Von David Gugerli, dem Professor für Technikgeschichte an der ETH Zürich, kann man vieles lernen. Natürlich viele Details, das sogenannte Wissen, das die Studenten an ihren Prüfungen reproduzieren müssen. Oder vielleicht auch nicht. Die ETH ist ja nicht nur der Hort des Wissens, sondern zuweilen auch der Ort der Reflexion darauf. Konkret kann man im neusten Buch von David Gugerli lernen, was eine wirklich mächtige Metapher ist.

Die mächtige Metapher ist nicht die schillerndste, die am meisten Aufsehen erregt. Die mächtigsten Metaphern sind die, welche ein Phänomen gnadenlos «verorten». Nach der Lektüre fragt man sich, wie man vorher so blöd sein konnte. Jetzt ist es sonnenklar: «Digitalisierung» ist nichts anderes als ein «Umzug». Wie zügle ich das, womit sich die Computer beschäftigen sollen, in den «digitalen Raum»?

Die Geschichte des Computers kann man natürlich auf verschiedene Art und Weise erzählen. Das ist typisch für Ereignisse in der Vergangenheit. Meist wird das gemacht, indem man der Heroen gedenkt, welche unermüdlich Monster und andere Schrecknisse aus dem Weg geräumt haben, damit wir heute sorglos leben können.

Es beginnt dann mit Babbage, geht über zu Turing, von Neumann, Konrad Zuse und mündet dann irgendwann in kalifornische Garagen. Die Pioniere wirkten – das kommt einem doch so bekannt vor – in mythisch verklärter Zeit. Sie rangen mit Problemen und ihrer Lösung – und irgendwann wurde alles zum Geschäft.

Charles Babbage und seine Zahnräder, Alan Turing und die Kommunikation der deutschen U-Boote, Konrad Zuse – er ist am schwersten zu fassen, weil er «nur» Strömungsprobleme bei Flugzeugflügeln berechnet hat –, das waren die Helden, Herakles und Iason mit seinen Argonauten.

Danach übernahmen die Ingenieure. Ihre Namen sagen uns nicht mehr so viel, wir reden von ihnen in Form von technischen Details: Maschinenarchitektur, Programmiersprachen, Rechen- und Speicherleistung, die allerdings bereits 1965 von Gordon Moore in eine Faustformel gezwängt wurden, die jeden Zauber eines allfälligen Mythos weit vertrieben hat.

Ein Automatisierungsschritt …

Wie Wilhelm Tell und Co. uns auf dem Rütli die Freiheit verschafft haben (man gewähre hier etwas darstellerische Freiheit, es geht ja nur um Mythen), so haben uns diese Helden … – ja, was verschafft? Das Smartphone? Oder den PC? Oder das Internet? Oder Gamen und Facebook?

Der Computer ist für uns heute ein Gebrauchsgegenstand wie ein Kühlschrank. Er macht das Leben leichter. Kürzlich erwähnte jemand den Kühlschrank als Beispiel für eine erfolgreiche Automatisierung. Das war eher überraschend, aber die Begründung überzeugend: Man müsse keine Eisklötze mehr schleppen.

Computer waren gedacht – wie der Name sagt – als automatische Rechner. (Gugerli unterschlägt natürlich nicht, dass der Franzose das Gerät «l’ordinateur» nennt – eigentlich ein ganz anderes Konzept.) Im Film «The Imitation Game», das Alan Turings Leben mit einiger Freiheit abhandelt, ist die Szene zentral, in der Turing seinem Chef klarmachen muss, dass die Maschine dem Zweck der ganzen Übung, den Enigma-Code zu knacken, näher kommt als die menschliche Intelligenz.

Im Film entsteht im Zuschauer das Gefühl, es gehe darum, gegenüber einer plumpen Maschine einen Rest Menschlichkeit zu retten. Skrupel, von denen wir uns schon ziemlich gelöst haben. Die Ausflucht ist natürlich die, dass das, was eine Maschine verschlüsselt hat, auch nur eine Maschine knacken kann.

Was untergeht, und da ist die Erfahrung des Films identisch mit der zentralen Botschaft, wie Remington Rand in einem Werbespot 1951 den UNIVAC präsentierte: Man sieht das Rechnen gar nicht mehr. Zentral im Film ist es der Moment, in dem die Walzen wirklich stillstehen, sich offenbar ein Gleichheitszeichen im drehenden Räderwerk eingenistet hat. Der UNIVAC liefert ebenfalls nur das Resultat: Er druckt die Lohnchecks einer Firma aus. «Die Rechnerei war bereits in die Blackbox der Maschine entschwunden.»

