Ohne körperliche Anstrengung bekommt man sie nicht zu Gesicht: die ersten Sprayfiguren des Street-Art-Altmeisters Harald Naegeli in den Zürcher Grossmünstertürmen. Sie gehören zum noch unvollendeten Zyklus Totentanz, den Naegeli der Zürcher Bevölkerung schenken will.

Drei überlebensgrosse Wandzeichnungen sind inzwischen im öffentlich zugänglichen Karlsturm zu sehen. Sie befinden sich auf dem ersten Zwischenboden, den man nach rund 60 Wendeltreppenstufen erreicht. Fertig gesprayt ist eine Frauenfigur, die das Licht des Turmfensters auf Händen zu tragen scheint. Dem tanzenden Skelett an der benachbarten Wand fehlt hingegen noch ein Bein.

Ob und wann der 78-jährige Künstler sein Werk vollenden wird, ist derzeit ungewiss. Seit Anfang Januar hat er keinen Strich mehr am Totentanz gesprayt. Die Lust dazu scheint ihm abhandengekommen. Er musste einen behördlichen Rüffel einstecken, nachdem er sich erlaubt hatte, da und dort einige Zentimeter ausserhalb des vereinbarten Perimeters auf den unbeschichteten Sandstein und den rohen Bretterboden zu sprayen.

Tanzendes Skelett im nicht zugänglichen Glockenturm: Die Finger und Zehen ragen links auf den unbehandelten Sandstein.

Tanzendes Skelett im nicht zugänglichen Glockenturm: Die Finger und Zehen ragen links auf den unbehandelten Sandstein.

Naegeli beantwortet die Frage nach dem Stand der Dinge schriftlich und kurz angebunden: «Der Politiker der schweizerischen Volkspartei hat eine Weiterführung des Totentanzes bislang verboten.» Gemeint ist Baudirektor Markus Kägi (SVP). Für weitere Auskünfte verweist Naegeli auf den von der Kirchgemeinde beauftragten Projektkurator Thomas Gamma.

Der Handschlag

Gemäss diesem kam es nach dem Wirbel, den das Sprayen in der verbotenen Zone verursachte, zu einer persönlichen Aussprache zwischen Naegeli und Kägi. Der Baudirektor soll sich von Naegeli per Handschlag das Versprechen erbeten haben, sich inskünftig an den erlaubten Perimeter zu halten. Naegeli soll eingewilligt haben. Der Handschlag fand statt.

Ein generelles Verbot zum Weitersprayen hat Kägi nicht ausgesprochen. Auf Anfrage wollte sich der Baudirektor nicht zum Fall äussern. Was Naegeli anbetrifft, ist es ein offenes Geheimnis, dass er sich mit den behördlichen Vorgaben schwertut. Jedenfalls mokierte er sich wiederholt über pingelige Beamtenseelen, welche seine Kunst behindern. Offensichtlich ist der Sprayer von Zürich auch im Alter ein Rebell geblieben. Er wurde ursprünglich wegen seiner illegal angebrachten Zeichnungen im öffentlichen Raum bekannt – und vor Gericht gezerrt.

Naegelis Verdruss über den behördlichen Rüffel mag eine Erklärung sein für seine Unlust, im erlaubten Perimeter weiter zu sprayen. Es gibt noch eine andere, wohl wichtigere: «Naegeli ist unzufrieden mit den ihm zur Verfügung stehenden Flächen», sagt Gamma. Der Kurator glaubt, es zu wissen, weil er in regelmässigem Kontakt mit dem Künstler steht. Naegeli finde, auf den bewilligten Flächen lasse sich der Totentanz nicht mit jener Dramatik darstellen, wie er es sich ursprünglich vorgestellt habe. Um die Wirkung der Figuren zu steigern, wollte sie der Künstler auch auf den Wänden entlang der Treppen und auf mehreren Zwischenböden des Turms anbringen. Die Skelette hätten den Betrachter beim Aufstieg begleitet.

Doch im engen Wendeltreppenbereich erwies sich dieses Vorhaben schon bald als illusorisch. Realisierbar schien es aber entlang der grosszügigeren Holztreppe ab dem ersten Zwischenboden und weiter oben im Turm. Ein entsprechendes Projekt hatte die Kirchenpflege in ihrer ursprünglichen Eingabe an den Kanton beantragt.

Doch dieser strich die Flächen auf den heutigen Perimeter im ersten Zwischenboden zusammen. Hauptsächlich aus zwei Gründen, wie Gamma sagt: Zum einen, um die feinen mittelalterlichen Steinmetzzeichen nicht zu gefährden. Zum andern, um die Eisenklammern im Sandstein zu schützen. Man befürchtete, der Schutzanstrich könnte das Metall angreifen.

Neuer Anlauf

Gamma und mit ihm Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist, der vom Totentanzprojekt ebenfalls angetan ist, sind aber überzeugt, dass man den Wünschen des Künstlers entgegenkommen kann, ohne den Denkmalschutz zu vernachlässigen. «Wir werden deshalb eine neue Eingabe an die Baudirektion machen», sagt Gamma. Wann genau, ist noch offen. Beide hoffen, für Naegeli zwei oder drei zusätzliche Flächen im Karlsturm zu erhalten. «Wir wissen, dass ihm diese Erweiterung wichtig ist», sagt Gamma.

Da Baudirektor Markus Kägi sein Amt am 6. Mai abgibt, wird sich höchstwahrscheinlich der Nachfolger oder die Nachfolgerin damit befassen müssen. Das dürfte der neugewählte Regierungsrat Martin Neukom (Grüne) oder Carmen Walker Späh (FDP) sein, die bisherige Volkswirtschaftsdirektorin. Ob der Direktionswechsel die Chancen der geplanten Eingabe erhöht, ist schwer abzuschätzen. Der Kurator und der Grossmünsterpfarrer hoffen jedenfalls, dass es klappt. Sie finden, das von Künstler Harald Naegeli neu interpretierte Thema Totentanz passe gut in die Kirche.

Sollte der neue Magistrat oder die neue Magistratin kein Einsehen haben und Naegeli nicht mehr weitermachen, bliebe der Totentanz ein Fragment. «Auch damit könnte ich leben», sagt Gamma, «das ist besser als gar nichts».

Empört bis begeistert

Wegen der unvollendeten Sprayarbeit im Karlsturm ist bisher kein merklicher Anstieg der Besucherzahlen im Grossmünster registriert worden. Die Reaktionen des Publikums fasst Gamma so zusammen: «Wir haben das ganze Spektrum – von Begeisterung bis Empörung.» Ein Teil der Leute wolle einfach den Turm besteigen und interessiere sich nicht für die gesprayten Figuren. Ein anderer Teil, denen der Name Naegeli nichts sagt, halte die Wandzeichnungen für Vandalenakte. Und dann gibt es eine dritte Gruppe. Sie komme extra wegen des Totentanzes – und reagiere begeistert.