Wer Fragen zu sexuell übertragbaren Krankheiten oder zum Safer-Sex-Verhalten hat, kann sich seit dem 1. Dezember anonym auf einer Online-Plattform der Zürcher Aids-Hilfe beraten lassen. Fachkräfte der Anlaufstelle beantworten Fragen zur Prävention, Diagnose und Behandlung von HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis, Gonorrhoe oder Chlamydiose. Ratsuchende erhalten bis spätestens drei Tage nach ihrer Anfrage eine Antwort.

Die Plattform soll als Ergänzung zur seit 1985 geführten Telefonberatung dienen: «Wir wollen mit dem digitalen Zeitalter mithalten und so junge Erwachsene einfacher und besser erreichen», sagt Joyce Dreezens, Bereichsleiterin Prävention und Migration bei der Zürcher Aids-Hilfe.

Seit der Lancierung des Angebotes am Welt-Aids-Tag hätten sich sieben Personen gemeldet. Dass die Zahl im Vergleich zur Telefonberatung so tief ist – im gleichen Zeitraum gab es dort 23 Beratungen – liegt laut Dreezens daran, dass es noch Zeit braucht, das Angebot bekannt zu machen. Die Beratungsanfragen seien im Monat Dezember generell etwas tiefer, weil die Zürcher Aids-Hilfe während und zwischen den Feiertagen geschlossen war.

Wissen führt zu mehr Tests

Die beiden Beratungskanäle weisen Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Fragen auf, die die Ratsuchenden stellen würden. Im Zentrum steht meist das Thema Prävention: «Oft beziehen sich die Fragen auf den Schutz vor Geschlechtskrankheiten, oder was man machen kann und muss, wenn ein Kondom geplatzt ist. Grundsätzlich wollen die meisten herausfinden, ob sie sich beim Geschlechtsverkehr in eine Risikosituation begeben haben», fasst Dreezens die am häufigsten gestellten Fragen zusammen.

Sie ist überzeugt, dass Unsicherheit Grund für die rege Nutzung der Dienstleistungen der Zürcher Aids-Hilfe sind. «Sexuell übertragbare Infektionen sind immer noch ein gesellschaftliches Tabu. Aber: langsam aber sicher wird mehr darüber geredet», so Dreezens. Dies würde durch Kampagnen, wie beispielsweise die Plakate und Flyer zum Safer-Sex-Check des Bundesamtes für Gesundheit oder durch niederschwellige Angebote, wie die Telefon- und Onlineberatung der Zürcher Aids-Hilfe, gefördert. «Je besser Menschen aufgeklärt sind, desto häufiger lassen sie sich auf Geschlechtskrankheiten hin untersuchen. Desto häufiger werden die Infektionen auch entdeckt», sagt Dreezens.

Neuerkrankungen nehmen zu

Die Meinungen darüber, warum die Fälle sexuell übertragbarer Krankheiten seit Jahren zunehmen, gehen laut der Bereichsleiterin der Zürcher Aids-Hilfe auseinander. Die Zahl der Neuerkrankungen hat laut dem Bundesamt für Gesundheit 2016 bei Gonorrhoe, was umgangssprachlich auch als Tripper bezeichnet wird, mit 2270 Fällen seit dem Jahr 2000 um 20 Prozent zugenommen.

Über den gleichen Zeitraum haben die Erkrankungen für Chlamydiose um acht Prozent auf 11'013 Fälle zugenommen. Für Syphilis – auch Lues, harter Schanker oder Franzosenkrankheit genannt – stiegen die Fälle auf 733 respektive um 15 Prozent seit 2006 an. Bei den HIV-Infektionen dagegen gab es mit zuletzt 542 Neuerkrankungen eine Zunahme von einem Prozent, nachdem die Fallzahlen zwischen 2008 und 2014 rückläufig waren.

Werte in Zürich und Genf am höchsten

Für alle vier Infektionen fanden sich in den bevölkerungsreichsten Regionen der Schweiz – Zürich und Genf – die höchsten Werte. Auch wenn die ersten drei genannten Krankheiten meist mittels Antibiotika behandelt werden können, gebe es Fälle, in denen es zu Spätfolgen und bei Frauen zu Schwangerschaftskomplikationen oder Erkrankungen des Neugeborenen kommt.

Damit diese Zahlen nicht weiter steigen, will Dreezens Menschen dazu motivieren, sich häufiger testen zu lassen. Zudem sei Aufklärung ein gesundheitspolitisches Thema: «Es braucht Therapien und Tests zu angemessenen Preisen. Prävention soll bezahlbar sein», so Dreezens. Als eine wichtige Strategie betrachtet sie den stärkeren Einbezug der Hausärzte in die Prävention: «Sie sollten mit ihren Patienten vermehrt über ihre Sexualität sprechen und sie auf solche Tests hinweisen.»