… oder mehr?

Der entscheidende Schritt, dass ab jetzt nur noch mit Zahlen hantiert wird, wird also eigentlich nur per Äxgüsi der Welt kundgetan. Rechnen ist ja auch profan. Und die Turing-Maschinen vollführen ja auch keine kühnen Operationen. 145 mal 167 – das mutet uns noch irgendwie abenteuerlich an. Da braucht es Papier und Bleistift. Im Innern dieser Maschine werden aber nur noch Zeichen im einen Register mit Zeichen in einem andern verglichen und dann umgeschrieben.

Als die Welt mit dem Computer konfrontiert wurde, war auf Anhieb nicht sehr klar, was damit anzufangen wäre. Es geht natürlich alles viel schneller und automatisch, das kannte man bereits. Die Pioniere, eher im Abstrakten unterwegs, hofften, mit der Maschine anspruchsvolle wissenschaftliche Projekte angehen zu können.

Was die Militärs dachten, darauf geht Gugerli nicht direkt ein. Wir können es aber nachlesen in der Vorrede von Stanislaw Lems «Also sprach Golem». Sie träumten vom Superstrategen. Da dieser aber – man wollte ja kein Roter sein – «humanistisch» imprägniert werden musste, erwies er sich im Endstadium gerade für die militärische Aufgabe als völlig ungeeignet.

Der Remington-Rand-Werbespot listet noch «wissenschaftlich, statistische, kommerzielle und logistische» Anwendungsmöglichkeiten auf. Die Tendenz war klar: «Von der wissenschaftlichen Einsicht zum unternehmerischen Handeln». Wie gross der Schritt war, die Maschine wirklich alltagstauglich (und damit kommerziell) wirksam zu machen, zeigte sich erst.

Bevor man die Geburt der künstlichen Intelligenz feiern konnte (von Philosophen und SciFi-Autoren abgesehen, die griffen vor), musste das «Bodenpersonal» ran. Einerseits musste die Maschine für die Daten vorbereitet werden (Maschinenarchitektur und Betriebssysteme), andererseits die Elemente der Welt ausserhalb «formatiert», das heisst zu verarbeitungswilligen Daten umgepackt werden.

Der Programmierer betritt die Bühne. Es war nicht ganz klar: War er der Techniker-Priester, dem es oblag, mit der Maschine zu sprechen, oder nur eine Art Kanzlist, der Listen ausfüllt? Seit uns die Firmen die Personal Computer in die Stube gestellt und uns alle zu ComputerPersonal gemacht haben, ist die Frage nicht erloschen. Sie wird aber nicht mehr gestellt.

Plötzlich ging ein Licht auf

Wörtlich wurde das Statement wahrscheinlich nie gemacht, aber sinngemäss trifft es schon zu: Mehr als eine Handvoll Maschinen würde es wahrscheinlich nicht brauchen. Decca lehnte die Beatles ab und IBM verschlief den PC. Ganz so stimmt es nicht. Der Kleincomputer kommt als Bastelwerk auf die Bühne.

Nach dem Löten – so die Saga – ging es erst richtig los mit der Frage, wofür das Ding dann eigentlich gut sei. Erst als Apple den Computer «for the rest of us» präsentierte, eine Maschine fürs kleine Büro, die Papierkram sortierte, mit der sich Texte schreiben und ein Set von Kalkulationen durchführen liess, ging den Leuten ein Licht auf.

Der Satz von Max Weber, dass Verständnis von Einverständnis abgelöst worden sei – wir verstehen das Drumherum gar nicht mehr, sind aber überzeugt, dass es jemand noch kann und im Griff hat, also alles doch bestens ist – hat sich bewahrheitet. Alle streiten zwar ab, dass ein Leben ohne Smartphone nicht möglich sei, aber versuchen will es trotzdem keiner ernsthaft.

Die Welt, welche für die Maschinen lesbar gemacht wurde, ist nicht die Welt von vorher. Aber inwiefern sie anders ist, macht uns erst die Geschichte, wie es dazu kam, klarer. Wer staunt, wie anders vorher war, muss dieses Buch lesen. Und vermutlich betrifft das ziemlich alle.

David Gugerli: Wie die Welt in den Computer kam. Zur Entstehung digitaler Wirklichkeit. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt a/M 2018., 250 S., Fr. 39.90.