als gute Geschichte bezeichnen würde. Oder Donald Trump eine ganze Stunde im Fernsehen auftreten zu lassen. Dabei sollte es doch dem Journalisten immer um die gute, um die beste Geschichte gehen.

Wie sieht diese beste Geschichte aus?

Etwas, das die Wahrheit enthüllt, über die Regierung, beispielsweise. Du erkennst eine gute Geschichte, wenn du sie siehst.

Wie hat Trump die Medienbranche verändert?

Er hatte einen Effekt auf die TV-Sender. Weil er süchtig danach ist, sich zu zeigen. Er hat durch seine ständige Präsenz das Fernsehen in Amerika verändert, und die Art der Berichterstattung über ihn. Er war ja schon immer eine TV-Persönlichkeit und jetzt macht er als Präsident einfach weiter das, was er schon immer tat.

Immerhin hat die «New York Times» durch die Trump-Wahl viele Neuabonnenten erhalten.

Ja, die Zeitungen haben mehr Abonnenten, aber er attackiert die Journalisten konstant.

Wo stehen wir punkto Pressefreiheit?

Es wird immer schwieriger, seinen Job gut zu machen. Pressefreiheit ist auch in Amerika ein Thema. Autoritäre Führer auf der ganzen Welt wollen die Medien zerstören, und Donald Trump will das auch. Trump versucht, die Leute davon zu überzeugen, dass man den Medien nicht vertrauen kann. Dass ausgerechnet der Amerikanische Präsident das macht, und nicht ein normaler Bürger, ist sehr gefährlich. Wir leben als Journalisten in einer schwierigen Zeit, mit all den instabilen Regierungen. In der Türkei werden Journalisten eingesperrt, mundtot gemacht. Italienische Journalisten brauchen Polizeischutz, weil sie von der Mafia bedroht werden. Wir müssen also weiter für Pressefreiheit kämpfen.

Aber ist dieser Kampf gegen das Böse nicht ein gar romantisches Narrativ?

Man kann es so sehen, aber für mich ist es so. Wir werden nicht sehr gut bezahlt, wir machen einen harten Job, und ich glaube wirklich daran, dass es eine Berufung ist. Dieser Job ist nicht für jeden gemacht. Und nicht jeder ist für diesen Job gemacht.

Kann man ein guter Journalist sein, wenn man Angst hat?

Natürlich, ich hatte immer Angst. Aber ich hatte auch immer Unterstützung. Sie dürfen nie darüber nachdenken, welche Konsequenzen Ihre Geschichte haben wird. Sobald Sie das tun, fangen Sie an, den Artikel zu formen, ihn anzupassen an all das, was passieren könnte. Dann machen Sie Ihren Job nicht. Schreiben Sie die Wahrheit auf. So gut Sie können. Und dann überlassen Sie die Konsequenzen sich selbst.